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Ursache für hohe Suizidquote noch ungewiss

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Ursache für hohe Suizidquote noch ungewiss

Symposium an der Universität Freiburg zu Ehren des 60-jährigen Moraltheologen Adrian Holderegger

Seit über 30 Jahren setzt er sich mit dem Suizid auseinander. Trotzdem stehe er bei vielen Fragen noch immer am Anfang, sagt der Moraltheologe Adrian Holderegger: ein Gespräch mit dem Kapuziner anlässlich des Symposiums «Grenzgänge der Theologie».

Mit ADRIAN HOLDEREGGER
sprach IRMGARD LEHMANN

Die Moral – unausgesprochen wohl – spielt im Leben der Menschen immer wieder eine Rolle. Wie sehen Sie das?

Unsere Gesellschaft wie auch jeder Einzelne kommt ohne verbindliche Regeln nicht aus.

In einer Gesellschaft muss man beispielsweise darauf vertrauen können, dass Leib und Leben geachtet und geschützt sind. Andernfalls ist kein verlässliches Zusammenleben möglich. In vielen Bereichen – insbesondere in der Medizin – spitzen sich die Fragen nach dem, was wir verantworten können zu.
Denn nicht alles, was wir können, ist menschlich sinnvoll und verantwortbar. Weil es aber unterschiedliche Auffassungen über das menschliche Mass gibt, sind solche Fragen sehr oft kontrovers. Gerade die Abstimmung über das Partnerschaftsgesetz hat uns gezeigt, wie unterschiedlich Vorstellungen über Geschlechtlichkeit, Ehe und Familie sind.

Sie haben über viele Themen geschrieben. Doch populär wurden Ihre Schriften über den Suizid. Ja, Sie gelten gar als Suizidexperte. Wie kommt ein Kapuziner zu einer solchen Thematik?

Ich stamme aus dem Kanton Appenzell, der eine der höchsten Suizidquoten europaweit hat. Weil ich während des Studiums auch Fächer in Psychologie belegte, interessierte es mich, dieser Frage einmal etwas wissenschaftlicher nachzugehen. Es blieb sozusagen ein Stachel zurück, weil ich diese Frage nie befriedigend beantworten konnte – wie überhaupt die Frage, warum Menschen letztendlich Suizid begehen. Deshalb habe ich diese Frage immer wieder aufgegriffen – nicht zuletzt auch von aussen angestossen.

Auch jetzt nicht – nachdem Sie sich damit über 30 Jahre auseinander gesetzt haben?

Die Forschung steht immer noch vor vielen Rätseln. Man weiss z. B. nicht, warum beim einen Menschen das Leben eine suizidale Entwicklung nimmt und ein anderer wiederum in die Sucht flüchtet. Dies bei ähnlichen Voraussetzungen.

Und wie beurteilen Sie den Suizid aus der Sicht eines Moraltheologen? Aus christlicher Sicht?

Wir müssen heute davon ausgehen, dass die allermeisten Menschen, die einen Suizid begehen, aus einer Notsituation heraus handeln und am Leben festhalten möchten, es aber nicht mehr können.

Die Forschung hat gezeigt, dass es Faktoren gibt (z. B. Partnerverlust, schwere psychische Krankheit), die derart zu einem verengten inneren psychischen Zustand führen, dass es den Betroffenen nicht mehr mög-
lich ist, auf Leben und Lebensgestaltung aktiv Einfluss nehmen zu können.
Die Kirche und die Theologie hat dies in der jüngeren Geschichte zur Kenntnis genommen; Suizidanten werden nicht mehr ausgegrenzt, indem man ihnen ein ordentliches Begräbnis oder einen Gottesdienst verweigert. Im Gegenteil. Auf der andern Seite bleibt aber die theologische Tatsache, dass wir unser Leben Gott verdanken und dass wir gerade von daher gesehen damit sorgsam umzugehen haben.

Die Schweiz hat europaweit die höchste Suizidrate. Wo sehen Sie die Gründe hiefür?

Wir stellen fest, dass es in der Schweiz seit den 50er-Jahren annähernd die gleich hohe Suizidqoute gibt. Konjunkturelle Schwankungen, der Mentalitätswandel und ähnliches spielen nicht die Rolle, wie man meinen könnte.

Man sprach schon davon, dass diese Art der Konfliktbewältigung zu einer Art kultureller Eigenart geworden sei. Das zeigt nur, dass man zwar einige Faktoren ausmachen kann (Isolation, Krankheit usw.), dass man aber bis heute nicht in der Lage ist, ein umfassendes Ursachenbild für diese hohe Suizidquote zu erstellen.

Viel wichtiger ist es, sich Gruppen zuzuwenden, die ein hohes Suizidrisiko aufweisen (z. B. Jugendliche). Letztlich kann man nur so effizient Suizidprävention betreiben.

In den letzten zehn Jahren hat sich das Bild auch gewandelt.

Ja, innerhalb der Altersgruppen gab es Verschiebungen. Bei jungen Leuten, bei 13-/14-Jährigen hat der Suizid zugenommen. Auch Verletzungen, die sich junge Leute zufügen, häufen sich. Schuldruck, eine unsichere Zukunft und familiäre Situationen mögen Grund dafür sein.

Stabiler geworden ist allerdings die Altersgruppe der 30- bis 40-Jährigen.

Jetzt sind Sie 60 Jahre alt geworden und ziehen wohl hie und da Bilanz. Bleiben da offene Wünsche an die Gesellschaft, an das Umfeld?

Da ich an der Universität tätig bin, wünsche ich mir weiterhin eine Universität, in der das freie Wort und die freie Forschung möglich sind, aber auch eine Universität, in der Theologie weiterhin einen Platz hat, eine Theologie, die mit allen Mitteln des Verstandes den Glauben und die Glaubenstraditionen für sich und für andere zu verstehen sucht. Doch Voraussetzung hiefür sind und bleiben genügend finanzielle Mittel.

Der Kapuziner Adrian Holderegger ist seit 1982 Professor für Theologische Ethik an der Universität Freiburg. Zu seinem 60. Geburtstag haben Freunde und Studierende ein Symposium mit dem Thema «Grenzgänge der Theologie» organisiert. Rund 120 Personen aus Politik, Wissenschaft und Kirche haben am Freitag daran teilgenommen.

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