Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

«Wesentlich von Jenischen beeinflusst»

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Ländler, Schottisch, Polka: Die Schweizer Volksmusik hat ihre Wurzeln zu einem grossen Teil in der Musik der Jenischen. Sie stammt also von der Musik jener Minderheit ab, deren Vertreter teilweise noch immer als Fahrende leben. Die Kultur und die Musik der Jenischen standen am Samstagabend am Internationalen Folkloretreffen in Freiburg im Zentrum einer Podiumsdiskussion.

«Unsere Volksmusik ist ganz wesentlich von den Jenischen beeinflusst», sagte Karoline Arn. Die Historikerin und Journalistin hatte sich auf die Suche gemacht nach den Wurzeln der Volksmusik; entstanden ist dabei der Film «Unerhört jenisch». Der Einfluss der Jenischen gehe bis auf die Spielleute im Mittelalter zurück: Die Musikanten, die damals von Stadt zu Stadt zogen, seien ausschliesslich Fahrende gewesen, so Arn. «Niemand sonst machte solche Musik.»

Jenische Gassenhauer

«Etwa ab dem Jahr 1850 entwickelte sich dann ein erster Schweizer Ländler-Stil», erklärte Cyrill Renz, ein Kenner der Volkskultur. «Zu dieser Zeit entstand zum Beispiel die Fränzli-Musik.» Die Musikanten, die diese Spielweise begründeten, waren Jenische. Das Hackbrett und die Violine, einst wichtige Instrumente, verloren an Bedeutung, dafür kamen die Klarinette und die Bassgeige neu hinzu. Die alten jenischen Melodien wurden aber immer weiter überliefert. Später folgte der Durchbruch des Schwyzerörgelis. So entstand aus dem ersten, ursprünglichen Schweizer Ländler-Stil ab dem Jahr 1900 schliesslich die Volksmusik, wie wir sie heute kennen. «Viele Stücke, die zu Gassenhauern wurden, waren ursprünglich jenisch», erklärte Arn. Ein Beispiel: Der Ohrwurm «Grüezi wohl Frau Stirnimaa» der Gruppe Minstrels, der im Jahr 1969 mehrere Wochen auf Platz eins der Hitparade lag, ist eigentlich jenisch – die Melodie hiess ursprünglich «Dr Stierlimaa».

«Leute haben Angst»

Einer der bekanntesten und virtuosesten jenischen Schwyzerörgeli-Spieler ist heute Joseph Mülhauser – ein Vertreter einer Minderheit in der Minderheit: Er ist nicht nur Jenischer, sondern lebt auch als echter Fahrender. Von den rund 30 000 Jenischen in der Schweiz sind die meisten sesshaft, nur etwa jeder Zehnte zieht im Wohnwagen von Ort zu Ort. Das Leben als Fahrender werde aber immer schwieriger. «Die Leute haben immer mehr Angst vor uns», so Mülhauser.

Das Leben im Wohnwagen

Und dennoch: «Es gibt bei jungen Jenischen eine Tendenz, dass sie die Lebensweise ihrer Vorfahren wiederentdecken wollen», sagte Fiona Wigger vom Bundesamt für Kultur – dazu gehöre auch das Leben im Wohnwagen. Dass junge Jenische vermehrt wieder als Fahrende leben wollen, bestätigte auch Mülhauser. Und nahm, kaum war die Podiumsdiskussion zu Ende, sein Schwyzerörgeli und spielte ein paar jener Melodien, die der heutigen Schweizer Volksmusik zugrunde liegen.

Folkloretreffen

«Gipsy»-Ausgabe konnte Publikum für sich gewinnen

Die Organisatoren des Internationalen Folkloretreffens in Freiburg zeigen sich äusserst zufrieden: Rund 30 000 Besucherinnen und Besucher liessen sich die gestern zu Ende gegangene Festivalwoche laut einer Mitteilung nicht entgehen und belohnten die Ensembles teils mit stürmischem Beifall. Die diesjährige «Gipsy»-Ausgabe stellte das Erbe der Fahrenden ins Zentrum: vom spanischen Flamenco über die indischen Tänze aus Rajasthan bis hin zu den Szenenbildern der Roma-Kultur aus der Slowakei, aus Ungarn, Bulgarien und Serbien. Laut Mitteilung haben die Ensembles mit ihren Darbietungen für ausgelassene Stimmung im Publikum gesorgt. Der Andrang sei teils sehr gross gewesen, die Tanzfläche habe sich kaum mehr leeren wollen.

emu

 

«Junge Jenische wollen die Lebensweise ihrer Vorfahren wiederentdecken.»

Fiona Wigger

Bundesamt für Kultur

 

«Für uns wäre ein Platz in Wileroltigen sinnvoll»

 

Die Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende ist seit 20 Jahren operativ tätig. Der Bund hatte sie mit dem Ziel gegründet, die Situation der Fahrenden zu verbessern. Das ist nur zum Teil gelungen. Der Geschäftsführer der Stiftung, Simon Röthlisberger, erklärte den FN, dass es auf der Ebene der Gesetzgebung zwar teilweise Verbesserungen gibt, die Anzahl der Halteplätze für die Fahrenden insgesamt jedoch rückläufig ist. Diskriminierung wegen der Lebensweise findet weiterhin statt. Mit der EU-Personenfreizügigkeit haben auch europäische Fahrende das Recht, in die Schweiz zu fahren. Insgesamt hat sich die Situation zugespitzt.

 

Was hat sich in den letzten 20 Jahren verändert?

Eine Verbesserung für die Schweizer Fahrenden ist das Gewerbepatent: Bis 2003 mussten sie in jedem Kanton eines lösen, heute ist das Patent schweizweit gültig. Ausländische Fahrende haben mit der EU-Personenfreizügigkeit das Recht, 90 Tage in der Schweiz zu arbeiten. Auch die offizielle Anerkennung von Sinti und Jenischen als nationale Minderheit ist positiv, ebenso wie das Rahmenabkommen zum Schutz von Minderheiten, welches die Schweiz unterzeichnete. Doch gibt es weiterhin Diskriminierung der fahrenden Lebensweise. Zudem ist es schwieriger geworden für die Fahrenden, mit Hausieren, Messerschleifen oder Antiquitätenhandel ein Auskommen zu finden. Das hat sich in der digitalisierten Dienstleistungsgesellschaft akzentuiert.

Die Stiftung trägt den Namen Schweizer Fahrende. Setzen Sie sich auch für ausländische Fahrende ein?

Anlass für die Gründung der Stiftung Mitte der 90er-Jahre waren Schweizer Fahrende. Nun zeigt sich derzeit, dass sowohl bei schweizerischen als auch bei ausländischen Fahrenden Fragen im Zusammenhang mit der fahrenden Lebensweise im Mittelpunkt stehen – insbesondere die Platzfrage. Es gibt Plätze, die von Schweizer Sinti und Jenischen wie auch von ausländischen Fahrenden genutzt werden. Andere Plätze sind explizit für Schweizer Fahrende – das hängt auch mit der Grösse zusammen: Ausländische Fahrende sind meist in grösseren Gruppen unterwegs. Deshalb ist es notwendig, für sie grosse Plätze entlang der Transitachsen zu schaffen, wie zum Beispiel der kürzlich freigegebene Transitplatz La Joux-de-Ponts.

Simon Röthlisberger ist seit Anfang 2017 Geschäftsführer. 

Was halten Sie von diesem Freiburger Transitplatz?

Ich war selber nicht vor Ort. Dieser Platz ist aber sehr zu begrüssen. Wenn erste Erfahrungen vorliegen, kann es sinnvoll sein, Anpassungen beim Platzreglement vorzunehmen.

 

Unter anderem kritisieren die Fahrenden die auf sieben Tage beschränkte Aufenthaltsdauer auf dem Platz, weil es so nicht möglich sei, über eine gewisse Zeit einer Arbeit nachzugehen.

Die Regeln auf den Plätzen bestimmen Kantone und Gemeinden. Grundsätzlich ist das Ziel eines Platzes, dass er genutzt wird. Ausgestaltung und Betrieb sollen deshalb die effektiven Bedürfnisse abdecken und gleichzeitig den geordneten Betrieb gewährleisten. Gut genutzte Plätze brauchen die Offenheit und Flexibilität aller Akteure. Im Kanton Aargau konnte in der Hoschtet eines Bauern, der schon jahrelang Jenischen und Sinti Halteplätze bot, ein dauerhafter Platz errichtet werden.

 

Hat es heute mehr oder weniger Plätze für Fahrende als vor 20 Jahren?

Wir unterscheiden zwischen Stand-, Durchgangs- und Transitplätzen. Die Anzahl Standplätze, die auch über den Winter offen sind, sind in den letzten rund 15 Jahren von 11 auf 15 angestiegen, was sehr moderat ist. Bei den Durchgangsplätzen haben wir jedoch eine negative Entwicklung. Diese Plätze haben sich von 45 auf deren 33 verringert. Und das in Anbetracht der Tatsache, dass es wieder mehr junge Jenische und Sinti gibt, die fahren wollen. Das Fahren gehört zu ihrer Lebensweise, und wer sich zugehörig fühlt, will diesen Aspekt wieder leben. Es gibt zu wenig offizielle Plätze. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Möglichkeiten existieren, spontan bei einem Bauern mit dessen Einwilligung einen Halt für eine beschränkte Dauer einzulegen.

 

Was sagen Sie zu Wileroltigen, wo ein Transitplatz entstehen soll, die Bevölkerung jedoch nicht einverstanden ist?

Zur Schaffung von Plätzen braucht es die Offenheit der Standortgemeinden. Gemeinden tragen damit wesentlich zur Lösung bei, anstatt Teil des Problems zu werden. Gerade Wileroltigen zeigt deutlich, dass es zu Landnahmen kommt, wenn es keine offiziellen Plätze gibt. Landnahmen führen immer zu mehr Reibungsfläche mit den Behörden und mit der Bevölkerung vor Ort. Das ist eine schlechte Ausgangsbasis, um Lösungen zu finden. Für uns wäre ein Transitplatz in Wileroltigen sinnvoll, es braucht auf dieser Verkehrsachse unbedingt einen Platz.

 

Der Überbegriff «Fahrende» stiess unter Jenischen und Sinti auf Kritik.

Die Kritik ist bekannt und das Einfordern der Selbstbezeichnung nachvollziehbar. Der Begriff Fahrende hat aber auch etwas Umfassendes, weil er auf die fahrende Lebensweise fokussiert und damit in- oder ausländische Jenische, Sinti und Roma unter einem Hut vereint. Jenische, Sinti und Roma stossen bei der Ausübung der fahrenden Lebensweise gleichermassen auf Schwierigkeiten. Ebenso sind damit Gemeinde, Kantone oder der Bund herausgefordert – nicht nur bei den Plätzen, sondern beispielsweise auch bei der Frage, wo jemand angemeldet ist, oder bei der Bildung. Die fahrende Lebensweise steht quer zu unserem gängigen System von einem festen Wohnsitz.

Mehr zum Thema