Cédric Botter 09.07.2015

«Dann ist da plötzlich diese Leere…»

Cédric Botter heute und während seiner Zeit als Profispieler bei GottéronBilder Charles Ellena/Alain Wicht/a
Besser als Cédric Botter kann man auf ein Karriereende kaum vorbereitet sein. Dennoch sagt der ehemalige Gottéron-Stürmer gut zwei Jahre nach seinem Rückzug: «Ich habe wirklich gelitten.» Mittlerweile hat der 30-Jährige aus dem Tief herausgefunden – auch dank Vulkanen und Wasserball.

Während seiner Zeit bei Gottéron nannten ihn die Mitspieler manchmal den Ausserirdischen. Während sich andere im Teambus auf ihren Laptops DVDs anschauten, schrieb Cédric Botter oft wissenschaftliche Arbeiten. Der heute 30-Jährige hat sich nie darauf beschränkt, nur Eishockey zu spielen. Bereits während seiner Karriere als Profisportler begann er mit seinem Doktorat in Vulkanologie, einem Teilgebiet der Geologie. «Ich habe mich so gut vorbereitet gefühlt», sagt Cédric Botter.

Gut zwei Jahre nach dem Ende seiner Profikarriere sitzt er auf der Terrasse eines Restaurants im Freiburger Perolles-Quartier. Modisch gekleidet, neben ihm sein hippes rotes Velo. Botter kommt direkt aus seinem nahe gelegenen Büro an der Universität Freiburg, wo er die Daten, die er über die vulkanischen Feinpartikel gesammelt hat, analysiert. Es ist nicht zu übersehen, dass dieser junge Mann vieles mehr in seinem Leben hat als Eishockey.

 Kossmann und der Respekt

 Und dennoch blickt Botter auf eine schwierige Zeit zurück. «Ich habe wirklich gelitten», sagt er über das Ende seiner Karriere. «Die Transitionsphase war extrem schwierig, ich hätte nicht gedacht, dass es physisch und psychisch so hart sein wird.» Plötzlich war der Alltag nicht mehr geprägt von Emotionen und Spannung. «Es braucht eine Anpassungszeit, um aus der Blase der Eishockey-Profiwelt herauszufinden. Was man als Profisportler jeden Tag erlebt, Adrenalin und körperliche Extremleistungen, gibt es plötzlich nicht mehr einfach so selbstverständlich. Ich habe mich deshalb lange nicht wohlgefühlt. Sport ist wie eine Droge.»

Erschwerend kam für Botter hinzu, dass das Karriereende früher kam als gewünscht. «Ich hätte sicher noch zwei Jahre angehängt. Natürlich hat es mich genervt, dass mich die Leute einfach nicht wollten. Ich war nicht der Stürmer, der viele Tore schoss, aber was ich machte, machte ich ganz gut.» Besonders enttäuscht hat ihn, dass er bei Gottéron nicht mehr erwünscht war–nach acht Saisons an der Saane. Nach einer Saison, in der Gottéron den Playoff-Final erreichte und Botter in den Playoffs vier Tore schoss–so viele wie nie zuvor. «Aber mit Trainer Kossmann lief es am Ende gar nicht mehr gut. Er hatte nicht viel Respekt. Nicht nur mir, sondern allen gegenüber. Wenn man dann fast 30 ist, hat man irgendwann genug davon», sagt Botter. Als Viertlinienspieler sei man zwar in einer schwierigen Position, weil man wisse, dass man nicht unersetzbar sei. «Deshalb muss man vieles schlucken. Aber es hat Grenzen. Deshalb habe ich begonnen, Kossmann zu sagen, was ich davon halte, dass er ständig herumbrüllt, dass das irgendwann nicht mehr funktioniert.» So hat sich das Verhältnis der beiden nicht gut entwickelt–und Botter musste gehen.

 Monatelang gehofft

Das hätte noch nicht das Ende der Karriere bedeuten müssen. Botter hatte Angebote aus der Nationalliga B. «Aber darauf hatte ich nie wirklich Lust.» Es folgte ein Probetraining in Biel. Die Seeländer waren einer Verpflichtung nicht abgeneigt, hofften darauf, dass die Verzweiflung Botters so gross ist, dass sie ihn als Schnäppchen verpflichten können. Bei Gottéron hatte er rund 130 000 Franken im Jahr verdient, Biel bot ihm die Hälfte. «Das war ein Zeichen für mich, dass die Lust, mich im Team zu haben, nicht so gross ist. Ich war der Meinung, dass ich einen gewissen Wert habe.» Also trainierte er weiter, um sich fit zu halten. Mit dem 1.-Liga-Team der Düdingen Bulls oder auch alleine. «Ich habe noch monatelang gehofft, dass ein Angebot kommt. Ein Angebot, das zeigt, dass jemand den Wert erkannt hat, den ich habe. Monatelang habe ich deshalb im Vitaparcours trainiert wie ein Kranker.» Umsonst. Erst im November 2013, sieben Monate nach Botters letztem Spiel, zeigte plötzlich Gottéron wieder Interesse. Die Freiburger waren mit dem Saisonstart von Nachfolger Martin Ness nicht zufrieden. «Sie haben wohl gemerkt, dass es ein Fehler gewesen war, mich so wegzuputzen. Aber das Angebot kam fast schon zu spät.»

So schwierig die Transitionszeit auch war, zu diesem Zeitpunkt hatte Botter «das alte Leben bereits zu Tode getragen.» Weil Gottéron ihm zudem nur einen Kurzvertrag bis Ende Saison anzubieten bereit war, musste er nicht lange überlegen. Genau wie als einen Monat später Ambris Trainer Serge Pelletier anklopfte. Denn mittlerweile war Botters Frau schwanger. Heute ist der gemeinsame Sohn 14 Monate alt. «Ich hatte wenig Lust, die ganze Familie nach Ambri zu bewegen. So schwierig die Monate zuvor auch gewesen waren. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits Lust auf andere Dinge im Leben.»

 Wasserball statt Eishockey

Die hat er gefunden. «Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Aber es ist tatsächlich noch immer so, dass ich ständig nach Emotionen und Herausforderungen suche. Es tut mir gut und ich brauche das, weil als Spitzensportler so viele Emotionen in meinem Leben waren.»

 Beruflich erhält er diese Adrenalinschübe in erster Linie bei Vulkanausbrüchen. Zwei bis drei Mal pro Jahr bereist er Vulkane und sampelt Gase und Partikel. «Ich arbeite auf Vulkanen, die dauernd aktiv sind, alle 20 Minuten gibt es Explosionen. Es ist beeindruckend und spannend, wie es andauernd knallt.» Deshalb will Botter sein Doktorat, dessen Finanzierung noch zwei Jahre lang gesichert ist, zu Ende bringen. Auch wenn er später eigentlich an einem Kollegium Biologie und Geografie unterrichten möchte und deshalb nebenbei die Ausbildung zum Sekundarlehrer II vorantreibt.

 Seine Freizeit füllt Botter mit viel Sport aus. «Ich bin überrascht, wie abhängig ich bin–immer noch. Das hätte ich echt nicht erwartet.» Zu unregelmässigen Herausforderungen wie Fallschirmsprüngen kommen fixe Trainings dazu. Zweimal pro Woche geht Botter ins Fitnesszentrum. Und mindestens zweimal pro Woche spielt er … Wasserball. «Ich habe etwas gesucht, das wirklich tough ist, etwas, bei dem ich mich richtig durchbeissen muss.» Das muss Botter, der mit dem Schwimmclub Freiburg in der 2. Liga spielt, beim Wasserball. «Viele Mitspieler und Gegner waren früher Schwimmer. Es ist deshalb wirklich anstrengend–auch, weil es sehr viel Körperkontakt gibt. Vor allem unter dem Wasser geht es extrem ab. Das ist zwar eigentlich nicht erlaubt, aber die Schiedsrichter sehen es nun einmal nicht. Da kann man deshalb nicht immer jammern, sondern muss einfach stark genug sein, um das zu kontern. Ich habe echt eine Leidenschaft für diesen Sport entwickelt.»

Sorglose Kollegen

Cédric Botter hat es nach leichten Anlaufschwierigkeiten letztlich geschafft, die grosse Lücke, die am Ende einer Sportlerkarriere entsteht, zu füllen. «Aber ich habe Angst um all die Kollegen, die neben Eishockey spielen absolut nichts machen und am Ende der Karriere nichts in der Hand haben. Das muss der Horror sein. Da kann ich gut verstehen, dass du in ein grosses Loch fällst und beispielsweise beginnst, zu viel Alkohol zu trinken oder in Depressionen fällst», sagt Botter, «aber leider gibt es Leute, die sich bis zum Ende der Karriere keinerlei Sorgen machen. Dann ist da plötzlich diese Leere …»

Sommerserie

Das Leben nach der Karriere

In einer Sommerserie porträtieren die FN Sportlerinnen und Sportler, die in den letzten Jahren ihre Karriere beendet haben.fm

Zur Person

Cédric Botters Karriere

Für den SC Bern (2003 bis 2005) und Gottéron (2005 bis 2013) bestritt Cédric Botter insgesamt 464 Spiele in der NLA. Er erzielte dabei 31 Tore und gab 36 Assists. Sein grösster Erfolg war 2004 der Meistertitel mit dem SC Bern. 2003 nahm Botter, der mit seiner Familie in der Stadt Freiburg wohnt, mit der U18 an der Junioren-WMteil.fm