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Vom Tier zum Menschen

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Eva Menasse beherrscht ihr Schreibhandwerk mit malerischer Leichtigkeit und «zeichnet» farbige Bilder, die sich beim Lesen detailgenau einprägen. Geschickt jongliert sie mit Worten oder gar mit ganzen Sätzen, verblüfft mit unerwartetem Sprachwitz und übermittelt damit mitreissende Episoden voller Leichtigkeit, aber mit unerwartetem Tiefgang.

Tiermeldung als Vorspann

Jeder Erzählung wird ein kurzer Pressebericht über kurioses Tierverhalten vorangestellt, der dann auch in Beziehung steht zu den Ereignissen, die den Menschen in den Kurzgeschichten widerfahren. Immer steht eine Hauptperson im Fokus, um die sich die ganze Handlung dreht. Dies erlaubt der Autorin, Objektivität ausser Acht zu lassen und den Alltag der Romanfiguren gemäss deren Sicht fantastisch auszuschmücken.

Wer erkennt sich nicht in der jungen Mutter, die die mühsamen und turbulenten Ferien mit ihrer Patchworkfamilie –mit Mann und drei Kindern – schildert? Die Auszeit am Meer im Touristenresort in der Türkei, mit allen möglichen und unmöglichen Attraktionen zur Unterhaltung gelangweilter Urlauber, ist von Beginn weg der reine Horror. Wieso nur tut sie sich das an? Weil sie nach Bestätigung dürstet und es vorab allen Familienmitgliedern recht machen will. Dabei wagt sie sich an beinahe Unmögliches, ähnlich der vorangegangenen Tiermeldung, in welcher nach nährstoffreichem Wasser dürstende Schmetterlinge und Bienen sich auf die Köpfe von Krokodilen setzen, um deren salzige Tränen aufzusaugen.

Dramatisch ist die Situation des älteren Ehepaars, welches vereinsamt, weil die Frau ihre Erinnerungen verliert. Dies wiederum will der widerspenstige Ehemann nicht akzeptieren. Er versucht mit all seinen Kräften und mit den unmöglichsten Aktionen, das Fortschreiten der Demenz aufzuhalten. Was immer er unternimmt, es kann nur schiefgehen. Immer öfter gerät er in Problemsituationen, denen er kaum mehr heil entkommt. Genau wie die Tabakschwärmer-­Raupen, die sich ungewollt selbst ihr Grab schaufeln, wenn sie fressen, weil sie dabei dauernd insektenfressende Räuber anlocken.

Dramatik und Heiterkeit

Jede der acht Erzählungen handelt vom Kampf ums Überleben in einer mehr oder weniger ernst zu nehmenden Form. Den Kampf um den Zusammenhalt der Familie, ums Altern in Würde, um die Errettung der maroden Gesellschaft oder ganz einfach um ein bisschen Akzeptanz trotz eines individuellen Lebensstils. Die Texte sind gespickt mit unterschwellig ironisch-frechen Pointen, welche der Handlung (auch wenn sie einen ernsten Grundtenor hat) jeweils wie nebenbei den Stempel «Hier ist Humor drin» aufdrücken. Genaues Lesen ist angesagt, um die vielen Seitenhiebe geniessen zu können. Acht komplett verschiedene Handlungen, verschiedene Charaktere und acht perfekt zu ihnen passende zoologische Zuordnungen. Eine ungewöhnliche Idee genial umgesetzt.

Eva Menasse. «Tiere für Fortgeschrittene», Kurzgeschichten. Köln: 2017, Kiepenheuer & Witsch.

Giovanna Riolo ist ehemalige Leiterin der Deutschen Bibliothek Freiburg.

Zur Person

Mehrere Preise für die Autorin

Eva Menasse, geboren 1970 in Wien, lebt seit 2003 als freie Schriftstellerin in Berlin. Für ihren Roman «Quasikristalle» erhielt sie mit den Gerty-Spies-Literaturpreis, den österreichischen Alpha-Literaturpreis und den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln. 2015 erhielt für ihr bisheriges Werk den Jonathan-Swift-Preis für Satire und Humor. Im Juni 2017 erhält sie den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg.

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