Freiburg 09.11.2019

Eine Pilgerreise durch Raum und Zeit

Seit Jahrtausenden gibt es in vielen Religionen und Kulturen Traditionen rund um Prozessionen und Pilgerreisen, bei denen die Menschen den Kontakt zum Göttlichen suchen. Das Bibel- und Orientmuseum Freiburg gibt in einer Ausstellung einen Überblick.

Sich aufmachen, um an einem heiligen Ort mit dem Göttlichen in Kontakt zu treten und spirituelle Erfahrungen mit anderen zu teilen: Solche Praktiken gibt es seit Jahrtausenden in vielen Religionen und Kulturen auf der ganzen Welt. Zwei Formen sind über alle Zeiten hinweg immer wieder zu beobachten: die Pilgerreise als Wanderschaft eines Einzelnen oder einer Gruppe und die Prozession als Teil eines religiösen Fes­tes. Welche vielfältigen Spielarten es im Laufe der Zeit gegeben hat und wie sich Prozessionen und Pilgerreisen seit 5000 Jahren entwickelt haben, damit beschäftigt sich jetzt das Bibel- und Orientmuseum Freiburg in einer aufwendigen Sonderausstellung.

Anstelle der Dauerausstellung

«Die Ausstellung ist eine Einladung zu einer Reise durch die Zeiten, durch den Raum und ins eigene Innere», sagte die Archäologin Marie-France Meylan Krause, seit Anfang Jahr Direktorin des Bibel- und Orientmuseums, diese Woche anlässlich eines Rundgangs für die Medien. «Die Reise führt von der Antike bis in die Gegenwart, von Vorderasien bis nach Ägypten, von Griechenland bis nach Rom – und bis nach Freiburg.» Die Idee der Reise widerspiegelt sich auch in der grafischen Gestaltung der Ausstellung, die das beste aus den beengten Verhältnissen im kleinen Museum an der Universität Miséricorde macht. Grosse Fotos stimmen auf die einzelnen Kapitel ein, Blautöne erinnern an den Himmel über den Reisenden, und der Rundgang führt stimmig von Ort zu Ort.

Die Sonderausstellung, die bis Ende Juni 2020 dauert, ersetzt vorübergehend die gewohnte Dauerausstellung und nutzt geschickt den vorhandenen Raum und die bestehenden Vitrinen. Kurze Erklärungen führen durch die Epochen und Länder, passende Objekte – die meisten aus der museumseigenen Sammlung – sind in Vitrinen zu sehen, und wer mehr wissen will, findet zusätzliche Schätze in herausziehbaren Schubladen. Die Ausstellung schliesst mit kurzen Filmaufnahmen aus aller Welt und mit sechs Video-Interviews, in denen verschiedene Personen von ihren Pilger-Erfahrungen erzählen.

Es geht nicht immer um Religion

Diese Verbindung zur Gegenwart ist Marie-France Meylan Krause wichtig: «Wir wollen ein möglichst breites Publikum ansprechen, unabhängig von Religion und Glauben.» Das Pilgern werde immer beliebter, doch längst nicht jeder Pilger mache sich heute aus religiösen Gründen auf den Weg. Meistens aber spiele irgendeine Form von Spiritualität eine Rolle, selbst dann, wenn jemand in erster Linie ein Reiseerlebnis oder eine sportliche Herausforderung suche. «Man bricht mit seinen Gewohnheiten, nimmt die Welt neu wahr, begegnet sich selbst und anderen – das löst etwas aus.»

Was hingegen das Pilgern in der Antike bedeutet habe, sei aus heutiger Sicht gar nicht so einfach zu definieren. «Man darf nicht vergleichen, was man nicht vergleichen kann.» Das Religiöse sei damals so sehr Teil des Alltags gewesen, dass sich die Frage, ob man glaube oder nicht, gar nicht gestellt habe. Ein wichtiger Unterschied sei auch, dass sich früher niemand ohne guten Grund auf die Reise gemacht hätte. «Reisen war beschwerlich und gefährlich. Das nahm nur auf sich, wer ein dringendes Bedürfnis hatte, mit dem Göttlichen in Kontakt zu treten, und sich etwas davon versprach.» Was die Epochen eine, sei das Streben nach transzendenten Erfahrungen: «das Bedürfnis, mit etwas zu kommunizieren, das grösser ist als man selbst».

Die Ausstellung setzt im alten Ägypten mit seiner Vielzahl von Festen ein. Ob Bauernfeste, königliche Feste oder religiöse Feste: Oft dauerten die Feierlichkeiten mehrere Tage, und es gab Prozessionen mit Götterbildern, Musik und mimischen Darstellungen. Ein Beispiel ist das Opetfest zu Ehren der Nilpferdgöttin Opet, die für die Nilschwemme und damit die Fruchtbarkeit zuständig war. In der Zeremonie verliess Amun-Re sein Heiligtum in Karnak, um sich im Tempel von Opet in Luxor mit der Göttin zu vereinen. Die Statue des Götterkönigs wurde auf einer Barke nach Luxor gebracht, in einer Prozession mit Tanz und Musik, an der das ganze Volk teilnahm. Auch in Mesopotamien gab es Prozessionen als Teil jener Riten, mit denen die Menschen die Götter als Schöpfer und Bewahrer des Kosmos verehrten. Waren manche Zeremonien den Priestern oder dem König vorbehalten, so verliessen die Götterstatuen für diese Prozessionen den Tempel und ermöglichten der Bevölkerung den direkten Kontakt mit den Göttern.

Auch im alten Griechenland und im alten Rom folgte die Götterverehrung klar vorgeschriebenen Ritualen, zu denen Prozessionen gehörten. Diese verliehen den Festen einen besonderen Glanz und zogen viele Menschen an, zum Beispiel bei den Grossen Panathenäen zu Ehren der Schutzgöttin Athene in Athen. In Rom gab es kaum eine Zeremonie, die nicht mit Prozessionen oder Festzügen, sogenannten pompae, verbunden war, bei denen sich das Göttliche mit dem Profanen verbinden sollte.

Jerusalem, Mekka und Freiburg

Der Rundgang geht weiter mit den ersten christlichen Wallfahrten, die ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. ins Heilige Land und ab dem 5. Jahrhundert nach Rom führten. In Jerusalem, Bethlehem, Hebron, aber auch in Uman in der Ukraine oder auf der tunesischen Insel Djerba finden sich jüdische Wallfahrtsorte. Die Ausstellung verweist auf die drei Wallfahrtsfeste, die in der Tora genannt sind: Pessach, Schawuot und Sukkot. Für die Muslime indessen ist die Idee des Pilgerns eng mit dem Ort Mekka verbunden; die Pilgerreise nach Mekka ist eine der fünf Säulen des Islam.

Zurück in der Gegenwart endet die Ausstellung mit Videos von Prozessionsritualen in verschiedensten Ländern und Kulturen. Nicht fehlen darf dabei natürlich die Fronleichnamsprozession in Freiburg. Und die Verantwortlichen erlauben sich sogar einen Verweis zu aktuellen Demons­trationen für Klimaschutz oder Frauenrechte. «In all diesen Fällen geht es darum, dass man sich zusammenschliesst, um sich stark zu fühlen», erklärt Marie-France Meylan Krause.

Bibel- und Orientmuseum, Universität Miséricorde, Freiburg. Bis zum 30. Juni 2020. Di. bis Fr. sowie So. 14 bis 17 Uhr. Zur Ausstellung gibt es ein reichhaltiges Begleitprogramm, in Zusammenarbeit mit der Société d’histoire du canton de Fribourg. Details unter: www.bible-orient-museum.ch

Bibel- und Orientmuseum

Ein Zuhause für eine einzigartige Sammlung

Das Bibel- und Orientmuseum Freiburg wurde 2014 an seinem jetzigen Standort an der Universität Miséricorde eröffnet. Trägerin ist die 2005 gegründete Stiftung Bibel und Orient, an welcher der Kanton und die Universität Freiburg sowie ein Förderverein beteiligt sind. Zweck der Stiftung sei es, die rund 15 000 Objekte, die sich in der Sammlung des Museums befänden, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sagt alt Staatsrat Erwin Jutzet, der die Stiftung seit 2017 präsidiert. Die Sammlung, die grösstenteils aus Miniaturen wie Münzen, Amuletten, Rollsiegeln oder Skarabäen besteht, schlägt einen Bogen von der Jungsteinzeit bis in die Gegenwart. Sie befindet sich im Besitz der Universität Freiburg und hat ihre Wurzeln in den 1960er-Jahren. Vor der Eröffnung des Museums war eine kleine Auswahl an Objekten in Vitrinen an der Universität zu sehen, und es wurden Wanderausstellungen organisiert. Mit der Einrichtung des Museums fanden jahrelange Bemühungen um einen festen Standort einen Abschluss.

Dennoch bleibe viel zu tun, sagt Präsident Erwin Jutzet: «Die Räume sind zu klein, und wir diskutieren mit der Universität Möglichkeiten, um das Museum zu erweitern.» Wünschenswert wäre auch eine Aufstockung der 1,3 Vollzeitstellen, die sich derzeit die Direktorin Marie-France Meylan Krause und der Konservator Leonardo Pajarola teilen. Marie-France Meylan Krause hat die Direktion Anfang 2019 von Andreas Dorn übernommen.