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«Wir sind nicht mehr einfach religiös»

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«Wir sind nicht mehr einfach religiös»

Autor: irmgard lehmann

Das Pfingstfest findet 50 Tage nach Ostern statt. Es ist das Fest des Heiligen Geistes, der auf die Apostel herabkam, als sie in Jerusalem versammelt waren. Pfingsten kommt vom griechischen Pentecoste und heisst «der fünfzigste Tag».

Christian Rutishauser, was will uns Pfingsten sagen?

Das Pfingstereignis beschreibt, dass aus verängstigten, zweifelnden Jüngern überzeugende wortgewaltige Verkünder des Reiches Gottes wurden. Das Überraschende daran war, dass jeder der Zuhörer sie in der eigenen Sprache verstehen konnte. Knapp zwanzig Volksgruppen zählt die Bibel unter den Umstehenden auf. Pfingsten ist die Geburtsstunde der globalen Kirche.

Wenn Menschen in der Kirche heute erfahren, dass man sich gegenseitig versteht, auch über Grenzen und Nationalitäten hinweg, dann ereignet sich auch heute «Pfingsten».

Das Bewusstsein für den Heiligen Geist ist uns aber abhanden gekommen.

Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Nur heisst es heute «Spiritualität», ein Wort das von Spiritus Sanctus kommt, also vom Heiligen Geist. Menschen suchen ein innerliches Berührtwerden. Sie glauben nicht mehr nur das, was vorgeschrieben ist.

Der Wahrheitsanspruch der Kirche macht vielen Menschen Mühe. Warum spricht die Kirche beispielsweise heute noch von der Auferstehung als wäre sie eine historische Tatsache?

Auferstehung muss in eine Sprache übersetzt werden, die jeder versteht. Wenn ich erfahre, dass ich trotz aller destruktiven Kräfte und Todeserfahrungen durch den Schöpfergeist Gottes neues Leben erhalte, kann ich an Auferstehung glauben.

Und wie soll man das leere Grab verstehen?

Das leere Grab ist ein Geheimnis. Unerklärbar. Ohne es hätten wir Christen keinen Auferstehungsglauben.

Aber historisch nicht belegbar?

Ich denke, die Frage nach der historischen Beweisbarkeit von Auferstehung ist falsch gestellt. Man muss sie im Herzen begreifen, nicht aufgrund irgendeiner Faktenlage.

Ein anderes Glaubensdogma ist die Geburt Christi in der Krippe. Was weiss man davon?

Historisch weiss man nichts. Das älteste Evangelium von Markus bringt keine Geburtsgeschichte. Lukas und Matthäus wiederum geben in ihrer Erzählung narrative Theologie wieder. Sie beschreiben Jesus aus ihrem Glauben heraus und wollen zeigen, wer er ist: der erwartete Messias. Das sind keine Journalistentexte oder historische Beweise, sondern Verkündigungstexte.

Der Zugang zu diesen alten Geschichten ist aber vielen Menschen verschlossen. Kann man ihn wieder öffnen?

Genau das versuchen wir im Lassalle-Haus. In den Exerzitien zum Beispiel wird das Leben Jesu meditiert. Es wird in den Dialog mit dem eigenen Leben gestellt. Sie sind eine geistliche Schulung der Vergegenwärtigung. Sie helfen, die Bibel in der eigenen Sprache zu verstehen.

Dennoch werden die Kirchen zusehends leerer – steht der Kirche der Untergang bevor?

Das denke ich nicht. Der Volkskatholizismus bricht zusammen. Wir sind nicht mehr einfach religiös, weil wir so geboren wurden. Der Mensch von heute muss erfahren, dass es Gott als wirkmächtige Grösse in seinem Leben gibt. Keiner glaubt mehr, weil der Bischof seiner Diözese ihm sagt, er müsse das tun.

Aus der Kirche austreten und trotzdem ihre Dienste in Anspruch nehmen – das kann man. Was meinen Sie dazu?

Das wird nicht lange dauern. Wenn das Steuersystem zerbricht, muss man sich anders organisieren. In den USA beispielsweise, wo ich das letzte Jahr gelebt habe, gibt es keine Kirchensteuern. Jeder Gläubige spendet nach seinem Ermessen.

Und wie sehen Sie der Entwicklung in der Schweiz entgegen?

Bei einem Systemwechsel würde die Kirche zuerst Geld verlieren, vor allem weil die juristischen Personen wegfallen. Sie müssten über Sponsoring neu gewonnen werden. Diese Situation kann auch ganz neue, kreative Kräfte freisetzen, vielleicht wortgewaltige Verkünder, wie die Jünger damals an Pfingsten. Auf jeden Fall braucht die Kirche eine Neugeburt aus dem Heiligen Geist und nicht nur aus dem Zeitgeist.

Letztes Jahr haben die SVP und die EDU die Initiative «Gegen den Bau von Minaretten» lanciert. Bis im November müssen 100 000 Unterschriften gesammelt werden. Wie stehen Sie dazu?

Als demokratischer Rechtsstaat sind wir verpflichtet, eine freie Religionsausübung zu gewährleisten. Dieses Recht gilt auch für die Muslime. Ob das Minarett dazu notwendig ist, ist zu diskutieren. Natürlich ist die Tradition des Christentums in unserer Kultur mitzuberücksichtigen. Letztlich geht es aber um die Religionsfreiheit als integralen Wert der Menschenrechte.

Wer mit uns hier in der Schweiz über Minarette diskutieren will, soll sich aber auch in muslimischen Ländern für die Rechte der christlichen Minderheiten einsetzen.

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