Corrida Bulloise 19.11.2012

Äthiopischer Nobody läuft allen davon

Sieger Tsegaye Mekonnen – der Unbekannte mit der Startnummer 48 – mischt die Spitzengruppe der Männer auf. Bild Corinne Aeberhard
Trotz 15-stündiger Autofahrt und Hotelsuche in der Nacht spurtete Tsegaye Mekonnen an der Corrida Bulloise der arrivierten Konkurrenz davon. Marjam Jamal (Bahrain) tat es dem Äthiopier gleich und gewann den Stadtlauf.

Die Geschichte von der langen Autofahrt unmittelbar vor dem Rennen hierzulande hat man schon oft von ausländischen, insbesondere von Läufern aus dem Ostblock gehört. Aber die Geschichte des 17-jährigen Tsegaye Mekkonen ist vielleicht noch etwas verrückter: Mit seinen portugiesischen Kollegen reiste er in einer 15-stündigen Autofahrt in der Nacht auf Samstag an. Das mit den Organisatoren vereinbarte Hotel war um 1 Uhr nicht mehr offen, da musste die Clique noch auf Hotelsuche …

Fünfter der Junioren-WM

Dem 17-Jährigen schienen die Strapazen nichts anzuhaben. An der Corrida über acht Runden zu 1 km hielt er ohne Probleme in der grossen Spitzengruppe mit. Kilometer-Rundenzeiten von 2:54 bis 2:59 Minuten wurden gemessen. Erst als Vorjahressieger Abraham Tadesse anzog, dezimierte es die Gruppe auf vier Läufer. Den Schlusskilometer liefen sie in 2:38 Minuten, und Mekkonen gewann den Spurt klar, keine Spur von den Strapazen vor dem Rennen.

Nach etwelcher Recherche stellte sich schliesslich doch heraus, das Mekkonen schon ein wertvolles Resultat aufweist, das auf sein Talent hinweist: Er war Fünfter über 5000 m an der Junioren-WM in der Altersklasse der 18-/19-Jährigen! Und mit den Strapazen nicht genug: Tsegaye Mekkonen und die Portugiesen–Hugo Pinto ist Mekkonens Trainer–reisten am Sonntag nach Paris an einen Cross.

Es bleibt die Frage, ob Tsegaye Mekkonen es auch so weit bringen wird wie Marjam Jamal: Die ehemalige Äthiopierin kam einst auch mit 17 Jahren in die Schweiz, als unbekannte Asylbewerberin namens Tola Zenebech. Heute, nach Namensänderung, besitzt sie die Nationalität von Bahrain und ist mittlerweile zweifache Weltmeisterin über 1500 m. Wie bei den Männern gab es auch bei den Frauen ein Gruppenrennen. Im Spurt zeigte Jamal schliesslich, warum sie Mittelstreckenweltmeisterin ist.

Bandis Abschied und Röthlins Trainingsstart

Der 35-jährige Berner Philipp Bandi, der an der Corrida schon Spitzenränge vorweist, hielt drei Runden in der Spitzengruppe mit. Dann gesellte er sich zum Australier Clint Perret und wurde schliesslich als erster Schweizer Elfter. Für den Leader und dreifachen Gesamtsieger des Postcups sowie mehrfachen Schweizer Meister sind die jetzigen Stadtläufe die Abschiedstour.

Ganz anders der 38-jährige Viktor Röthlin (13.), der lange deutlich zurücklag und nach einer Steigerung am Schluss bis auf zwei Sekunden an Bandi herankam: Der ehemalige Marathon-Europameister erklärte: «Ich wusste, dass es gegen Philipp schwer sein würde. Ich beginne jetzt mit dem Aufbautraining für einen Marathon exakt in 14 Wochen.» Und den wird Röthlin in Tokio laufen. Sein Ziel in Bulle war, unter 3:00 pro Kilometer zu laufen. Sein Schnitt lag schliesslich bei 2:55.

Mirja Jenny und ihre «Hüetmeitschi»

Auch die Bernerin Mirja Jenny ist mit 36 Jahren in der Altersklasse von Bandi und Röthlin. Sie lief in der Verfolgergruppe als erste Schweizerin auf den 8. Rang. Sie ist dreifache Mutter von drei Mädchen (10- und 8-jährig sowie 18 Monate) und ist zu 40 Prozent berufstätig. Derzeit trainiert sie durchschnittlich 100 Kilometer pro Woche. Auf die Frage, wie sie das unter einen Hut bringe, erklärt sie: «Die älteste Tochter ist ein perfektes Hüetemeitli» Mirja Jenny trainiert auf die EM 2014 in Zürich hin, wo sie über 10 000 m an den Start will.

Für die Murtenlauf-Dritte Martina Strähl (11.) war die 6 km lange Corrida bloss ein Spurt, und sie meinte etwas ironisch: «Auf den ersten fünf Runden war ich noch gar nicht warm.»

 

Freiburger: Starke Leistung von Valérie Lehmann

Lange lieferten sich Valérie Lehmann (TV Bösingen) und die Bernerin Mirja Moser ein Duell um den Titel der besten Schweizerin an der Corrida Bulloise. Nach sechs der zehn Runden musste die Senslerin abreissen lassen, war aber schliesslich mit ihrem 10. Rang als zweite Schweizerin sehr zufrieden: «Ich war überrascht, dass ich so lange mit Mirja mithalten konnte», meinte die Dritte des Postcups.

Kempf vor Brügger

Bester Freiburger bei den Männern war Andreas Kempf (Heitenried) auf dem 24. Rang. Kempf war 28 Sekunden schneller als der Murtenlauf-Siebte Michel Brügger (Alterswil). Mittelstreckler Kempf meinte: «Ich bin sehr zufrieden und auch überrascht, denn ich habe im Training noch kaum Schnelles gemacht.» Kempf trainiert auf die Cross-SM in Düdingen hin. Die Härte dazu holt er sich nun an den Stadtläufen.

Für Michel Brügger (Alterswil, 27.) war die Corrida das erste Rennen nach seinem 7. Rang am Murtenlauf: «Ich bin eine Minute langsamer als im Vorjahr. Es fehlt natürlich noch die Spritzigkeit. Jetzt werde ich noch in Basel, Sitten und Zürich starten», meinte der 31-Jährige.