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«Wo ist das geistige Profil?»

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«Wo ist das geistige Profil?»

Theologie-Professor Leo Karrer zum neuen Selbstverständnis der Universität Freiburg

Die Zweisprachigkeit ist neu das Identitätsmerkmal der Universität Freiburg, die einst als Hochschule für die Schweizer Katholiken gegründet worden ist. Theologie-Professor Leo Karrer (66) kann diese Akzentverschiebung nicht undiskutiert hinnehmen.

Mit LEO KARRER
sprach JOSEF BOSSART (KIPA)

Leo Karrer, die Universität Freiburg nennt als ihre hervorstechende Eigenschaft neuerdings die Zweisprachigkeit. Hat die «Universität der Schweizer Katholiken», wie sie lange genannt wurde, unter dieser Bezeichnung ausgedient?

Es ist gewiss eine Tatsache, dass eine «katholische Universität» in einem konfessionell engen Sinn heute kein Profil mehr für eine Hochschule im gesellschaftlichen Zusammenhang sein kann. Denn die Bedeutung des Konfessionellen ist nicht mehr dieselbe wie Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die konfessionellen Grenzen sind nicht mehr jene des 19. Jahrhunderts, und die Kirchen haben generell an Bedeutung und auch an Reputation verloren. So gesehen wäre Werbung für die Universität Freiburg mit Hinweis auf ihre konfessionelle Charakterisierung schwierig.

Ich meine aber, dass die Zweisprachigkeit der Universität Freiburg eigentlich etwas ist, was einfach mit ihrer geografischen Situation zu tun hat. Diesen grossartigen Standortvorteil kann man zwar technisch in der Planung berücksichtigen und vielleicht noch forcieren. Das hat aber noch wenig mit dem geistigen Profil der Universität zu tun.

Für mich lautet daher die zentrale Frage: Gehen nicht wichtige Anliegen der heutigen Zeit verloren, wenn man sagt, die Universität Freiburg sei keine katholische Hochschule mehr, wenn man bloss noch pragmatisch eine Situation wie die Zweisprachigkeit zum Identitätsmerkmal erhebt?

Sie vermissen eine weltanschauliche Fundierung in dieser Selbstdefinition…

…ich vermisse so etwas wie ein inhaltliches Profil, das auch geistige Orientierung und Zielsetzung beinhaltet. Etwas, das über das Verwertbare und Messbare hinausgeht. Die Universität muss in der Auseinandersetzung von heute den Mut aufbringen, auch ein Ort für die geistige Auseinandersetzung zu sein, wo die ethischen Fragen oder die Sinnfrage angesprochen werden – und damit über das Detailwissen hinausgehend.

Letztlich stören Sie sich an der «Werbe-Etikette» Zweisprachigkeit. Aber Werbung gibt ja nicht vor, das Ganze darzustellen, sondern will bloss die Aufmerksamkeit des potentiellen Kunden auf etwas ziehen.

Es stellt sich die Frage, ob rein marktorientierte Werbeinteressen vertreten werden sollen oder nicht doch auch eine Option. Die Humanität erscheint heute vielfach bedroht. Wir haben Probleme, die mit Werten oder mit kulturellen Fragen zu tun haben. Vor diesem Hintergrund sollte sich eine Hochschule fragen, ob sie nicht bereits von ihrer Geschichte her einem Gesellschafts- und Menschenbild verpflichtet ist, mit dessen christlichen Aspekten von heutigen Herausforderungen her zu wuchern wäre.

Die Herausforderung könnte heute darin bestehen, selbstbewusst von der Soziallehre und vom Menschenbild des Christentums her stärker in die Auseinandersetzungen der Gegenwart einzugreifen: Würde und Freiheit des Menschen, Personalität und Gemeinwohl…

Angenommen, Sie hätten freie Hand: Welches «Markenzeichen» würden Sie der Universität Freiburg verpassen?

Ich kann jetzt nicht einfach aus dem Stegreif etwas formulieren. Ich würde aber hervorstreichen, dass die Universität Freiburg Wissenschaft sehr bewusst auch als Lobby-Arbeit zu Gunsten von Humanität versteht – im Rahmen der heutigen Chancen und Gefahren. Und da vermisse ich derzeit die Entwicklung von Visionen. Ich denke, dass wir Menschen alles zu verlieren haben, wenn auf die Dauer nur noch das gilt, was nützlich und wirtschaftlich verwertbar, für die nächste schnelle Wettbewerbskategorie wirtschaftlich rentabel ist.

Man gewinnt hier in der Schweiz, aber auch in Deutschland immer stärker den Eindruck – Stichwort Bologna-Reform -, dass Bildung heute nur noch Ausbildung ist. Und die soll möglichst reduziert und möglichst konform zu den wirtschaftlichen Interessen laufen: Wo ist in nächster Zukunft das Unmittelbarste nötig? Da haben die Bildungselemente, da hat die Erinnerung mit dem Bewusstsein des Gewachsenen, Gewordenen und Erlittenen gar keinen Platz mehr.

Was könnten Sie konkret für ein «sinnhaltigeres Profil» der Universität Freiburg unternehmen – das zum Beispiel auch mit einer Neuumschreibung des Attributs «katholisch» einherginge?

Viele aktuelle Fragen könnten noch viel stärker als bisher fächerübergreifend und vor allem auch fakultätsübergreifend aufgegriffen werden. Dabei geht es um argumentative und lebenspraktische Zeitgenossenschaft angesichts der Herausforderungen in der heutigen Zeit.

Das können die Theologen und Theologinnen aber nicht alleine, sie benötigen den Sachverstand in der Politik, in den Sozialwissenschaften, der Psychologie, der Naturwissenschaften. Um in diesem Sinne eine Vision oder ein Profil für die Universität Freiburg zu erhalten, müssten wir im guten Sinne miteinander ringen.

Ich würde es uns Theologinnen und Theologen von der Fakultät jedenfalls verübeln, wenn wir uns nicht in die Diskussion einmischten. Wir sind so etwas wie die Funktion der Unruh im Gehäuse, des Schrittmachers, die das Anliegen wachhalten. Doch wie gesagt: Allein können wir es nicht. Wir können die Aufgabe nicht lösen, aber einen Anstoss geben. Dieser Dialog braucht Juristen, Mediziner, Sozialwissenschaftler, Ökonomen …
Unsererseits besteht auch die Gefahr, dass wir uns in den Spezialdisziplinen verlieren und als Fakultät gar nicht mehr so etwas wie eine «Corporate Identity» nach aussen vertreten.

Jährlich werden die Schweizer Katholiken am ersten Adventssonntag gebeten, mit dem so genannten Hochschulopfer die Universität Freiburg zu unterstützen. Weshalb sollen sie das auch in Zukunft tun?

Man hat mich dieses Jahr wiederholt darauf angesprochen, und Pfarrer haben mich gefragt: Weshalb sollen wir jetzt für eine zweisprachige Universität noch das katholische Hochschulopfer einnehmen? Die Frage nach dem Hochschulopfer ist meines Erachtens eben gerade im grösseren Rahmen des geistigen Profils der Universität zu sehen…

*Leo Karrer ist Präsident der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie (ET), der rund 1100 katholische Theologen in über 20 Ländern angehören.

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