Volleyball 15.02.2020

Die zwei Seelen der Simona Dimitrova

Corinne Aeberhard/a
Die Bulgarin Simona Dimitrova hat Zeit gebraucht, bis sie sich ans Leben in Düdingen gewöhnt hatte und sich bei den Power Cats integrieren konnte. Inzwischen ist sie zur Topskorerin und Teamleaderin avanciert.

«Ok, ich mache es! Aber nur, wenn ich nichts vor einer Kamera sagen muss», antwortete Simona Dimitrova per SMS auf die Interviewanfrage der FN. Ein fünfminütiger Telefonanruf und vier SMS brauchte es, um die Topskorerin der Power Cats zum Gespräch zu überreden. «Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich vorne hinstehen und etwas sagen muss», entschuldigte sich die Bulgarin tags darauf beim Cappuccino in einem Düdinger Restaurant. «Ich bin von Natur aus ein eher verschlossener Mensch.»

Wer Dimitrova auf dem Platz erlebt hat, kann sie sich nur schwer als introvertierte Person vorstellen. Die Topskorerin der Power Cats jubelt und klatscht, ballt bei jedem Punktgewinn die Fäuste und feuert ihre Teamkolleginnen zwischen allen Ballwechseln an. «Es gibt zwei Simonas», erklärt die 25-Jährige. «Die Volleyballerin, die auf dem Feld aus sich herauskommen muss, um das Team anzufeuern. Und die Privatperson, die sehr schüchtern ist. Auf jemanden zuzugehen und ihn anzusprechen, das entspricht nicht meinem Naturell.» Gegenüber unbekannten Leuten und in ungewohnten Situationen sei sie sehr zurückhaltend, sagt die Bulgarin. «Es dauert immer etwas, bis ich mich einer Person öffne.»

Neue Herausforderung

Aufgewachsen ist Dimitrova in Plowdiw im Süden des Landes. Rund 360 000 Leute leben in der zweitgrössten Stadt Bulgariens, die auf sieben Hügeln erbaut wurde und im vergangenen Jahr von den EU-Kulturministern als Kulturhauptstadt Europas ausgezeichnet wurde. Bevor Dimitrova als Elfjährige mit Volleyball begann, spielte sie Tennis und war im Schwimmclub. Ihre Eltern waren leidenschaftliche und bekannte Schwimmer, ihre Mutter hielt 20 Jahre den nationalen Rekord über 200  m Freistil. «Im Schwimmen war ich nicht so begabt, dafür im Tennis», erzählt Dimitrova. «Allerdings habe ich das Racket in die Ecke gestellt, nachdem ich einmal aus Neugier an ein Volleyballtraining gegangen war.»

Ihre ersten Volleyball-Lehrjahre absolvierte sie bei ihrem Heimverein VC Maritza Plowdiw. Als 14-Jährige zog es sie nach Sofia, wo sie zwischen 2008 und 2014 erst das Gymnasium und später die International Sports Academy abschloss. In dieser Zeit spielte die Aussenangreiferin bei CSKA Sofia und feierte mit dem Team vier Meistertitel und drei Cupsiege. Nach ihrer Ausbildung kehrte sie zu Maritza Plowdiw zurück. Der Verein hatte sich in der Zwischenzeit zur Nummer  1 Bulgariens entwickelt und spielte unter anderem in der Champions League, wo man grosse Teams wie Volley Cannes besiegte. In den folgenden fünf Saisons konnte Dimitrova fünfmal den Meisterpokal in die Höhe stemmen.

Dennoch entschloss sich die bulgarische Nationalspielerin im letzten Frühling, das Über-Team Maritza zu verlassen. Warum? «Das Niveau der Liga ist nicht so hoch. Die besten bulgarischen Spielerinnen gehen ins Ausland, um dort Geld zu verdienen. Ich wollte mich auch aus meiner ‹Comfort Zone› wagen und etwas Neues versuchen.»

Obwohl Dimitrova einige Anfragen aus Frankreich hatte, zog sie das finanziell weniger gut dotierte Angebot aus Düdingen vor. «Ralina (Doshkova), die auch im normalen Leben meine beste Freundin ist, hatte bei den Power Cats unterschrieben. Wir haben beide den gleichen Manager, und er hat mich informiert, dass sie in Düdingen noch eine Aussenangreiferin suchen.» Und da Düdingen nach der Verpflichtung von Doshkova noch eine Landsfrau von ihr verpflichten wollte, weil man davon ausging, dass die Integration zu zweit einfacher vonstattengehen würde, ergab das eine das andere.

Schwierige Integration

Ganz problemlos verlief Dimitrovas Integration in Düdingen dennoch nicht. «Das Leben hier ist so ganz anders als in Bulgarien», erzählt sie. «Um 19  Uhr sind hier alle Geschäfte geschlossen, in Bulgarien nimmt um diese Zeit das Leben erst richtig Fahrt auf. Und bei uns sind die Leute etwas verrückt, nicht immer so topseriös.» Die Anpassung an den Schweizer Lebensstil, gepaart mit der sprachlichen Barriere – Dimitrova spricht nur gebrochen Englisch – sei anfangs etwas schwierig gewesen, gesteht die 185 cm grosse Aussenangreiferin. «Auf dem Platz konnte ich anfangs nicht immer mein bestes Level spielen, das hat mich belastet. Aber jetzt fühle mich gut und bin im Team angekommen.»

Inzwischen hat sich Dimitrova bei den Power Cats zur Top­skorerin gemausert. «Simona macht einen guten Job, sie bringt nach Anlaufschwierigkeiten inzwischen konstant ihre Leistung», gibt es von Trainer Dario Bettello Lob. «Sie ist sehr stabil in der Annahme und hat einen starken Diagonalangriff.»

Diese Stärken will die Bulgarin auch morgen im Playoff-Viertelfinal gegen Cheseaux (siehe Kasten unten) zum Tragen bringen. Wie immer in den Matchs wird sie auf dem Feld jubeln und klatschen, bei einem Punktgewinn die Fäuste ballen und ihre Teamkolleginnen anfeuern. Und wie nach jedem Spiel und jedem Training wird Dimitrova zu Hause die Ruhe suchen, einen Film schauen oder ein Buch lesen. «Ich interessiere mich sehr für Geschichte», sagt die Bulgarin. Zurzeit lese sie ein 20-bändiges Werk über die Geschichte Bulgariens. «Zurzeit bin ich bei Band 15. Ich habe also noch reichlich Lesestoff. Wir können mit den Power Cats also problemlos bis ins letzte Finalspiel kommen.»

Playoff-Viertelfinal

«Jetzt beginnt die Saison»

Nach den 18 absolvierten Qualifikationsrunden geht es in der Volleyball-NLA am Wochenende mit den Playoff-Viertelfinals los. Volley Düdingen – viertplatziert nach der Qualifikation – trifft in einer «Best of 5»-Serie auf den Tabellenfünften VBC Che­seaux. «Alles, was bisher war, zählt nicht mehr», stellt Düdingens Aussenangreiferin Simona Dimitrova vor dem morgigen Duell (16.30 Uhr, Leimacker) klar. «Jetzt beginnt die Saison».

Favoritenrolle

Düdingen hat in der Qualifikation gegen die Waadtländerinnen 3:0 und 3:2 gewonnen und steigt entsprechend als Favorit ins Kräftemessen. Che­seaux hat bei der 5-Satz-Heimniederlage im Rückspiel aber gezeigt, dass es die Power Cats durchaus ärgern kann. «Mit Sarah van Rooij verfügt Cheseaux über eine sehr starke Aussenangreiferin. Sie hat uns schon einige Probleme bereitet», sagt Dimitrova.

Hat Düdingen wie viele andere Teams in der Qualifikation vieles ausgetestet und ausprobiert, so gilt es nun, das «wahre» Gesicht zu zeigen. Am Sonntag wird sich dann auch aufklären, ob die 0:3-Niederlage gegen Toggenburg am letzten Wochenende nur ein Ausrutscher oder doch mehr gewesen ist.

Das Tolle an der Schweizer Meisterschaft sei, dass jedes Team jedes schlagen könne, sagt die Bulgarin. Das mache die Meisterschaft und die Playoffs spannend. «Nichtsdestotrotz müssen wir eine Runde weiterkommen», fordert Dimitrova selbstbewusst. «Cheseaux ist ein gutes Team, aber wir verfügen über mehr spielerischere Klasse.»

Ob Düdingen seiner Favoritenrolle gerecht werden kann, hängt auch davon ab, ob die Power Cats auswärts in der emotionalen Atmosphäre der kleinen Halle Derrière-la-Ville die Ruhe bewahren können. ms

NLA. Playoff-Viertelfinal (best of 5). 1. Spiel: Düdingen - Cheseaux So. 16.30 (Leimacker). 2. Spiel: Cheseaux - Düdingen Sa., 22. Februar, 17.30. 3. Spiel: Düdingen - Cheseaux Mi., 26. Februar, 20.00 (Leimacker). Evtl. 4. Spiel: Cheseaux - Düdingen Sa., 29. Februar, 17.30. Evtl. 5. Spiel: Düdingen - Cheseaux So., 1. März, 16.30 (Leimacker.)