Kopf des Monats 28.02.2018

Die tollkühne Überfliegerin

Gut zwei Wochen ist es her, seit Mathilde Gremaud an den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang die Silbermedaille im Slopestyle gewann. Unbekümmert und wagemutig katapultierte sich die junge Ski-Freestylerin im Nu an die Weltspitze.

Im März 2014 nimmt Mathilde Gremaud auf dem Moléson erstmals an einem Wettkampf im Ski Freestyle teil. Keine vier Jahre später gewinnt sie an den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang die Silbermedaille. Es ist wahrlich ein rasanter Aufstieg, den die 18-jährige Freiburgerin hinter sich hat. So rasant, dass ausnahmsweise gar die ziemlich abgedroschene Reporterfrage an siegreiche Sportler, ob sie denn den Erfolg bereits realisiert hätten, ihre Berechtigung hat. Die Greyerzerin, die im Frühling 2017 einen Kreuzbandriss erlitten hatte und in Südkorea ihr Comeback gab, verlor sich nicht in Phrasen und wusste das Edelmetall sofort einzuordnen. «Nach der Verletzung hatte ich die Olympischen Spiele zwar weiter im Hinterkopf, doch die Gedanken daran haben mich nicht gestresst. Die Silbermedaille hat für mich den gleichen Wert wie Gold», hatte sie am vorletzten Wochenende gleich nach dem zweiten Platz im Slopestyle-Contest gesagt.

«Oftmals fuhr ich abseits der Pisten, oder ich baute mit der Lawinenschaufel meines Vaters Schanzen.»

Mathilde Gremaud

Ski-Freestylerin

 

Möglich gemacht haben den Exploit ihr Talent, natürlich, aber insbesondere auch ihre Furchtlosigkeit. Wen immer man fragt: Alle, die Gremaud kennen, bezeichnen sie als Draufgängerin. «Ich war schon immer wagemutig», stimmt die erste Freiburger Medaillengewinnerin an Winterspielen seit dem Slalomfahrer Jacques Lüthy 1980 in Lake Placid zu. In La Roche aufgewachsen, sind die Pisten der Berra wie ein zweites Zuhause für Gremaud. Gerade mal zwei Jahre alt ist sie, als sie zum ersten Mal den Berg hinunterrutscht. «Wir waren fast täglich auf den Skiern. Oftmals fuhr ich abseits der Pisten, oder ich baute mit der Lawinenschaufel meines Vaters Schanzen.» Früh zeichnet sich ihr Faible für waghalsige Sprünge ab. Potenzial wird ihr zwar auch in der Leichtathletik bescheinigt, schnell ist für Gremaud jedoch klar, dass sie auf die Karte Ski Freestyle setzen will. «Ich empfand die Leichtathletik als nicht sehr originell und konnte mir deshalb nur schwer vorstellen, noch jahrelang Läufe zu bestreiten.»

Ihre Wahl zugunsten des Skisports sollte sich ausbezahlen. Swiss Ski selektionierte die Freiburgerin für das Nachwuchskader, im Sommer 2016 nahm sie in der Sportmittelschule Engelberg die Maturität in Angriff. Kurz darauf klassierte sich Gremaud gleich beim ersten Weltcup-Start in Mailand im Big Air im zweiten Rang. «Ich ging dorthin, ohne mir gross Fragen zu stellen», erinnert sie sich. Sie habe durchaus eine ernste Seite an sich und sei nicht zuletzt aufgrund ihrer Knieverletzung reifer geworden. Auf dem Hindernisparcours im Slopestyle oder der Schanze im Big Air aber behielt sie ihre Unbekümmertheit bei– und somit einen ihrer grössten Trümpfe.

Gremaud scheut sich nicht, Risiken einzugehen. Bisweilen überrascht sie damit selbst ihre Trainer, die nicht immer wissen, welche Tricks sie im Wettkampf effektiv vorführen wird – so wie im März 2017 bei den X-Games in Oslo. Als sie für ihren zweiten Sprung im Big Air die Schanze hinaufstieg, fasste sie einen waghalsigen Entschluss. «Ich wusste, dass ich etwas ausprobieren würde, das ich zuvor noch nicht einmal im Training versucht hatte.» Mit dem «Switch Double Cork 1080» – einem doppelten Salto mit dreifacher Drehung um die eigene Achse – sicherte sich die aufstrebende Freiburgerin in Norwegen nicht nur den Sieg, sondern auch die Maximalnote (50 Punkte) und sorgte für ein Novum bei den Frauen.

Möglich gemacht hat das eine Fertigkeit, die laut Gremaud nicht viele mitbringen: Derweil die meisten Gegnerinnen eine Rotation bevorzugen, könne sie sowohl mit einer Links- als auch mit einer Rechtsdrehung schwierige Sprünge stehen. Noch habe sie ihre Fähigkeiten allerdings nicht ausgeschöpft. So wie die junge Disziplin Freestyle noch über erhebliches Steigerungspotenzial verfüge, so habe auch sie noch eine Entwicklungsmarge: «Die Männer präsentierten bei den Olympischen Spielen Figuren, von denen wir noch weit entfernt sind. Ich kann nicht sagen, ob wir Frauen dieses Niveau je erreichen werden, aber zu versuchen, es zu schaffen, ist eine grosse Motivation für mich.»

Für diesen Winter allerdings ist die Luft bei Gremaud draussen. «Es gibt noch Wettkämpfe, doch die lasse ich wohl sausen. Ich bin müde.» Der beschwerliche Weg zurück nach der Verletzung, die Olympischen Spiele und die daraus folgenden Verpflichtungen hätten sie viel Kraft gekostet. Inwiefern sich die Silbermedaille positiv auf ihre Karriere auswirken werde, könne sie erst in ein paar Monaten beurteilen. «Es gibt aber Freestyler, die vom Sport leben können.» Das sei auch ihre Absicht, wenn sie die Schule abgeschlossen habe. Zurzeit jedenfalls kann sich die Freiburger Sportlerin 2017 nichts Schöneres vorstellen, als Teil der Freestyle-Szene zu sein. «Ich liebe die Ambiance, die unter den Fahrern herrscht. Und ich habe durch den Sport die Chance, Leute und Länder kennenzulernen.»

Vorerst geniesst Gremaud den Erfolg – auch wenn ihr der Rummel um ihre Person manchmal zu viel wird – und will nicht zu weit vorausblicken. Die Spiele 2022 in Peking hat sie gleichwohl auf dem Radar. «Viele sagen mir, als Vize-Olympiasiegerin sei der Druck dann gross. Das sehe ich genau andershe­rum. Ich habe bereits eine Medaille und könnte deshalb befreit starten.» Da ist sie wieder, die Unbekümmertheit, die – sofern sie sie behalten kann – noch für viele Höhenflüge sorgen dürfte.