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Wahre Geschichte

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

 

A

ls ich diese Geschichte zum ersten Mal hörte, hätte ich nie gedacht, dass ich sie viele Jahre später in unserer Zeitung erzählen würde und dass es gerade in der aktuellen Situation, wo Angst und Aggression die Begegnung mit fremden Kulturen prägen, wichtig ist, dass möglichst viel Menschen zuhören und den Mut haben, über Zusammenhänge nachzudenken.

 

 

Wir hatten uns in unserem «Bergspital» schon gut eingelebt. Nebst der medizinischen Arbeit gehörte es zu unserer Aufgabe, je nach Situation mit dem kleinen Laster ins «Unterland» (low lands), in die Hauptstadt, zu fahren, um notwendige Grosseinkäufe fürs Spital zu tätigen: Säcke mit Mehl, Salz, Zucker, Mais, Wasch­mittel usw.

So fanden wir uns mit voll beladenen Einkaufswagen in der Schlange zur Kasse des «Grossverteilers» wieder. Vor uns ein rüstiger, älterer Mann, der für seinen «Laden» in den Bergen eingekauft hatte. Wir kamen ins Gespräch, wobei die erste Frage wie meist lautete: «Woher kommt ihr?» «Switzerland, Europe.» («Switzerland» war vielen unbekannt, meist verwechselte man es mit «Sweden».) «Oh, Europe is a wonderful country (ein wunderschönes Land), ich war auch schon dort.» Und dann fing er an zu erzählen. Es war Anfang der 1940er-Jahre, in Europa wütete der Zweite Weltkrieg. Eines Tages kamen schwer bewaffnete Soldaten in die Dörfer in den Bergen (Lesotho war damals englische Kolonie), zwangen Hunderte junge, kräftige Männer auf Lastwagen und führten sie in ein Lager in Südafrika. Dort wurden sie in Uniformen gesteckt, bekamen ein Gewehr, und in kürzester Zeit lernten sie marschieren und schiessen. Bald ging die Reise weiter, in voll beladenen Schiffen verfrachtete man sie nach Europa. Der Ausdruck Schlepper war damals noch nicht üblich, es waren ja schliesslich Schiffe der englischen Krone, im Einsatz zur Rettung des christlichen Abendlandes. «You know, we had to fight in the big war between the English and the German» (man zwang uns zu kämpfen im grossen Krieg zwischen den Engländern und den Deutschen).

Unser Erzähler, nennen wir ihn «Letsie», landete mit seinen Kameraden auf Sizilien. Wenig später ging’s an die Front. Die «ausgeklügelte» Taktik verlief derart, dass in der vordersten Reihe jeweils junge Menschen aus den Kolonien marschierten, die englischen Soldaten kamen in der Regel erst dann, wenn das grösste Gemetzel vorüber war. Zum Ausgleich durften die «English» dann an den jeweiligen Siegesfeiern zuvorderst marschieren, während die schwarzen Soldaten, so sie die diversen Angriffe überlebt hatten, hinten anstehen mussten. Letsie selber musste nicht an die Front, ein Vorgesetzter (Sergeant) hatte sein Talent als Boxer entdeckt, worauf er eine zusätzliche «Ausbildung» erhielt und fortan die Ehre des Regimentes in den Offizierscasinos boxend vertrat. Als erfolgreicher Boxer war er für die Front viel zu schade. Dieser Einschätzung verdankte er wohl letztlich sein Leben. Irgendeinmal war auch dieser Krieg vorbei. Die Überlebenden wurden möglichst rasch zurückgeschickt, es sei denn, man hatte für sie praktische Verwendung bei gerade noch anstehenden Scharmützeln im grossen Königreich (sozusagen als «Kolonialware»). Als sich Letsies Karriere als Boxer zu Ende neigte, musste auch er Europa verlassen, und mit den letzten Übriggebliebenen kehrte er in sein Dorf zurück. Er hatte boxen gelernt, seine Kameraden marschieren und töten. Dem grössten Teil einer ganzen Generation wurde jegliche Chance genommen, sich je am Aufbau ihres Landes einzubringen.

Was mich nachdenklich stimmt: Damals, als wir diese Menschen brauchten, wurden sie gegen ihren Willen «schiffsladungenvoll» nach Europa gebracht, damit sie in einem Krieg, der sie nichts, aber auch gar nichts anging, ihr Leben opferten … Und heute, wenn sie ohne Gewehre, bloss um der Hoffnungslosigkeit zu entfliehen, wieder an unseren Küsten landen, stossen sie auf Ablehnung und Angst. Wie wär’s, wenn wir die Geschichte von Letsie in unsere Geschichtsbücher aufnähmen? Gäbe es dann, wenn wir Zusammenhänge erkennen, etwas mehr Verständnis?

Vor kurzem war ich mit Freunden in Bilbao, und selbstverständlich besuchten wir auch das Guggenheim-Museum. In einem Nebenraum, völlig überraschend, wurde das berühmte Panorama-Gemälde der Bourbaki-Armee gezeigt und erklärt. Am Eingang zum Ausstellungsraum war eine Tafel angebracht, auf der unter anderem stand: Im Winter 1871 flüchteten 87 000 (siebenundachtzigtausend!) Soldaten in die Schweiz. Das war die Geburtsstunde der Berufung der Schweiz als sicherer Hafen für Flüchtlinge (an event seen as the birth of Switzerland’s vocation as a haven for refugees).

Ich war noch nie so stolz, Schweizer zu sein!

PS: Diese Zeilen sind bis auf einige wenige, persönliche Ergänzungen «wahre Geschichte».

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

 

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