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Wurzelbehandlung

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Als Treffpunkt hat Martin Schick den Club 89 im Untergeschoss des Hotels Bad in Schwarzsee vorgeschlagen, «dort, wo wir als Jugendliche mit dem Töffli hingefahren sind». Da steht er, in Shorts und T-Shirt, mit Wanderschuhen an den Füssen, einer Dächlikappe – seinem Markenzeichen – schräg auf dem Kopf und in einem blau-rot-weissen Blouson, der direkt aus den Achtzigerjahren kommen könnte. Der 39-jährige Schauspieler, Tänzer und Performancekünstler ist in Tafers aufgewachsen, hat familiäre Wurzeln in Plaffeien und Lustorf und führt seit einigen Jahren ein Nomadenleben auf der ganzen Welt, ständig auf Tournee mit seinen Theaterstücken. Heimat bezeichnet er als etwas, das man bei sich selber suchen müsse. Seit Herbst 2015 hat sich Martin Schick mithilfe des kantonalen Mobilitätsstipendiums mit den Facetten des Daheimseins und mit innovativen Wohn- und Lebensformen in verschiedenen Ländern befasst (die FN berichteten). Sein Projekt «Radical Living» bringt er nun mit einer «Welt­ausstellung» in Schwarzsee zum Abschluss, die vom 6. Juni bis zum 7. Juli im Rahmen des Festivals Belluard Bollwerk International stattfindet. Doch wer Martin Schick kennt, weiss, dass eine Ausstellung bei ihm nicht einfach eine Ausstellung ist.

 

Martin Schick, Sie laden während eines Monats täglich zu einer «Ausstellungsführung in Wanderschuhen». Was soll das sein?

Um was genau es geht, erfahren die Besucherinnen und Besucher erst, wenn Sie herkommen. Die «Weltausstellung» muss man sich buchstäblich erwandern. Grob gesagt, nehme ich die Leute mit auf eine Tour von Schwarzsee auf das Bödeli und wieder zurück. Unterwegs gibt es zehn Stationen, zu denen ich einiges erkläre und erzähle. Dabei dreht sich alles um Geschichten, Ideen, Gerüchte und darum, wie man die Dinge neu und anders denken kann. Die Leute müssen sich auf das Projekt einlassen und sich Zeit nehmen.

In einer Zeit, in der niemand Zeit haben will, bitten Sie die Menschen genau darum. Wieso ist Ihnen das so wichtig?

Ich weiss, dass es nicht selbstverständlich ist, aber eigentlich sollte es nicht zu viel verlangt sein, die Leute um Zeit zu bitten. Tatsächlich verstehe ich das Projekt als Antwort auf die Konsumhaltung, die längst auch in der Kunst Einzug gehalten hat: Die Leute schauen sich etwas an, bilden sich blitzschnell ein Urteil und ziehen weiter. Ich möchte, dass das Publikum sich einlässt, ohne zu werten. Mir ist lieber, es kommen drei Personen, die Zeit haben, als dass hundert kommen, die keine Zeit haben.

Sie gehen mit gutem Beispiel voran und nehmen sich selber Zeit: Während 32 Tagen bieten Sie täglich ihre zweieinhalbstündige Tour an, leben in dieser Zeit in Ihrer Hütte oberhalb des Schwarzsees und werden vorübergehend ungewohnt sesshaft …

Das ist tatsächlich etwas, das ich sonst überhaupt nicht kenne. Normalerweise bin ich ständig unterwegs, mache jede Woche etwas anderes und treffe fast täglich neue Leute. Irgendwann ist die Festplatte einfach voll. Darum zwinge ich mich jetzt, einen Monat lang jeden Tag das Gleiche zu machen – und das an diesem Ort, an dem meine Wurzeln sind. Es ist eine Art Wurzelbehandlung, sozusagen.

*

Natürlich geht es Martin Schick dabei nicht nur um seine persönlichen Wurzeln. Das Nomadentum sei ein ständiger Diskurs in der zeitgenössischen Kunst, sagt er. Durchs Leben zu wandern und nicht verwurzelt zu sein, sei zum Zeitphänomen geworden. Der Name seiner Residenz-Serie «Radical Living» ist denn auch ein Spiel mit dem doppeldeutigen englischen Begriff «radical», der nicht nur auf das Radikale, sondern auch auf die Wurzeln verweist.

Für seine «Weltausstellung» hat Schick Impressionen von den Reisen verarbeitet, die er im Rahmen von «Radical Living» unternommen hat und die ihn unter anderem ins Silicon Valley, nach Christchurch und nach Brasilien führten. Doch er hat diese Eindrücke nicht eins zu eins umgesetzt, sondern an die Gegebenheiten in Schwarzsee angepasst: auf dem Campingplatz zum Beispiel, wo er eine Künstlerresidenz mit dem Titel «Nomad Thinking Residency» ausgeschrieben hat. 110 Bewerbungen aus aller Welt seien eingegangen, so Schick, und das, obwohl es sich um eine «Residenz aus der Distanz» handle: Die ausgewählten Künstler kommen gar nicht nach Schwarzsee, sondern bleiben zu Hause und treten von dort aus mit dem Sensebezirk in Verbindung, sei es über digitale Kommunikation, Telepathie oder ein Gerücht, das in Berlin losgeschickt wird und irgendwann hier landet: Grenz­überschreitungen in jeder Hinsicht, wie sie für Martin Schick typisch sind.

Inwiefern geht es in der «Weltausstellung» um Grenzen?

Es geht um die Grenzen zwischen Kunst und Nicht-Kunst und zwischen Zivilisation und Natur. Für die «Welt­ausstellung» habe ich mit Institutionen zusammengearbeitet, die dies in irgendeiner Weise verkörpern, zum Beispiel dem Club 89, dem Campingplatz oder dem Tourismusbüro. Zum Grenzgang gehört auch die Frage, was Kunst hier überhaupt verloren hat.

Was erwarten Sie von Ihrer «Welt­ausstellung»?

Was das Publikum angeht, stelle ich mich der Herausforderung, ein Kunstprojekt zu machen, das für alle zugänglich ist, auch für Menschen, die sonst nichts mit Kunst am Hut haben. Zahlenmässig erwarte ich gar nichts. Ich gehe davon aus, dass es Tage geben wird, an denen niemand kommen wird oder an denen ich mit einer ganz kleinen Gruppe unterwegs sein werde. Aber das gehört dazu; mit wenigen Leuten wird es sogar intensiver. Und allgemein gesprochen, ist mein Anspruch an die Kunst, dass sie nie fertig ist. So wird auch das, was hier in Schwarzsee anfängt, auf irgendeine Weise eine Fortsetzung finden …

Wie zum Beispiel?

Ganz konkret zum Beispiel, indem alle Wanderer, die an einer Tour teilgenommen haben, am letzten Tag noch einmal nach Schwarzsee eingeladen sind, zu einem Abschlussfest im Club 89 mit einem Programm, das alle beeinflussen können.

*

Genau hier, draussen vor dem Club 89, mit Blick über den See und auf die Berge, zieht Martin Schick eine erste Bilanz zu «Radical Living», diesem Projekt über das Daheimsein und das Unterwegssein, das so sehr zu einer Reflexion über seine eigenen Wurzeln geworden ist. Was für ihn persönlich bleibe, sei die Erkenntnis, dass er wohl in der Schweiz bleiben werde, weil sich hier im Grunde alles spiegle, was irgendwo auf der Welt passiere. Unterwegssein werde er trotzdem weiterhin, das als Zustand pflegen und dieses Gefühl, überall daheim zu sein. Er möge Veränderungen und Extreme, so der Künstler: «Am liebsten würde ich gleichzeitig in der Schweiz und in São Paulo leben.»

Warum ausgerechnet São Paulo?

Die Stadt ist mir wahnsinnig eingefahren. Es ist eine Riesenstadt, auf den ersten Blick eine einzige Betonwüste. Aber wenn man einmal darin ist, ist sie wunderschön und voller kleiner Blüten und Schönheiten.

Was bleibt Ihnen sonst von «Radical Living» besonders in Erinnerung?

In Christchurch hat mich besonders beeindruckt, wie das Erdbeben von 2011 neue Sachen ermöglicht hat. In der Stadt gibt es seither riesige freie Flächen, auf denen sich Künstler in Wohnwagen angesiedelt haben. Was ich ebenfalls nie vergessen werde, ist eine Bootsfahrt auf dem Amazonas. Wir waren drei Tage unterwegs, anfangs mit fast hundert Leuten, am Ende noch etwa vierzig. Wenn man so eng zusammen ist, kennt man am Ende jeden einzelnen Passagier mit seiner Geschichte. Es ist verrückt, wie da für eine kurze Zeit ganz verschiedene Schicksale aufeinandertreffen. Und in Marseille konnte ich mir einen Traum erfüllen, als ich zehn Tage in einer Wohnung in Le Corbusiers «Unité d’habitation» verbringen durfte.

Marseille, der Amazonas, Christchurch – haben Sie auf all den Reisen auch Antworten gefunden auf die Frage, was Heimat ist?


Sicher sind es die Menschen, die wichtig sind. Aber wenn man viel unterwegs ist, reicht das als Antwort nicht. Ich habe mich von dem Anspruch gelöst, an jedem Ort etwas Neues aufzubauen. Wenn man das Unterwegssein als Zustand begreift, weiss man, dass das nicht geht – und dass das völlig in Ordnung ist. Auch die «Weltausstellung» macht das Unterwegssein zum Gegenstand der Betrachtung und schafft vielfältige Möglichkeiten des Austauschs.

Begehung der «Weltausstellung» vom 6. Juni bis zum 7. Juli: täglich; Treffpunkt um 11 Uhr bei der Bushaltestelle Schwarzsee Bad. Dauer ca. 150 Minuten, bei jeder Witterung.

«Alles dreht sich um Geschichten, Ideen, Gerüchte und darum, wie man die Dinge neu und anders denken kann.»

Martin Schick

Performancekünstler

Ausblick

Martin Schick vertritt die Schweiz in Avignon

Nur wenige Tage nach dem Ende der «Weltausstellung» in Schwarzsee zieht es Martin Schick gleich selber wieder hinaus in die Welt: Er ist einer von vier Schweizer Künstlern und Künstlergruppen, die für die «Sélection suisse en Avignon» ausgewählt wurden, das Schweizer Fenster am OFF-Festival von Avignon. Die «Sélection suisse» ist ein Projekt der Pro Helvetia und der Commission romande de diffusion des spectacles (Corodis). Sie findet zum zweiten Mal statt und verfolgt das Ziel, das Schweizer Bühnenschaffen in Avignon in Szene zu setzen und die auftretenden Künstlerinnen und Künstler bei der Diffusion ihrer Projekte zu unterstützen. Das Festival findet vom 7. bis zum 30. Juli statt. Martin Schick zeigt vom 15. bis zum 20. Juli die Performance «Halfbreadtechnique». Zudem spielt er am 11. Juli das Stück «70 minutes», zusammen mit François Gremaud und Viviane Pavillon.

cs

 

Infos: www.selectionsuisse.ch

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