Volleyball 09.04.2019

Kristel Marbach sagt «Adieu»

Nach vierzehn Jahren NLA-Spitzenvolleyball und sechs Jahren als Passeuse der Power Cats beendet Kristel Marbach Ende Saison ihre erfolgreiche Karriere. Im Interview blickt die 30-Jährige zurück – und voraus.

Kristel Marbach, Sie beenden Ende Saison Ihre Karriere als Volleyballerin. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

(Überlegt lange) Ich weiss nicht recht, was ich sagen soll. Das ist ein schwieriges Interview für mich. Seit 16 Jahren, mehr als mein halbes Leben, ist mein Alltag vom Volleyball durchgetaktet. Und nun geht plötzlich alles zu Ende. Ich habe mich diese Saison voll auf das Hier und Jetzt konzentriert, deshalb habe ich mich noch nicht wahnsinnig mit dem Rücktritt auseinandergesetzt. Momentan kann ich mir ein Leben ohne Volleyball gar nicht richtig vorstellen. Ich spüre aber, dass es ein guter Moment ist, um aufzuhören.

Was löst dieses Gefühl in Ihnen aus?

Ich bin zufrieden, wie es momentan läuft, ich fühle mich wohl in meinem Leben. Es ist einfacher, so aufzuhören, als wenn man eine frustrierende Saison hinter sich hat. Meine Leidenschaft fürs Volleyball ist nach wie vor riesig, aber ich spüre, dass es Zeit ist, meinem Leben Raum für andere Dinge zu geben. Spontan ins Kino zu gehen, in die Berge zum Skifahren oder irgendwo ein verlängertes Wochenende geniessen, solche Sachen konnte ich bisher nur ganz selten erleben. Ich freue mich, herauszufinden, was ich sonst noch alles gerne mache (lacht).

Wann haben Sie den Entscheid zum Rücktritt gefällt – vor oder nach dem Ausscheiden mit Volley Düdingen im Playoff-Halbfinal?

Mein Entscheid ist langsam gereift, aber womöglich wusste ich bereits vor Saisonstart tief in mir, dass es meine letzte sein würde. Ich hatte schon in den vergangenen Jahren immer das Gefühl gehabt, dass es meine letzte Saison war (lacht). Aber Teamsport macht es einfacher, immer wieder weiterzumachen. Würde ich einen Einzelsport betreiben, dann hätte ich wohl schon vor einiger Zeit aufgehört.

Im Jahr 2005 haben Sie mit Franches-Montagnes Ihr Debüt in der NLA gegeben. Erinnern Sie sich noch daran?

Es war gegen Biel, wir haben 3:0 gewonnen. Mein damaliger Trainer Andreas Vollmer hat mich ziemlich früh eingewechselt, es lief mir aber überhaupt nicht gut. Andi hat mich damals sehr gefördert, dafür bin ich ihm dankbar. Ich erinnere mich noch, wie er mir vor meinem ersten NLA-Spiel Baldriantropfen gab, weil ich so nervös war.

Hat sich die Nervosität im Verlauf Ihrer Karriere gelegt?

Grundsätzlich bin ich nicht extrem nervös, aber eine gesunde Anspannung habe ich immer behalten.

Wie hat sich das Volleyball in den letzten 14 Jahren, in denen Sie in der NLA gespielt haben, verändert?

Durch die neue Ausländerregelung ist das Niveau extrem gestiegen. Zu Beginn meiner Karriere reichte es für eine Passeuse, präzis zu spielen. Heute ist das Spiel viel schneller, ich muss heute nicht nur sehr präzis, sondern auch sehr schnell zuspielen. Inzwischen gibt es einige Schweizer Volleyballerinnen, die vom Sport leben können. Zu meinen Anfangszeiten war Sabine Frey die beste Spielerin, und sie bekam höchstens ein paar Spesen vergütet.

Sie haben in all den Jahren mit zahlreichen Trainern zusammengearbeitet. Gibt es einen, der Sie besonders geprägt hat?

Da gibt es mehrere. Andi Vollmer hat mich in die NLA geholt und mich in den Leistungssport eingeführt. Bei Volero haben mich die Trainings von Dragutin Baltic enorm beeindruckt. Und die letzten sechs Jahre mit Nicki Neubauer und Dario Bettello waren auch toll. Bei ihnen musste ich die Rolle einer Teamleaderin übernehmen und konnte meine Erfahrung an die jungen Spielerinnen weitergeben.

Wovon viele Volleyballerinnen träumen, wurde für Sie in der Saison 2012/13 wahr: Sie spielten bei Volero Zürich, dem mit Abstand besten Schweizer Volleyballteam. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Es war eine extrem spannende und lehrreiche Zeit. Volero ist europaweit bekannt, viele grosse Spielerinnen haben dort ihre Karriere gestartet. Mit dem Team konnte ich in der Champions League spielen und viel herumreisen, das war sehr spannend. Zu Volero zu gehören bedeutete, mit jeder Faser meines Körpers Vollprofi zu sein. So war es zum Beispiel nicht erlaubt, neben dem Volleyball noch ein Studium zu machen. Ich habe in Zürich einen sehr interessanten Einblick in eine spezielle Volleyballwelt erhalten. Ich war aber nicht unglücklich, danach zu Düdingen zu wechseln und mein Bachelorstudium in Sozialwissenschaften weiterzumachen.

In Düdingen spielen Sie für den Club, in dem Ihr Vater Präsident ist. Hat diese spezielle Konstellation nie zu privaten Auseinandersetzungen geführt?

Eigentlich nicht. Es wäre sicherlich nicht gegangen, wenn mein Vater Trainer gewesen wäre. Aber mit dem Präsidenten hat man als Spielerin nicht so oft Kontakt. Wir haben Volleyball und Privates immer bewusst getrennt. Wenn ich als Captaine des Teams beim Präsidenten antraben musste, dann habe ich eine offizielle Vorladung erhalten, so wie jede andere Spielerin auch. Und wenn ich dann im Büro Platz nahm, sass ich dem Präsidenten gegenüber und nicht meinem Vater. Aber es ist klar: Wenn der Vater Präsident ist, die Mutter selbst Volleyball spielt und im Verein sehr viel mithilft und auch die Brüder den Club tatkräftig unterstützen, dann ist Volleyball zuhause immer irgendwie ein Thema und man unterstützt sich gegenseitig. Ich bin sehr froh, dass ich meine Karriere in Düdingen beenden darf.

Inwiefern?

Für mich schliesst sich ein Kreis: Ich habe in Düdingen mit Volleyball angefangen, meine Mutter war ganz früher meine Trainerin, und nun beende ich hier meine Karriere. Ich habe bei meinem Wechsel zurück nach Düdingen gar nicht erwartet, dass es so toll sein würde, für den Club in seiner Heimat zu spielen. Ein Verein, in dem man viele Leute kennt, mit denen man gross geworden ist und die einem viel bedeuten.

 

Welches war der schönste Moment Ihrer Karriere?

Der Cupfinal 2016 mit Düdingen in Freiburg wird mir immer in schönster Erinnerung bleiben. Als Kind war ich oft am Schweizer Cupfinal, der damals noch in der Heilig-Kreuz-Halle in Freiburg ausgetragen wurde. Einmal sagte ich zu meinen Eltern: «So gut wie diese Spielerinnen will ich auch einmal werden». Als ich dann mit Düdingen in Freiburg im Final stand, war es ein überwältigendes Gefühl. Wir verloren zwar gegen Volero, aber das Publikum stand auf und feierte uns. Das waren sehr emotionale Momente.

Gibt es einen Moment, den Sie gerne aus Ihrer Erinnerung streichen würden?

Kein spezieller Moment, aber ich weiss noch, wie ich am Anfang Mühe damit hatte, am Tag nach einer Niederlage wieder in die Halle zu gehen und einfach zur Tagesordnung überzugehen. Ich hatte nach Niederlagen immer das Bedürfnis, länger liegen zu bleiben. Ich musste lernen, einzustecken, sofort wieder aufzustehen und weiterzumachen. Auch heute habe ich nach Niederlagen immer Mühe, einzuschlafen. Ich frage mich immer, was ich anders hätte machen sollen, ob ich die Bälle besser hätte verteilen müssen.

Die schlaflosen Nächte sind ja bald vorbei. Mit Düdingen werden Sie noch zwei oder drei Platzierungsspiele gegen Kanti Schaffhausen absolvieren, dann ist Ihre Karriere zu Ende. Was werden Sie auf keinen Fall vermissen?

Das Einwärmen vor den Trainings, wenn einem noch die Schultern und die Hüften vom Vortag schmerzen (lacht). Ich habe mir oft eine Maschine gewünscht, in die ich ganz locker reingehen und aus der anderen Seite wieder gut aufgewärmt rauskommen kann.

 

Was werden Sie am meisten am Volleyball vermissen?

Das Team. Es war für mich immer wie eine Familie. Die Mitspielerinnen sieht man zum Teil öfters als die eigene Familie und man erlebt zusammen sehr emotionale Momente. Das verbindet. Solche Emotionen sind im Beruf nur schwer zu finden.

«Mein Vater und ich haben Volleyball und Privates immer bewusst getrennt.»

«Vor meinem ersten NLA-Spiel hat mir der Trainer Baldriantropfen gegeben, weil ich so nervös war.»
«Ich spüre, dass es Zeit ist, meinem Leben Raum für andere Dinge zu geben.»

Vita

Kristel Marbachs Karriere in Zahlen

National

2013 - 2019: TS Volley Düdingen 2019 Best Swiss Player (2019, 2016, 2015), 3. Rang Schweizermeisterschaft (2018, 2016), Cup-Finalist (2016, 2015).

2012 - 2013: Volero Zürich Schweizermeistertitel, Cupsieg, Champions-League-Teilnahme

2009 - 2012: Volley Köniz Vize-Schweizermeistertitel (2010)

2008/09: VBC Cheseaux

2005 - 2008: Franches-Montagnes Youngster of the Year (2008), Vize-Schweizermeistertitel (2006).

2004/05: Volley Sense

1999 - 2004: Volley Düdingen

International

2007 - 2014 Elite-Nationalteam

EM-Teilnahme (2013), Captaine des Schweizer Nationalteams (2011 - 2014)

2004 - 2006 Juniorinnen Nationalmannschaft