Darts 29.12.2018

Präsidentin, Teenagerin, Europameisterin – drei Frauen und Darts

In der männerdominierten Sportart Darts spielten dieses Jahr zum ersten Mal zwei Frauen an der Weltmeisterschaft in London mit. In der Schweiz stehen ebenfalls Frauen an der Dartscheibe. Die Geschichten der Präsidentin des einzigen Deutschfreiburger Dartclubs, einer Teenagerin und ihrem Papa sowie der aktuellen Europameisterin, die nicht trainiert, aber trotzdem dominiert.

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Bei Esther De Mamiel auf dem Esstisch steht ein Fondue-Caquelon. Der Preis für den zweiten Platz beim Turnier der FKB Darts League in Wünnewil. Das Turnier nahm ein freudiges Ende nach einem Schock am Morgen. De Mamiel erschien zu spät in der Aula von Wünnewil. Die Amateurliga ist beliebt, die 60 Startplätze immer sofort voll, die Regeln darum strikt. De Mamiel nervte sich: «Seit 7 Uhr bin ich wach, vertrieb mir zu Hause die Zeit bis zum Turnierstart. Ich hatte die falsche Uhrzeit für die Anmeldung im Kopf. Nun muss ich die Konsequenzen tragen.» Sie hat sich zwar inzwischen für die ersten drei Turniere im 2019 angemeldet, wird aber eventuell noch auf die Warte­liste gesetzt.

Esther De Mamiel wohnt mit ihrem Ehemann Kevin, ein Australier, in Schmitten. Er war es, der anfing mit Steeldarts. Sie kam dadurch ebenfalls auf den Geschmack. Zu Beginn warf die diplomierte Aktivierungsfachfrau ihre Pfeile nur in der eigenen Garage. Im Jahr 2016 hatte sie den Mut, sich bei der FKB Darts League, eine Amateurliga hauptsächlich für Spielerinnen und Spieler aus der Region Freiburg und Bern, anzumelden. Sie war damals unsicher, ob ihr Niveau gut genug ist und ob sie das Schreiben meistert. Denn während sich zwei Spieler an der Dartscheibe duellieren, braucht es an den Turnieren eine dritte Person, welche die Punkte aufschreibt. Von 501 runter auf null rechnet diese jeweils nach den drei Pfeilen die noch benötigten Punkte aus und schreibt sie auf die Tafel neben der Scheibe. «Amateure werfen im Vergleich zu den Profis viele verschiedene Zahlen. Das macht das Rechnen schwieriger. Neuanfänger haben grossen Respekt vor dieser Aufgabe, einige spielen gar darum nicht an Turnieren», sagt Esther De Mamiel.

Präsidentin ohne Lizenz

Die Schmittnerin hielt das Schreiben nicht von einer Turnier-Anmeldung ab. Heute ist sie froh darüber. Anlaufschwierigkeiten als Frau, in einer Szene die von Männern dominiert ist, hatte sie nicht. Zu Beginn war De Mamiel eine von nur zwei Frauen – heute sind teilweise bis zu fünf der 60 Teilnehmer weiblich. «Man nimmt mich als Darts-Mitstreiterin und nicht als Frau oder gar Exotin wahr. Ich bin super integriert.» De Mamiel wird Teil einer Gruppe von Kollegen und Bekannten aus der Region, zu der auch ihr Mann gehört. Er und einige weitere Mitglieder wollen eine Lizenz lösen und an der nationalen Meisterschaft des Schweizerischen Darts Verbands (SDA) teilnehmen. Dafür braucht es einen Verein mit Statuten. Darum entsteht im Frühjahr 2017 der Dart Club Sense Steel. Esther De Mamiel ist Präsidentin des Clubs, weil sich sonst niemand für das Amt gemeldet hat. Vorerst drei Jahre steht sie dem einzigen Deutschfreiburger Dartclub vor. Was im Jahr 2020 passiert, weiss sie noch nicht. Die Präsidentin hat selber keine Lizenz. «Ich werde höchstens als Notnagel einspringen,» sagt sie. Ihr gefällt es an den Amateurturnieren, an denen sie nur teilnehmen kann, solange sie keine Lizenz hat.

Dundee’s Chick

Im Darts ist es üblich, das die Spielerinnen und Spieler einen Spitznamen haben. Bei Esther De Mamiel kamen die Organisatoren der Darts League auf die Idee: Dundee’s Chick. Der Name entstand in Anlehnung an ihren Mann Kevin, der aus Australien stammt. Genauso wie die berühmte Filmkomödie «Crocodile Dundee». Mit Dundee’s Chick ist die Frau des Krokodiljägers Mick Dundee gemeint. Esther De Mamiel war mit diesem Vorschlag einverstanden. «Mr. Nice Guy», «John Deere» oder «The Fork» lauten andere, hauptsächlich englische Namen innerhalb der Amateurliga.

Anfang November 2018: Dundee’s Chick nimmt am ersten TV-Turnier der Darts League teil. Der regionale Sender Rega-TV filmt die Duelle an einer der Scheiben auf der Bühne mit zwei Kameras. Die Livesendung beginnt schon am Morgen für die Qualifikationsspiele, ab Mittag startet das offizielle Turnier und der Final ist zur abendlichen Primetime geplant. Es soll ein Darts-Fest werden in Anlehnung an die jährliche WM in England (siehe Box). Es finden aber nur wenige Zuschauer den Weg nach Bösingen, noch weniger davon sind verkleidet. Dafür haben sich die Spieler herausgeputzt: Ein Mann hat sich eine Dartscheibe auf die kurzen Haare am Hinterkopf zeichnen lassen, ein anderer trägt knallrote Hosenträger.

An der Scheibe 6, fernab von den TV-Kameras, spielt Esther De Mamiel. Schwarzes T-Shirt, auf dem Rücken steht in violetter Schrift Dundee’s Chick. Das Spiel geht los. Warten, vortreten, konzentrieren, werfen, konzen­trieren, werfen, konzentrieren, werfen, nach vorne an die Scheibe laufen, Pfeile rausziehen, warten. Sie zieht einen schlechten Tag ein – Niederlage reiht sich an Niederlage. Sie nimmt es gelassen hin. Erfolg steht bei der 48-Jährigen nicht an erster Stelle. Für sie ist die Kollegialität entscheidend, das Eintauchen in die ganz eigene Welt des Darts.

Der Freudenschrei

«Ein Turniertag ist für mich Entspannung, ein Tag frei von Arbeit und Haushalt.» Hat sie dieses Bedürfnis zwischen den Turnieren, lädt sie ihre Freunde für einen Dartabend nach Schmitten in ihre Garage ein – Essen, Trinken, Dartspielen, die Zeit vergessen. Selten übt sie alleine, mehrmals in der Woche spielt sie einige Stunden zusammen mit ihrem Mann oder im Clublokal, in der Pfandmatta in Heitenried. «Darts ist für mich ein sozialer Sport. Täglich stundenlang alleine Pfeile werfen kann ich nicht. Wahrscheinlich wird darum mein Spiel auch nur langsam besser.»

Nachmittag am Turnier in Bösingen: Esther De Mamiel erhält Besuch. Eine ältere Frau und ein älterer Mann, der im Rollstuhl sitzt. De Mamiel umarmt beide innig. Es sind Bewohner aus dem Pflegeheim, in dem sie arbeitet. «Wir wollen jetzt miterleben, wie das hier so läuft», sagt die Frau zu De Mamiel, während der Mann lacht. Wenige Minuten später steht Dundee’s Chick für ihr letztes Gruppenspiel an der Scheibe. Es läuft besser als in den vorherigen ­Matches. Plötzlich ein lauter Freudenschrei! Esther De Mamiel ballt die Faust und atmet tief durch. Sie hat ihr erstes Leg an diesem Tag gewonnen. Die Spieler und Zuschauer rund um die Scheibe applaudieren. Kurz darauf fokussiert sich de Mamiel wieder: Warten, vortreten, konzentrieren, werfen, konzentrieren, werfen, konzentrieren, werfen, nach vorne an das Board laufen, Pfeile rausziehen, warten. Am Ende gewinnt sie das Match mit 2:1 Legs – ein Sieg zum Abschluss.

Es braucht viel Training, um im Darts ein bestimmtes Niveau zu erreichen. Entscheidend dabei ist nicht nur, die hohen Dreifach-Felder zu treffen. Um ein Leg zu beenden, ist Sicherheit auf den Doppel-Feldern wichtig. Denn ein Leg kann nur durch einen Treffer eines Doppel-Feldes beendet werden. «Triple is funny, but Double makes the money» (Dreifach macht Spass, aber Doppel bringt das Geld) ist ein berühmter Satz in der Szene. Gegen Ende eines Legs wird dank der «Double out»-Regel für den Spieler die Rechnerei zum Thema. Es gilt eine Rest-Zahl zu erspielen, die mit einem Doppel-Feld zu nullen ist: zum Beispiel 40 für die Doppel-20.

Rotwein, statt Bier

Am 1. Dezember, knapp zwei Wochen vor dem Start der PDC-WM, findet in Wünnewil das letzte Turnier der Freiburger Amateurliga statt. Die Bilder im Vergleich zum Turnier in Bösingen gleichen sich. Zehn Dartscheiben, davon acht in einer Reihe, zwei auf der Bühne. Die Atmosphäre hat etwas Meditatives: Acht Scheiben mit wenig Abstand nebeneinander. Die Spieler wirken wie Roboter. Immer das gleiche Prozedere, nur ganz selten ein Wortwechsel, ab und zu Emotionen. Wer nicht spielt, der schaut zu und trinkt ein Bier. Am Pissoir wird über Doppel-Quoten und hohe Finishes diskutiert.

Esther De Mamiel trinkt lieber Rotwein. Den Ärger über die Verspätung ist vorbei, Dundee’s Chick ist wieder in ihrer Welt. Warten, vortreten, konzentrieren, werfen, konzentrieren, werfen, konzentrieren, werfen, nach vorne an die Scheibe laufen, Pfeile rausziehen, warten. Am Ende gewinnt sie als Zweitplatzierte einen Gutschein vom Dartshop in Bern. Der Sieger gewinnt ein Fondue-Caquelon und weil beide lieber den Preis des anderen hätten, tauschen sie. Während die Darts-Profis an der Weltmeisterschaft in London um ein Sieger-Preisgeld von über 600 000 Franken spielen, taucht Esther De Mamiel zu Hause an ihrem Esstisch Brotstücke in geschmolzenen Käse.

Steeldarts

Die Regeln und die WM in London

Im Steeldarts werden Pfeile mit einer Metallspitze auf eine Scheibe aus Sisalfasern geworfen. Die Scheibe ist in Segmente von 1 bis 20 aufgeteilt, dazu Doppel- und Dreifach-Felder. An den meisten Turnieren wird von 501 auf null gespielt und «Double-Out», sprich ein Leg kann nur mit einem Treffer in das Doppelfeld beendet werden. Die Spieler werfen abwechselnd immer drei Pfeile, wer zuerst auf null steht, gewinnt das Leg. Das bekannteste Darts-Event ist die jährliche WM der PDC. Tausende von Fans sorgen für Partystimmung im legendären Ally Pally von London. Besonders gefeiert wird jeweils die Höchstpunktzahl 180, also drei Pfeile im Dreifach-20-Feld. Das höchste aller Gefühle ist jedoch der 9-Darter. Das heisst, ein Spieler braucht nur neun Darts, um ein Leg von 501 Punkten zu beenden.

Zu diesem Text

Diplomarbeit für die Journalistenschule

Diese Doppelseite zum Thema Frauen im Darts und Darts in der Schweiz ist im Rahmen der Diplomarbeit von Janick Wetterwald für die Schweizer Journalistenschule MAZ in Luzern entstanden. Damit beschliesst Janick Wetterwald gleichzeitig seine Tätigkeit bei den «Freiburger Nachrichten». Er wechselt als Online-Redaktor zur «Luzerner Zeitung».