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Wider die Nivellierung der Werte

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Wider die Nivellierung der Werte

Europäische Integration aus der Sicht eines osteuropäischen Intellektuellen

Im Hinblick auf den Aufbau des erweiterten Europa müssen sich Ost- und Westeuropäer unbedingt gegenseitig besser kennen lernen, müssen zu ihren Mentalitäten stehen und nicht versuchen, sich gegenseitig verändern zu wollen. Dies betonte der Philosoph und frühere rumänische Aussenminister Andrei Plesu am Europatag in Freiburg.

Von WALTER BUCHS

Europa hat im laufenden Jahr eine neue Dimension erhalten, denn am 1. Mai sind acht ost-/mitteleuropäische Länder der EU beigetreten. Ganz bewusst hat aber die Universität Freiburg für den Festvortrag an ihrem 29. Europatag eine Persönlichkeit aus einem osteuropäischen Land eingeladen, das – wie die Schweiz – der EU (noch) nicht angehört, wie Rektor Urs Altermatt am Mittwoch bei der Begrüssung betonte. Es handelt sich um den Philosophen, Schriftsteller und ehemaligen Minister Andrei G. Plesu, den der Rektor dem zahlreichen Publikum an der Universität als «herausragenden Intellektuellen in Rumänien» vorstellte (siehe auch FN vom 22. Juni).

Das farblose Schlaraffenland

In seinem nicht bloss von Angehörigen der Universitätsgemeinschaft, sondern ebenfalls von zahlreichen Politikern und Diplomaten besuchten Referat mit dem Titel «Einige Neurosen des Ostens» ging der Referent zuerst auf die (Wunsch)Vorstellungen ein, die sich der Osten vom Westen in der Zeit des Kommunismus machte. Diesen stellte er die ersten Erfahrungen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gegenüber. Einerseits sei der Westen «anders besser», als vor der Wende angenommen. Andererseits sei dieses «Schlaraffenland» etwas weniger farbig als angenommen. Dazu komme, dass die Osteuropäer heute manchmal das Gefühl hätten, vom Westen herablassend als die «armen, missratenen und anspruchsvollen Verwandten» behandelt zu werden, nachdem sie Ende 1989 noch mit brüderlichem Enthusiasmus als Helden gefeiert wurden.

In seinen scharfsinnigen Überlegungen machte der prominente Gastredner klar, dass diese unterschiedlichen Wahrnehmungen auf die unterschiedlichen Vorstellungen zurückzuführen sind, wie schnell und nach welchen Kriterien die europäische Integration vollzogen werden kann und soll. Die EU erwarte von den Beitrittskandidaten, dass sie den «acquis communautaire» schon ganz erfüllen, der von der Anerkennung der Menschenrechte, über die Armutsbekämpfung und Kultur- und Bildungspolitik bis zu Grössenstandards für Tomaten und Eier führe. Die Tatsache, dass alles gleich wichtig und dringend eingestuft werde, führe zu unerwünschter Nivellierung von Kriterien und damit auch der Mentalitäten. Im Weiteren bewirke der hohe und unrealistische Erwartungsdruck Verunsicherung und Frustration. Auch wenn die betroffenen Länder gewillt seien zu zeigen, dass sie leistungsfähig und voller Erneuerrungskraft sind, seien sie doch in einem ständigen Teufelskreis: Sie können die Integration nicht schaffen, wenn man sie nicht unterstützt; sie werden aber nicht unterstützt, wenn sie nicht den Eindruck machen, schon mehr oder weniger integriert zu sein.

«Was ist Europa?»

Angesichts der unterschiedlichen Erwartungen und Möglichkeiten der Integrationsfähigkeit stellte sich Professor Plesu die Frage, ob denn Ost und West unter Europa auch das Gleiche verstehen. Er gab zu bedenken, dass für die Osteuropäer Europa in erster Linie ein kulturelles Konzept sei. Europa beizutreten bedeute für sie, jene Werte wieder zu finden, von welchen die Länder, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den Ostblock einverleibt wurden, getrennt und abgeschnitten wurden. Es stecke also eine Art Nostalgie dahinter.

In Westeuropa scheine die Idee offensichtlich eine andere Bedeutung zu bekommen; das Europa der Zivilisation, mit pragmatischer Rationalität auf die Zukunft ausgerichtet. Die Westeuropäer wollten also ein neues Europa gründen, das Europa von morgen.

Keine Änderung aufzwingen

«Angesichts dieser Feststellung muss auf beiden Seiten ein energisches Erwachen passieren», betonte Andrei G. Plesu in seinem teils auf Französisch, teils auf Deutsch gehaltenen Vortrag im gut besetzten Auditorium B der Universität Miséricorde. Die Länder in Ost- und Westeuropa müssten sich unbedingt besser kennen lernen, und sie dürften nicht versuchen, sich gegenseitig Änderungen aufzuzwingen.

Es gehe dabei darum, die Unterschiede richtig zu interpretieren, zu ihnen zu stehen und so die Komplementarität zwischen Kultur und Zivilisation zu nutzen. Ein lang andauernder und kräftiger Applaus folgte auf seinen Schlusssatz: «Das ist die Integration, die wir anstreben müssen. Alles andere ist nur Verwaltung.»

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