Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Zur Strafe unter die kalte Dusche gestellt

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Zur Bestrafung musste er mit zwei Bibeln in den Händen einen halben Tag lang an einem Ort stehen. Oder er musste auf den heissen Radiator sitzen. Ins Kinderheim St-François wurde er als Kleinkind gebracht, wie viele seiner anderen zehn Geschwister auch. Sobald die Mutter ein neues Kind auf die Welt brachte, wurde es vom Vormund fremdplatziert–oftmals eben im Home St-François.

Seine Geschichte hat der Zeitzeuge Aline Muller erzählt. Die 19-jährige Gymnasiastin aus Courtaman hat kürzlich am Kollegium Heilig-Kreuz die Maturaarbeit eingereicht. Ihr Thema: Veränderungen im Kinderheim St-François in Courtepin zwischen den Jahren 1960 bis 1965. Muller hat mit zwei weiteren Zeitzeugen, die in der Arbeit anonym bleiben, über ihre Erlebnisse im Kinderheim gesprochen. Eine Zeitzeugin, die 15 Jahre lang im Heim untergebracht war, berichtete Muller etwa von der sadistischen Schwester B. Hätten die Kinder von Besuchern 30 Rappen erhalten, mussten sie es Schwester B. abgeben. Diese habe das Kleingeld unter dem Teppich in ihrem Zimmer aufbewahrt.

Schmerzende Schlüssel

Zeitzeuge drei, der als kleiner Bub nur Deutsch sprach, hatte in der französischsprachigen Schule schlechte Noten. Als Folge des schlechten Zeugnisses sei er bestraft worden. Bestrafungsmethoden seien Schläge mit einem Schlüsselbund oder kalte Duschen gewesen. Auch habe sich eine Schwester fast jeden Abend einen Jungen zu sich ins Zimmer geholt, habe sich hinter einem Paravent ausgezogen, und das Kind habe die Schwester nach Läusen absuchen müssen. «Lausen wie bei den Affen», habe die Schwester zu den Kindern jeweils ge- sagt. Zuerst am Kopf, dann unter den Armen, und besonders lang habe man im Intimbereich nach Läusen suchen müssen.

Einen komplett anderen Heimalltag vermitteln die Zeitschriften, die das Heim mehrmals pro Jahr publizierte. Laut Mullers Maturaarbeit wurde insbesondere über die Ferien detailliert berichtet. «Über die Sommerferien im Jahr 1960 wird festgehalten, dass die Ferienkolonie und die Freizeit grossen Spass machten und ein Erfolg waren», schreibt Muller. Die Kinder gingen etwa nach Freiburg ins Kino Charlie Chaplin schauen, an Weihnachten bekam jedes Kind ein Geschenk, oder sie besuchten in Murten den Zirkus Knie.

Die Eigendarstellung des Seraphischen Liebeswerkes, welches das Heim gegründet hatte (siehe Kasten), und die Erinnerungen der Zeitzeugen passen überhaupt nicht zusammen: Zwar habe es Ausflüge in Form von Spaziergängen in die Nachbardörfer gegeben,schreibt Muller in der Maturaarbeit. Die Zeitzeugen erinnern sich jedoch nicht an Ausflüge nach Murten oder Freiburg, wie es die Heimleitung in ihren Zeitschriften behauptete.

Deckungsgleiche Aussagen

Von den happigen Vorwürfen der Zeitzeugen war Aline Muller überrascht. «Angesichts des Falls der Ingenbohler Schwestern im Kanton Luzern ging ich davon aus, dass es in den Heimen nicht nur harmonisch zu- und hergegangen war.» Im Januar erschien ein Bericht, der die Missbrauchsfälle in der Luzerner Erziehungsanstalt Rathausen bestätigte und schweizweit für Aufsehen sorgte. Die Aussagen der Zeitzeugen erscheinen Muller glaubwürdig. «Die Zeugen kennen einander nicht und wohnen an unterschiedlichen Orten in der Schweiz. Die Aussagen sind aber teilweise deckungsgleich.»

 In ihrer Maturaarbeit musste sich Aline Muller auf eine Zeitspanne von fünf Jahren beschränken. Bei ihren Recherchen habe sie gemerkt, dass «bis jetzt noch niemand über die Missstände im Kinderheim St-François geschrieben hat». Dass sich der Freiburger Staatsrat bei den ehemaligen Verdingkindern für Fremdplatzierung und Missbrauch entschuldig habe, sei ein guter Weg, findet Muller. «Aber es braucht noch mehr. Ein Teil der ehemaligen Heimkinder sind ihr ganzes Leben in psychiatrischer Behandlung.» Nicht so Mullers Zeitzeuge, der zur Bestrafung mit der Bibel in den Händen einen halben Tag an einem Ort stehen musste. Mehrere Kinder, die mit ihm im Heim waren, hätten in jungen Jahren Selbstmord begangen, sagte er im Gespräch mit Muller. Er aber sei immer ein Kämpfer gewesen und habe darum seine Erlebnisse verarbeiten können.

Von ihrer Maturaarbeit und vom Alltag im ehemaligen Kinderheim erzählt Aline Muller im Altersheim Home St-François, Le Centre 1 in Courtepin am Fr., 12. April, an einemInfoabend (19.30 Uhr auf Französisch und 20.30 Uhr auf Deutsch).

Chronologie

Seit 1981 ein Heim für alte Menschen

Die Anfänge des Kinderheims St-François in Courtepin gehen auf dasSeraphische Liebeswerkzurück. Das Seraphische Liebeswerk ist das Kinderhilfswerk des Kapuzinerordens und hat sich zum Ziel gesetzt, Kinder «in moralischen und religiösen Gefahren» zu unterstützen, wie in einem Jahresbericht des Liebeswerks steht. 1926 lässt sich das Seraphische Liebeswerk im Kanton Freiburg nieder,1939 kauft das Hilfswerkin Courtepin einHerrschaftshausund eröffnet im selben Jahr ein Kinderheim. An das alte Herrschaftshaus werden in mehreren Bauphasen weitere Gebäude angebaut, so etwa eine Kapelle oder ein Speisesaal. DasKinderheimSt-François wird1971 geschlossen,bis 1981 mietet die Caritas das Gebäude und beherbergt dort Flüchtlinge aus dem asiatischen Raum. Seit1981 ist in den Gebäuden des ehemaligen Kinderheims das Alters- und Pflegeheimuntergebracht, das noch immer den Namen St-François trägt. Auch die heutige Berufsausbildungsstätte Prof-in neben dem Bahn-übergang in Courtepin hat ihre Anfänge übrigens bei der gleichen Hilfsorganisation:1946 gründet das Seraphische Liebeswerk die Vereinigung Foyer St-Josephals Ausbildungsstätte für «junge Behinderte und Invalide». Das Seraphische Liebeswerk trennt sich jedoch später von der Ausbildungsstätte, seither ist Prof-in eine eigenständige Stiftung.hs

Mehr zum Thema