Freiburg 29.12.2017

«Nicht verstehen, sondern spüren»

Zum dritten Mal führt der französische Regisseur Olivier Desbordes dieses Jahr Regie bei der Freiburger Oper. Zusammen mit Benjamin Moreau inszeniert er «Hoffmanns Erzählungen», das letzte Werk von Jacques Offenbach. Heute Abend ist Premiere.

Es gebe drei Opernwerke, die ihre Schöpfer unsterblich gemacht hätten, sagt der französische Regisseur Olivier Desbordes: Mozarts «Zauberflöte», die einzige Oper, in der die Liebe triumphiere, Verdis verspieltes Spätwerk «Falstaff» und «Hoffmanns Erzählungen», das letzte Werk von Jacques Offenbach, mit dem dieser, obwohl es unvollendet blieb, endlich seinen Traum von der Oper erfüllt habe. Diesen Traum Offenbachs mit all seinen Erzählebenen, seinen Fantastereien und Visionen auf die Bühne zu bringen, ist für jeden Regisseur eine Herausforderung, aber auch eine Spielwiese voller Möglichkeiten.

«Es sind drei brutale Geschichten über drei gescheiterte Lieben.»

Olivier Desbordes

Regisseur

 

Olivier Desbordes inszeniert «Hoffmanns Erzählungen» jetzt für die Freiburger Oper, und es ist bereits das dritte Mal, dass der 67-jährige Pariser das Werk zur Aufführung bringt. Das erste Mal sei Anfang der Achtzigerjahre gewesen, sagt er im Gespräch mit den FN, eine seiner ersten grossen Bühnenarbeiten. «Das Werk war eine erste Liebe und eine, der ich bis heute treu geblieben bin.» Darum habe er es auch für die diesjährige Produktion der Freiburger Oper vorgeschlagen. «Es ist ein Meisterwerk des späten 19. Jahrhunderts und überzeugt nicht nur musikalisch, sondern auch mit dem Libretto, das auf Erzählungen von E. T. A. Hoffmann basiert.»

Dramatische Höhenflüge

«Hoffmanns Erzählungen» ist eine fantastische Oper, in der ein fiktiver Hoffmann auftritt und nach einem Prolog in drei Akten drei Liebesgeschichten aus seinem Leben erzählt. Im ersten Akt, basierend auf der Erzählung «Der Sandmann», verliebt sich Hoffmann in die schöne Olympia, die in Wirklichkeit ein Automat ist. Im zweiten Akt, beruhend auf der «Geschichte vom verlorenen Spiegelbild», geht es um den Kampf um die Liebe der Kurtisane Giulietta. Der dritte Akt geht auf die Novelle «Rat Krespel» zurück und erzählt von Hoffmanns Liebe zu der kranken Antonia, die ebenfalls kein glückliches Ende findet.

«Es sind drei brutale Geschichten über drei gescheiterte Lieben», sagt Olivier Desbordes. Den Gipfel der Dramatik erreiche das Stück im Antonia-Akt. Dieser beschere die schönste Musik des Werkes – und Offenbach selbst sei 1880 während der Arbeit an diesem Akt verstorben. Weil die Oper unvollendet blieb, existieren verschiedene Versionen mit Unterschieden in Abfolge, Musik und Text. Die Freiburger Inszenierung beruht im Grossen und Ganzen auf der Urfassung des Verlegers Choudens. Für die gesprochenen Passagen bediente sich Desbordes bei E. T. A. Hoffmann und bei Charles Baudelaire, um die Stimmung der Romantik auf die Bühne zu bringen.

Ein Theater im Theater

Es ist das dritte Mal nach Puccinis «Madama Butterfly» (2012) und Offenbachs «Die Reise zum Mond» (2013/2014), dass Olivier Desbordes für die Freiburger Oper inszeniert. Dieses Mal hat er sich mit seinem Landsmann Benjamin Moreau einen Co-Regisseur an die Seite geholt, mit dem er schon früher zusammengearbeitet hat. Moreau ist Theaterregisseur und bringt seine Erfahrungen ein, wenn es darum geht, die theatralischen Facetten der Inszenierung herauszuarbeiten.

«‹Hoffmanns Erzählungen›, das ist ein Theater im Theater», sagt Moreau. «Das Werk ist voller Doppelspiele, Reflexionen und Illusionen und pendelt zwischen Fiktion und Realität.» Das sei typisch Theater, so der Regisseur aus Grenoble: «Theater erzählt die Wahrheit via die Fiktion.» Um dies deutlich zu machen, machen Desbordes und Moreau aus ihrer Bühne eine Art Zirkus, in dem die Figuren miteinander spielen und in dem Traum und Wirklichkeit verschmelzen. Sichtbare Kulissenelemente wie Holzträger oder Fadengebilde rufen dem Publikum stets in Erinnerung, dass es der Konstruktion eines Traums beiwohnt.

Schwierig sei das Stück dennoch nicht, betont Olivier Desbordes. Das Publikum müsse nur verstehen, dass es nicht alles verstehen müsse: «Es ist keine rationale Geschichte, sondern eine Abfolge von Impressionen und Atmosphären. Wie bei einem Gedicht muss man nicht verstehen, sondern spüren.»

Equilibre, Freiburg. Premiere: Fr., 29. Dezember, 19.30 Uhr. Weitere Aufführungen: So., 31. Dezember, 19 Uhr; Fr., 5. Januar, 19.30 Uhr; So., 7. Januar, 17 Uhr; Fr., 12. Januar, 19.30 Uhr; So., 14. Januar, 17 Uhr. Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, inklusive Pause. Französische Originalversion mit deutschen und französischen Übertiteln. Reservationen bei Freiburg Tourismus: 026 350 11 00.

Zahlen und Fakten

Solisten, Orchester und ein Chor

Für seine Inszenierung von «Hoffmanns Erzählungen» hat Regisseur Olivier Desbordes ein hochkarätiges Ensemble von zehn internationalen Solistinnen und Solisten vereint. Die musikalische Leitung obliegt wie gewohnt Laurent Gendre, dem Dirigenten des Freiburger Kammerorchesters, das seit seiner Gründung 2009 mit der Freiburger Oper zusammenarbeitet. Sechzehn Sängerinnen und Sänger bilden den Chor der Oper.

cs