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Zurück im Adlerhorst

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Die womöglich beste WM-Halbzeit seit dem Coup gegen Spanien 2010 rückte in den Kommentarspalten in den Hintergrund. Eine Geste bestimmte die Schweizer Sportnachrichtenlage, das Doppeladler-Symbol löste erneut eine Debatte aus – mittendrin die beiden Torschützen Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri, die im Rausch ihrer Emotionen eine kontroverse Botschaft platzierten.

Offen blieb die Deutung der Handbewegungen. Ein Teil der serbischen Vertreter hatte bereits im Vorfeld jedes kosovarische Emblem als politische Provokation aufgefasst – auch die Flagge auf den Schuhen der Spieler. Die Betroffenen selber verstanden ihr Handzeichen primär als Gruss an die geschundene Heimat ihrer Väter und Mütter. «Nicht gegen den Gegner gerichtet, sondern für die Menschen, die mich immer unterstützt haben», versicherte Xhaka.

«Viele Provokationen»

Shaqiri mochte nach den ersten Adrenalinschüben nicht mehr detailliert auf die Jubelszenen eingehen: «Ich will nicht darüber diskutieren. Viele wissen, um was es geht.» Der Instinkt-Fussballer spürte mutmasslich rasch einmal, in welche Richtung sich die Kontroverse verschieben könnte; der Weltverband reagiert in der Regel sensibel auf Statements dieser Prägung.

Captain Stephan Lichtsteiner stellte sich noch in der Mixed-Zone vor seine Teamkollegen und kommunizierte offensiv: «Ich denke nicht, dass die Schweiz ein Problem damit hat.» Er habe mit den Angehörigen der Doppelbürger vom Balkan gesprochen. «Sie haben mir ihre Sicht erklärt. Ich weiss, welcher Druck auf sie ausgeübt worden ist.»

Der künftige Arsenal-Verteidiger erwähnte die «vielen Provokationen, die wir mitbekommen haben. Das war für uns alle sehr schwierig.» Es sei wichtig gewesen, «dass wir ihnen geholfen haben und sie uns danach halfen». Trotz der angespannten Atmosphäre vor weit über 20 000 serbischen Anhängern demonstrierten Xhaka und Topskorer Shaqiri auf dem sportlichen Hauptschauplatz mit ihrer massgeblichen Tor-Doublette Standfestigkeit und Klasse.

Yann Sommer sprach in seiner Aufarbeitung explizit vom Ballast, der abgefallen sei, von jenem Schlüsselmoment, als Shaqiri nach einem perfekten Pass Gavranovics lossprintete und für ihn feststand: «Es kommt etwas Gutes dabei heraus.» Zwischendurch habe er an die zweijährige Vorarbeit gedacht, die hinter dem WM-Projekt stecke – daran, «wegen einer schlechten Hälfte» alles zu verspielen.

Differenzierte Sichtweise nötig

Was danach in den Fokus rückte, wertet der besonnene Keeper von Borussia Mönchengladbach mit vorsichtiger Zurückhaltung: «Das passierte in den Emotionen, für mich hat es keinen negativen Hintergrund. Ich bin in erster Linie froh, dass sie alles für die Schweiz gegeben haben.»

Im Gegensatz zu einem bekannten Schweizer Verleger und Nationalrat, der die multinationale SFV-Auswahl mit einem Startelf-Altersschnitt von 27,6 Jahren in einem Editorial der «Weltwoche» als «Veteranentruppe von Auslandsöldnern mit Schwerpunkt Balkan, angereichert durch ein paar eingeschweizerte Afrikaner» betitelte, ist auch bei generell erhöhtem Blutdruck eine differenzierte Sichtweise angebracht.

Mit ihrem Jubel schoben Xhaka und Co. zwar eine Endlos-Diskussion an, die intern weit weniger Staub aufwirbelt als extern. Aber ihnen deswegen einmal mehr das Commitment für die Schweiz abzusprechen, entbehrt jeglicher Grundlage. Xhaka und Shaqiri kommen zusammen auf mittlerweile 136 Länderspiele. Wie sehr sie bereit sind fürs SFV-Kollektiv zu leiden, zeigten sie im Schlüsselspiel gegen Serbien.

Von den Toren und genialen Aktionen der Secondos lebt das Schweizer Fussball-Projekt. «Wir brauchen sie», sagte Sommer. Für die grossen Augenblicke, für die Euphorie, für den Erfolg – Emotionen und diskutable Gesten inbegriffen. Ihr Temperament ist mehrheitlich eine unverzichtbare Qualität.

sda

Reaktionen

Bundesrätliche Rückendeckung

Sportminister Guy Parmelin und Aussenminister Ignazio Cassis haben die Jubelgesten der beiden albanischstämmigen Nationalspieler Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri in der «NZZ am Sonntag» verteidigt.

«Wer die aufgeladene Stimmung miterlebt hat, schätzt die Leistung der Schweizer Nati umso mehr und kann verstehen, wenn die Emotionen mit einem Spieler durchgehen», sagte Parmelin, der den 2:1-Sieg der Schweiz an der WM in Russland gegen Serbien vor Ort mitverfolgt hatte. Es sei aber nicht im Sinne des Sports, aus den Emotionen nun eine Polemik entstehen zu lassen, sagte er weiter.

Cassis hat Verständnis

Aussenminister Cassis nannte die Mannschaft ein perfektes Beispiel für die Verschmelzung verschiedener Kulturen. «Ich zweifle nicht, dass man patriotische Emotionen für die Nation empfinden kann, die einen aufgenommen hat, ohne sein Heimatland zu vergessen», so der Bundesrat mit italienischen Wurzeln zu den Doppeladler-Gesten gegenüber der «NZZ am Sonntag».

Unmittelbar nach der Partie am Freitag in Kaliningrad hatten sich zahlreiche Politiker geäussert – nicht nur unterstützend. Am Samstag leitete die Fifa ein Verfahren gegen Xhaka und Shaqiri ein. Es wird geprüft, ob die Jubelposen nach deren Treffern politisch motiviert waren. Der doppelköpfige Adler ziert die Flagge Albaniens. Serbien anerkennt den Kosovo nicht als eigenständiges Land.

sda

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