Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Unerwartete Menschlichkeit

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Inspiriert wurde die Autorin Emmanuelle Pirotte von der Geschichte ihrer Grosseltern, die im Zweiten Weltkrieg mutig und heldenhaft ein jüdisches Kind versteckten. «Heute leben wir» wird zurzeit verfilmt. Die Geschichte ist keine reine Fiktion. Der historische Rahmen und die Schauplätze sind real. Es handelt sich um das Gebiet der Ardennen, vorwiegend im Südosten der belgischen Region Wallonien gelegen.

1944: Die Ardennenoffensive – deutscher Deckname «Unternehmen Wacht am Rhein» – war ein Versuch der deutschen Streitkräfte, den westalliierten Armeen eine grosse Niederlage zuzufügen und den Hafen von Antwerpen zurückzuerobern.

Matthias, ein deutscher Soldat, gehört einem Sonderverband der berüchtigten und äusserst kampfstarken SS an. Dessen Mitglieder haben eine ganz bestimmte Mission: sich als Amerikaner verkleiden, die gegnerischen Truppen infiltrieren und dort Chaos säen. Dazu braucht es sprachgewandte und versierte «Kampfmaschinen» – und Matthias entspricht den Anforderungen vollumfänglich. Es ist aber nicht so, dass er ein glühender Nationalsozialist wäre. Im Gegenteil, für die Judenvernichtung und den Rassenwahn der Nazis hat er nichts übrig. Er hat auch längere Zeit in Kanada gelebt, fernab von den politischen Wirren in Europa. Eine indianische Heilerin hatte ihn nach einer schweren Verletzung gesund gepflegt und ihm den Namen «Tötet viel» gegeben. Konnte diese Frau die Zukunft lesen?

Zurück in Europa erweist Matthias seinem indianischen Namen alle Ehre. Als Soldat kann er ohne Skrupel töten.

Wie kommt dieser Mann dazu, ein jüdisches Waisenkind zu retten – gegen den ausdrücklichen Befehl der Nazis, Juden, egal ob Kind, Frau oder Mann, zu töten?

Sein Gegenüber, die andere Hauptfigur, das jüdische Mädchen Renée, könnte gegensätzlicher nicht sein. Sie weiss nicht genau, wie alt sie ist, sieben- oder achtjährig, dunkle Locken, selbstbewusst, und überlebt, weil der Soldat, die Tötungsmaschine, es nicht schafft, das Kind zu töten.

Wegen der Kämpfe zwischen Alliierten und SS-Divisionen fliehen viele Bewohner aus ihren Dörfern. Sie übergeben Renée, die sie vor den Deutschen versteckt hatten, dem Pfarrer. Dieser reicht sie weiter an zwei Männer in einem amerikanischen Jeep, getarnt als US-Soldaten. Ihr Schicksal scheint besiegelt…

Sowohl der SS-Offizier, der in der Erzählung sehr differenziert dargestellt wird, als auch Renée und die anderen Personen sind authentisch gezeichnet und wirken durchwegs glaubwürdig. Immer wieder wird dem Leser vor Augen geführt, wie der Krieg die Menschen verrohen und unmenschlich werden lässt, seien es Deutsche, Amerikaner oder Franzosen. Ein grosses Verdienst der Autorin ist es, nicht der Einseitigkeit verfallen zu sein. Pirotte macht jedoch auch deutlich, dass sich Menschlichkeit manchmal auch völlig unerwartet dort zeigt, wo man es am wenigsten erwartet hätte. Besonders lobenswert ist, dass die Autorin auf Schwarz-Weiss-Malerei verzichtet, die Charaktere sind in keiner Weise nach dem Gut-Böse-Schema gezeichnet. Die klare, ungeschminkte, ehrliche Sprache beschreibt die Dinge und die handelnden Personen so, wie sie nun mal eben sind. «Heute leben wir» ist der erste Roman von Emmanuelle Pirotte und war ein grosser Publikumserfolg in Frankreich, ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen. Sie lebt in einem kleinen belgischen Dorf.

Emmanuelle Pirotte: «Heute leben wir», Roman, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2017, 286 S. (Aus dem Französischen v. Grete Osterwald)

Aldo Fasel ist Leiter der Volksbibliothek Plaffeien-Oberschrot-Zumholz.

Mehr zum Thema