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Von der unaufhaltsamen Verschlimmbesserung der Welt

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Der Pessimist hat es gut. Schon nur der Blick auf die Schlagzeilen des Tages beweist, wie schwer er zu widerlegen ist. Der Optimist dagegen hat immer eine Zwei auf dem Rücken. Bestenfalls wird er als blauäugig, schönfärberisch, naiv entlarvt, im Wiederholungsfall wird man ihn schnell für ein Sektenmitglied oder den Vertreter einer Werbeagentur halten. Schliesslich wollen wir uns doch unser routiniertes Gejammer über den unaufhaltsamen Niedergang der Welt nicht durch hartnäckige Weltverbesserer vermiesen lassen.

Dass es den meisten von uns gut geht, ist ja fast so etwas wie ein schmutziges Geheimnis, das wir mit Vorteil beschweigen. Lieber klopfen wir dreimal auf Holz und argwöhnen, dass es uns morgen schon wieder schlechter gehen könnte. Lieber auf Vorrat jammern als den Komfort zu offensichtlich zu geniessen und dadurch womöglich den Neid des Nachbarn zu wecken.

Wer behauptet, dass die Welt immer besser wird, leidet an Realitätsverlust und empfiehlt sich für die Psychiatrie. Dabei sollte uns doch schon ein Blick auf die allgemeine Lebenserwartung eines Besseren belehren. Um 1800 wurden die Menschen weltweit im Schnitt zwischen 30 und 35 Jahre alt (heute liegt die durchschnittliche Lebenserwartung in der Schweiz bei über 80 Jahren). Am 16. Oktober 1846 demonstrierte der Zahnarzt William Thomas Green Morton bei einer Operation vor Ärzten und Studenten der Harvard Universität die schmerzfreie Wirkung des Schwefeläthers. Dieses Datum ist als Geburtsstunde der modernen Anästhesie und als Sieg über das Zahnweh in die Medizingeschichte eingegangen.

Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, in welchem Alter meine Mutter das erste Paar Schuhe bekam. Ich weiss nur noch, dass sie sie bloss sonntags tragen durfte, um sie vor unnötigem Verschleiss zu bewahren. Für meine Eltern und Grosseltern war bereits eine dreitägige Hochzeitsreise über die Kantonsgrenze hinaus ein nahezu exotisches Erlebnis.

Aber nicht nur in medizinischer, finanzieller und touristischer Hinsicht hat sich in den letzten fünfzig bis hundert Jahren etwas getan. Auch sozialpolitisch lässt sich der Fortschritt, wenigstens im westlichen Europa, sehen. Ich sage nur: Kranken-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung, Alters-, Invaliden- und Hinterbliebenenrente, Kündigungsschutz, Frauenstimmrecht, Gesetze gegen Rassendiskriminierung und für den Schutz von Minderheiten und neuerdings sogar die dreizehnte AHV-Rente. Der sakrosankten Autorität von Kirche und Staat haben wir uns gründlich entledigt. Schliesslich, was die Zukunft betrifft: Die Verheissungen der künstlichen Intelligenz gemahnen an utopische Zustände.

Wer vor fünfzig Jahren von «Selbstverwirklichung» gesprochen hätte, wäre von niemandem verstanden worden. Identitätsprobleme? – ein Luxus, den man sich nicht leisten konnte. Nicht Hunger, sondern Fettsucht, Anorexie oder Bulimie gelten in unseren Breitengraden heutzutage als grösstes Ernährungsproblem. Sobald wir aus dem inneren Gleichgewicht geraten, stehen jede Menge Therapeuten, Sozialhelfer, Ehe-, Sex- und Ernährungsberater bereit, um sich um unsere intimsten Probleme zu kümmern. Vor Wellness- und Fitnessangeboten, Wohlfühloasen und Selbsterfahrungsretreats gibt es kein Entrinnen. CEOs von Grossbanken und andere Wirtschaftskapitäne wundern sich, dass wir ihnen ihr 14 Millionen starkes Jahresgehalt missgönnen. Es grenzt schon fast an Schwerarbeit, mit all den Annehmlichkeiten klarzukommen, die der Fortschritt über uns ausgegossen hat. Wer immer noch bestreitet, dass die Welt ständig besser wird, leidet entweder an Gedächtnisschwund oder beweist damit nur, dass er für selbstverständlich hält, wofür unsere Vorfahren hart gekämpft haben.

Der strenggläubige Pessimist lässt sich von diesen Good News kein bisschen beeindrucken. Er wittert in jedem Fortschritt bereits den Keim der (Selbst-)Zerstörung. Unerbittlich verweist er auf den Preis, den wir, oder viel mehr andere, für unseren luxuriösen Lebensstil bezahlt haben und immer von neuem bezahlen. Ich sage nur: Klimawandel, Artensterben, Ausbeutung der dritten Welt, Flüchtlingskatastrophe, Terrorismus, Profitgier, Working Poor, Leistungsdruck, Burnout, Handysucht, Altersdemenz, Sinnkrisen, Selbstmordraten, Wurzel- und Heimatlosigkeit. Dass neue, vor kurzem noch für unmöglich gehaltene Kriege die Welt überziehen: alles Wasser auf die Mühle der Pessimisten. Schliesslich, was die Zukunft betrifft: Die geisterhafte Bedrohung durch die künstliche Intelligenz gemahnt an dystopische Zustände.

So wie das Glas auf ewig gleichzeitig halb voll und halb leer bleiben wird, müssen wir uns wohl oder übel damit abfinden, dass alles auch in Zukunft Tag für Tag gleichzeitig immer besser und immer schlechter wird.

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

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