Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Wie vom Meister selbst inszeniert

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Wenn bei Pierre Ni­degger zu Hause heute einige Werke von Freiburger Malern hängen, so ist dies seiner Zeit am Kollegium St.  Michael geschuldet, die bei ihm das Inte­resse an den schönen Künsten geweckt hat. Nideggers Zeichenlehrer war der Freiburger Künstler Armand Niquille, der von den Schülern als originelle, einnehmende und etwas mysteriöse Figur geschätzt wurde.

Und noch etwas bleibt Nidegger von der Zeit am Kollegium in Erinnerung: Mit der Klasse besuchte er die Landesausstellung 1964 in Lausanne. Und da faszinierte ihn etwas: «Heureka», die Plastik von Jean Tinguely, die sich ohne erkennbaren Zweck bewegte.

Nidegger wusste, dass Tinguely aus Freiburg stammte und international bekannt war. Aber das war nichts im Vergleich zu 1991. «Tinguely war überall», erinnert er sich. Tinguely hatte ein paar Jahre zuvor in Freiburg den Jo-Siffert-Brunnen geschaffen, er hatte 1990 in Moskau ausgestellt und 1991 im Kunsthistorischen Museum Freiburg, sein Künstlerfreund Jean-Pierre Corpataux – Le Boucher Corpaato – hatte zur Vernissage Suppe gekocht, Tinguely gestaltete das Plakat zur 700-Jahr-Feier der Eid­genossenschaft, Tinguely trug man auf T-Shirts und Kra­watten.

Der Tod und die Affäre

Und dann starb Jean Tinguely am 30.  August 1991. Der Nachwelt hinterliess er eine handfeste Affäre: Falsche Tinguely-Bilder waren im Umlauf.

Mittendrin standen zwei spätere Kommandanten der Freiburger Kantonspolizei: Pierre Nidegger als Chef der Kriminalpolizei und Pierre Schuwey, der damalige Chef des Erkennungsdiensts.

Es war, als hätte Tinguely diesen Fall wie eines seiner Kunstwerke zum Laufen gebracht. Im Herbst 1990 hatte der Künstler sich vom damaligen Polizeikommandanten Joseph Haymoz durch das Polizeigebäude führen lassen, auf dem Platz vor der Grenette gab es einen Aperitif, bei dem auch Nidegger dabei war, und kurz darauf lud Tinguely alle Schweizer Polizeikommandanten in sein Atelier in La Verrerie ein. Aber als der Skandal um die gefälschten Bilder ausbrach, da liess Tinguely die Polizei das Rätsel allein lösen. Er, der am besten über seine Werke hätte Auskunft geben können, war nicht mehr da.

«Die Welt schaute zu»

Pierre Nidegger nahm sich als Kripo-Chef der Affäre gleich selber an. Ein zehnköpfiges Team wurde mit dem Fall betraut. «Die ganze Welt schaute auf uns: Wir spürten die Erwartung, dass wir den Fall schnell lösen sollten», erinnert sich Nidegger. «Wer etwas Geld hatte, hatte einen Tinguely. Als plötzlich Fälschungen auftauchten, machte sich bei den Besitzern von Tinguely-Bildern Unsicherheit breit: Waren ihre Bilder echt oder nicht?»

Der Fall kam im Juni 1991 ins Rollen, erinnert sich Nidegger. «Jean-Pierre Corpataux hatte elf Tinguely-Bilder für 200 000 Franken gekauft. Er stellte sie einem Basler Galeristen vor und verkaufte diesem fünf davon für 110 000 Franken. Einem weiteren Galeristen in Basel stellte er die anderen sechs Bilder vor, der entschied sich für drei von ihnen. Inzwischen aber hatte der erste Galerist Verdacht geschöpft und Tinguely direkt kontaktiert, der damals gerade in Basel war. ‹Die sind nicht von mir›, sagte ihm Tinguely.» Er soll schallend gelacht haben. Tinguely nahm die Bilder vom ersten Galeristen zurück, Corpataux jene vom zweiten.

Die Geschichte erschien vier Tage vor Tinguelys Tod in den Medien. Tinguelys Anwalt und Corpataux reichten Anzeige ein. Am 23.  September wurde es ein Fall für die Justiz.

Falscher Verdacht auf Corpaato

«Der erste Verdacht fiel auf Corpataux», erinnert sich Nidegger. «Er wurde angeschwärzt. An Tinguelys Beerdigung hat man Corpataux als Fälscher beschimpft und sich empört gezeigt, dass er es überhaupt gewagt habe aufzutauchen. Corpataux wollte, dass die Fakten auf den Tisch kommen, um seine Unschuld zu beweisen.

Doch schon bald richtete sich das Interesse der Ermittler auf den Freiburger Einrahmer, von dem Corpataux die elf Bilder gekauft hatte. «Dieser bestritt aber jegliche Schuld», so Nidegger. «Für das Künstlerische stützten wir uns auf Experten ab», so der damalige Kripo-Chef. «Aber über die Welt der Kunst mussten wir alles lernen: Wer kauft, wer verkauft, wer sammelt?» Dabei sei Jean-Pierre Corpataux eine wichtige Auskunftsquelle gewesen. Von ihm erfuhren die Ermittler, dass der Einrahmer enge Kontakte zu einem Solothurner Maler hatte.

«Der Einrahmer wurde am 7.  Oktober verhaftet. Wir machten eine Hausdurchsuchung bei ihm», so Nidegger. «Der Solothurner Maler wurde am 9.  Oktober verhaftet und hat dann auch schnell alles zugegeben, auch wenn er sagte, er habe nicht gewusst, dass die Bilder verkauft werden sollten. Der Einrahmer gestand am 15.  Oktober.» Der Einrahmer wurde zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 18  Monaten wegen Betrugs und Urkundenfälschung verurteilt, der Maler zu 12  Monaten bedingt wegen Urkundenfälschung.

«Jeder kann das»

Vor Gericht wurden die Fälscher 1995 auch nach ihrem Motiv gefragt. Sie gaben an, es sei ein Scherz gewesen. Jeder könne einen Tinguely malen, waren sie der Meinung, und der Einrahmer habe auf einmal gesagt: «Lass es uns versuchen.» Nidegger lässt das nicht gelten: «Es flossen immerhin 200 000 Franken.»

Tinguely wäre nicht Tinguely, wenn diese Affäre so einfach mit dem Gerichtsurteil geendet hätte. Nidegger erinnert sich: «Es tauchten in einer Berner Galerie plötzlich zwei weitere gefälschte Tinguely auf. Sie kamen nicht vom Freiburger Einrahmer und dem Solothurner Maler. Der Fall wurde nie gelöst. Eine Person aus dem Umfeld dieser Galerie hat sich dann umgebracht.»

Erneut entstand Rummel, als die Polizei plötzlich erfuhr, da verkaufe einer in einem Restaurant in Marly neun Tinguely-Bilder. Die Kontrolle vor Ort ergab aber, dass sie echt waren und der Verkäufer sie direkt von Tinguely hatte.

«Das schnelle Lösen des Falls hat unserer Polizei einen guten Ruf eingebracht», meint Nidegger heute. «Wenn wir den Fall nicht gelöst hätten, würde man noch heute behaupten, es seien falsche Tinguelys im Umlauf.»

Es sei ein schwieriger Fall gewesen, sagt Nidegger. «Kunstfälschungen sind selten. Meistens sind es Fälle für die Bundespolizei. Doch wir haben dank Tinguely innert kurzer Zeit etwas von der Welt der Kunst verstanden, und wir konnten ihm mit der Auflösung etwas zurückgeben.»

2015 flog in Freiburg ein weiterer grösserer Fall von gefälschten Bildern auf. Pierre Nidegger war inzwischen in Pension und musste sich nicht mehr damit beschäftigen. Er hätte aber gewiss Auskunft geben können: Es handelte sich um acht Fälschungen von Werken seines Zeichenlehrers Armand Niquille.

Zum 100-Jahr-Jubiläum gewährt die Kriminalpolizei Einblick in alte Fälle.

Fälschungen

Als Schulbeispiel aufbewahrt

Gefälschte Kunstwerke gelten bis zu einem Urteil als Beweisstücke. In der Regel ordnet ein Gericht dann ihre Vernichtung an. Anders verhielt es sich bei den gefälschten Tinguely-Bildern: Da verlangte das Gericht deren Aufbewahrung als Vorzeigebeispiel. Seither werden sie im Lager des Kunsthistorischen Museums Freiburg aufbewahrt. «Zehn der elf gefälschten Bilder befinden sich bei uns, eines bei der Kantonspolizei», präzisiert Adeline Favre, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Verantwortliche für das Inventar des Museums. Sie stellt neben eine Fälschung ein Original und erklärt, wie man sie unterscheiden kann. Zentral sind laut Favre die Unterschriften: Bei den Fälschungen wurde immer derselbe Silber- oder Goldstift verwendet. «Die Bilder sind aber auf verschiedene Jahre datiert. Es ist unmöglich, dass Tinguely so lange Zeit den gleichen Stift verwendet hat.» Zudem sei die Unterschrift auf den Fälschungen fest. Tinguely signierte locker, manche Stellen sind nur angekratzt.

Bei der Polizei hatte sich Pierre Schuwey mit Tinguelys Unterschrift beschäftigt. Er bildete sich beim Polizei-Institut in Lausanne in Grafologie weiter. Doch Tinguely machte es ihm nicht leicht: Er unterschrieb immer wieder anders.

Auch eine Materialanalyse brachte wenig Aufschluss: Die Fälscher sollen die Waren bei der Migros gekauft haben, aber auch Tinguely selber verwendete ganz gewöhnliche Farbstifte. Die Fälschungen wie die Originale enthalten Dinge, die ein Relief bilden. Auf einer Fälschung kleben Sticker von Ferrari und von einer Formel-1-Zielflagge: typisch Tinguely.

Entscheidend sind Details. So zeichnete Tinguely häufig Spiralen. Diese finden sich auch auf den Fälschungen. Aber während sie sich bei Tinguely im Uhrzeigersinn drehen, laufen sie bei den Fälschungen gegen den Uhrzeigersinn. Auf der Rückseite eines Original-Bilds findet sich ein farbiger Fingerabdruck Tinguelys. Auf den Fälschungen waren aber keinerlei Fingerabdrücke vorhanden, erinnert sich der damalige Kripo-Chef Pierre Nidegger.

Favre räumt die falschen Tinguelys wieder in die Schublade und sagt beiläufig: «Wir haben total 30 Fälschungen.» – 30? – «Ja, wir haben noch einige Radierungen. Sie sind zwar von Tinguely, aber man hat nachträglich seine Unterschrift hinzugefügt. Wohl um den Wert zu steigern.»

uh

Kommentar (0)

Schreiben Sie einen Kommentar. Stornieren.

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die Pflichtfelder sind mit * markiert.

Mehr zum Thema