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Wo Ketten die Totenwelt begrenzen

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Wo Ketten die Totenwelt begrenzen

Autor: Text Nicole JEgerlehner, Bilder Aldo Ellena

Der traditionelle Friedhof «ist am Verschwinden; gleichzeitig organisieren wir unseren Umgang mit dem Tod und dem Abschied vom Leben neu». Dies sagt Alois Lauper, stellvertretender Vorsteher des kantonalen Amts für Kulturgüter und Mitglied der französischen historischen Gesellschaft des Kantons Freiburg. Lange Zeit seien die Toten Teil des Alltags gewesen: Die Friedhöfe lagen innerhalb der Stadtmauern, täglich beteten die Katholiken für ihre Toten. Im 18. Jahrhundert störten sich Hygienisten an dieser Nähe: Alles, was sich zersetzte, schien ihnen eine Gefahr für die Gesundheit zu sein. So wurden Weiher trocken gelegt, Strassen gepflästert – und die Friedhöfe vor die Stadttore verbannt. Auch in Freiburg: 1904 wurde der Friedhof St. Leonhard eröffnet.

Die grossen Familien

Auch wenn die Stadtregierung wollte, dass auf dem neuen Friedhof alle Gräber gleich viel Platz erhielten, sind einige Verstorbene doch gleicher als andere: In den Hauptalleen (grosses Bild oben) sind die Gräber der wichtigen Stadtfreiburger Familien zu finden. «Die Wichtigkeit der Menschen ist auf diesem Friedhof sichtbar», sagt Alois Lauper.

In den Hauptalleen ist auch eine gestalterische Grabsprache aus dem 19. Jahrhundert zu finden, die heute kaum noch jemand zu lesen weiss. Immer wieder sind Kränze auf den Gräbern zu sehen. Blumenkränze stehen gleichzeitig für das Vergehen und für das Versprechen der Wiedergeburt: Die Pflanzen verblühen, der geschlossene Kreis des Kranzes erinnert an die Unendlichkeit. Henri de Reynold war Forstinspektor. An seinem Grabmal ist ein besonderer Kranz angebracht: einer aus Tannzweigen und Tannzapfen (siehe Bild zweite Reihe, links).

Aus dem Leben gerissen

Das Grab der Familie Dreyer (dritte Reihe, zweites Bild von links) vereinigt viele verschiedene Symbole: Eine Treppe führt hinauf zur Türe – die für den Übergang in eine andere Welt steht -, an der eine Witwe weint. Auf dem Türrahmen prangt ein Kreuz. Vorne rechts steht eine gebrochene Säule – das Zeichen für einen gewaltsamen oder frühen Tod: Da ist jemand bestattet, der jung verstorben ist; der Abschied kam unvermittelt und abrupt.

Im 20. Jahrhundert werden auch Ingenieure und Unternehmer in den Kreis der grossen Freiburger Familien aufgenommen. Einer von ihnen war Joseph Fischer. Auf seinem Grabmal thront eine der raren Büsten des Friedhofs (dritte Reihe, drittes Bild von links). Der immergrüne Lorbeer zeigt, dass Fischers Ruhm nie vergeht. Auf dem Grabstein liegt ein leicht schräg gestelltes Kreuz: Die Bewegung deutet die Auferstehung an.

Im 19. Jahrhundert wurden Gräber oft von kleinen Zäunen (Bild ganz unten links) oder Ketten umgeben. Sie waren Barrieren zwischen dem Diesseits und dem Jenseits: Die Welten der Toten sollten so von der Welt der Lebenden getrennt werden. Die Barrieren gingen aber nie ganz um das Grab herum: Das fehlende Glied deutet den Unterbruch des Lebenskreises an.

Erinnerung an Russland

In der Allee, die auf dem Friedhof St. Leonhard vom Haupteingang nach oben führt, steht eine Art orthodoxe Kapelle (dritte Reihe, Bild links). Hier ist kein Orthodoxer begraben, sondern ein Freiburger Ingenieur, der in Moskau gelebt und gearbeitet hat und auch dort begraben ist. Seine Familie liess Gabriel-Ignace Egger in der Heimat ein Grabmal im Andenken an seine Zeit in Russland errichten.

Acht Jahre nach der Eröffnung des Gemeindefriedhofs St. Leonhard, auf dem Katholiken und Protestanten nebeneinander ruhen, haben die Juden im Südwesten ein eigenes Abteil erhalten (zweite Reihe, Bild rechts). «Das ist auch ein Zeichen für die Integration und Anerkennung dieser Glaubensgemeinschaft in die Gesellschaft», sagt Lauper.

Zur Individualisierung

«Heute sind die Gräber sehr einfach gehalten», sagt Alois Lauper. «Auf dem Grabstein steht der Name, das Geburtsdatum, der Todestag – und alles ist gesagt.» Eine Grabsprache gibt es bei den Reihengräbern nicht mehr. Auch sonst haben sich die Gewohnheiten verändert: Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts sind die Friedhofsbesucher immer auch über die Hauptalleen spaziert. «Heute besuchen wir das Grab unserer Angehörigen, denken an sie und gehen wieder», sagt Lauper. Das kollektive Gedächtnis weiche so der individuellen Erinnerung.

Kunst auf dem Friedhof

Heute unterschieden sich nur noch jene Gräber von den anderen, welche von Künstlern gestaltet würden, sagt der Kunsthistoriker. Auf dem Freiburger Friedhof finden sich Werke von Oscar Cattani, Antoine Claraz, Liliane Jordan, Raymond Meuwly, Yoki und Emile Angéloz. Den Grabstein des Freiburger Kunstmalers Armand Niquille (dritte Reihe, Bild ganz rechts) hat Emile Angéloz gehauen – nach den Plänen seines Freundes Niquille, der einen so ganz anderen Stil pflegte als er.

Lagen früher die Toten der grossen Familien in den Hauptalleen, entscheidet heute einzig die Chronologie des Todes über die Platzierung des Grabes. «Das kommt aus dem Ideal der 1960er-Jahre, das Gleichheit forderte», sagt Lauper. Eine Ausnahme bildet Jo Siffert. Das Grab des Freiburger Autorennfahrers (Bild ganz unten rechts) hat relativ viel Platz. Es liegt zwischen zwei Bäumen an einem Weg, an dem viele Besucher vorbeikommen. «Das ist das einzige Zugeständnis an einen der grossen Freiburger Helden unserer Zeit», sagt Lauper.

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