schach 14.08.2019

Unberechenbares Kaffeehaus-Schach

Achim Schneuwly setzte sich kürzlich beim Schachfestival in Biel in der Allgemeinen Klasse durch. Im Gespräch mit den FN kommt der Sensler auf seinen Erfolg zurück und erklärt, was ihn so unberechenbar macht.

Der Inder Santosh Vidit konnte am vorletzten Wochenende das Grossmeisterturnier des 52. Internationalen Schachfestivals von Biel für sich entscheiden. Insgesamt nahmen 823 Schachspieler aus aller Welt in den diversen Kategorien des Turniers teil, darunter der 52-jährige Achim Schneuwly. Der Vermögensberater der Raiffeisenbank Freiburg Ost trug den Sieg im Allgemeinen Turnier davon, an dem 169 Spieler aus 14 Nationen klassiert wurden. Weil der Spieler des NLB-Schachclubs Payerne, der durchaus auch in der Meisterklasse hätte antreten können, zuletzt viele seiner Wertungspunkte verloren hatte, konnte er diesmal in Biel gerade noch in der Allgemeinen Kategorie antreten und wurde seiner Favoritenrolle mit acht Siegen, einem Remis und einem grossen Vorsprung gerecht. Mit den FN sprach Achim Schneuwly über …

 

… das Turnier in Biel: Ich habe neun Partien in neun Tagen gespielt, wobei diese bis auf die letzte Partie im Schnitt vier Stunden gedauert haben. Ich war jeweils um 6.30 Uhr im Büro und bin am Mittag nach Biel gefahren. Die Siege haben geholfen, mit der Müdigkeit aufgrund der Doppelbelastung Arbeit und Schach umzugehen. Ich habe erst nach der letzten Partie gemerkt, dass ich kaputt bin. Die fehlende Frische im Kopf merkt man vor allem, wenn man verliert.

 

… seine Vorbereitung auf das Schachfestival: In diesem Jahr habe ich mich sehr gut vorbereitet und auch eine neue Eröffnung einstudiert. Ich konnte sie dann allerdings nicht anwenden, weil es einfach nie gepasst hat. Aber ich werde sie bei einer anderen Gelegenheit spielen. Der Überraschungsmoment ist wichtig. Der Spieler, der besser vorbereitet ist, ist im Vorteil.

 

… seinen Spielstil: Ich spiele in jeder Partie auf Sieg, unabhängig von der Stärke des Gegners. Um sein Gegenüber in Schwierigkeiten zu bringen, muss man manchmal eine Figur opfern. Das bedingt aber, nicht nur einen Zug vorauszudenken, sondern auch schon mal acht oder neun. Das braucht Kraft. In Graz hatte mir einmal ein österreichischer Grossmeister gesagt, ich würde Kaffeehaus-Schach spielen. Das ist kein Kompliment. Gemeint ist damit ein angriffiger Stil ohne Rücksicht auf böse Folgen. Ich spiele nicht immer nach Theorie. Der Gegner soll dann am Brett überlegen und reagieren müssen, was mich unberechenbar macht. Viele sagen, dass es gar keinen Sinn hat, sich gegen mich vorzubereiten.

 

… das Studium der Gegner: Jede Partie ist auf ChessBase und anderen Datenbanken archiviert. Von mir findet man wohl gegen 1000 Partien auf dieser Datenbank. Dadurch kann man sich auf die Spiele vorbereiten. Man erkennt den Stil des Gegners und kann dessen Eröffnungen analysieren. Während des Turniers in Biel habe ich mich jeweils für die nächste Partie eine Stunde intensiv mit dem Gegner auseinandergesetzt, um Ideen für die Partie zu sammeln.

 

… die Psychologie im Schach: Als junger Spieler war ich nur schon beeindruckt, wenn der Gegner gepflegt war und eine Krawatte umgebunden hatte. Oft kommt es auch vor, dass gerade Spieler aus dem Osten ein T-Shirt über Tage hinweg tragen und es nach Rauch riecht, auch dadurch lasse ich mich beeinflussen. Oder wenn einer schnell spielt, gleich auf einen Zug antwortet, obwohl man ja Zeit hat. Das kann bedeuten, dass der Gegner gut vorbereitet ist. Gleichzeitig ist es aber auch eine gewisse Respektlosigkeit, oder es kann ein Bluff sein. Ich habe einige Gegenspieler, die ich ebenfalls einzuschüchtern versuche. Zuweilen greift man zu solchen Waffen.

 

… die Möglichkeit, aus den Partien der ganz Grossen zu lernen: Tatsächlich studiere ich Spieler wie etwa Weltmeister Magnus Carlsen. Der Norweger versucht, in einem kleineren Ausmass, wie ich die Gegner zu überraschen. Es sind jeweils nicht die besten Züge, aber mit der psychologischen Komponente und dem Überraschungsmoment beeinflussen sie den Gegner. Die Züge von Carlsen bringen mir selber nichts, zumal es viele Nachahmer gibt. Aber sie sagen mir, dass ich nicht unbedingt nach Theorie spielen muss, und sie bestätigen mir, dass mein Spielstil so schlecht nicht ist.

 

… die Rolle des Alters: Es heisst, dass es im Schach bis zum Alter von 40 Jahren bergauf geht, dann nicht mehr. Dass es aber möglich ist, auch mit 80 noch sehr stark zu spielen, hat die Schweizer Legende Viktor Kortschnoi bewiesen. Ich weiss nicht, ob der 28-jährige Carlsen noch besser werden kann, aber er wird sich mit der Erfahrung noch mehr profilieren können. Ich selber merke, dass ich etwas weniger stark bin als früher. Die Routine hilft zwar, ich mache jedoch viel mehr Fehler, leider in letzter Zeit gerade in wichtigen Partien. Erfreulicherweise habe ich nun in Biel ein langes Turnier fast fehlerfrei gespielt.

 

… den Computer als Gegner: Ich hatte mal einen Schachcomputer, habe aber nie gerne gegen ihn gespielt. Gerade mit meiner Spielweise frisst er mich einfach und hat keinen Respekt. Hat er mal einen Materialvorteil, dann bringt der den durch und lässt sich nicht mehr, wie ein Mensch es zuliesse, beeinflussen. Natürlich brauche ich den Computer, um Gegner zu analysieren. Aber um meine Stärke, die Überraschungsmomente, zu trainieren, bringt er mir gar nichts.

 

… seine Motivation: Ich bin ganz grundsätzlich eine Spielernatur. Schon als Kind habe ich gerne Memory und Mühle gespielt und an Schweizer Meisterschaften teilgenommen. Ich habe auch immer gerne gejasst und gehe ab und zu ins Casino. Ich lasse mich gerne herausfordern und will sehen, wozu ich fähig bin. Zudem bin ich überall ehrgeizig, auch im Beruf. Das motiviert mich.

 

… die Voraussetzungen, um gut Schach zu spielen: Dazu braucht es einiges, eine gewisse Intelligenz, Freude, Interesse und den angesprochenen Ehrgeiz. Hat man den nicht, wird man nie Erfolg haben. Fernand Gobet, der beste Freiburger Schachspieler aller Zeiten, hat mir einmal gesagt, dass er seine Gegner im übertragenen Sinn umbringen wolle. Man darf keine Gnade zeigen und muss hart vorgehen, um den Gegner zu schlagen. Zeigst du Erbarmen, ist es vorbei. Wichtig ist die Freude am Schach. Es darf nicht ein Müssen sein. Ich habe einst gegen einen Bulgaren gespielt, der während eines neuntägigen Turniers die Nächte im Auto verbrachte, weil er kein Geld hatte. Diese Spieler sind angewiesen auf die Preisgelder. Das ist eine schlechte Voraussetzung. Sie spielen nicht aus Freude, sondern um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

 

… seine Ziele: Ich möchte meinen Schachclubs Payerne und Düdingen weiter einiges bringen und in der Wertung wieder einen Sprung nach vorne machen. Schön wäre es, mit den jungen und motivierten Club-Kollegen von Payerne den Aufstieg in die NLA noch mitzuerleben. Spätestens dann würde ich mich aber aus dem Team zurückziehen, um beispielsweise eine Betreueraufgabe wahrzunehmen. Mit Schach ganz aufzuhören, ist aber kein Thema.

 

Ab Dienstag, 3. September, bietet der Schachclub Düdingen im Begegnungszentrum einen Schachkurs für interessierte Juniorinnen und Junioren. Der Kurs ist für Kinder ab acht Jahren offen. Weitere Informationen erteilt Ivo Bürgy (ivo.buergy@gmx.ch oder 079 232 69 30).