Freiburg 24.07.2018

«Zahlen existieren nicht von sich aus»

Xavier Richards Fachgebiet ist die Angewandte Mathematik. Der Doktorand stellt Algorithmen für Biologen auf.
Xavier Richard, Doktorand der Universität Freiburg, schafft mit der Mathematik Brücken zu verschiedenen Forschungsgebieten und erzählt, wie sich abstrakte Zahlen in der Realität widerspiegeln.

Xavier Richard arbeitet den ganzen Tag mit Zahlen und Formeln. Der Doktorand in Mathematik der Universität Freiburg ist Teil eines Projekts, das die Interdisziplinarität der naturwissenschaftlichen Fächer fördern soll. In seinem Fall bedeutet das eine enge Zusammenarbeit mit Biologen. Er stellt mathematische Gleichungen und Algorithmen auf, die zum Beispiel helfen, das Wachstum von Bakterien vorauszuberechnen. «Es geht sehr schnell, ein mathematisches Modell aufzustellen, aber sehr lange, ein biologisches Modell zu konstruieren», meint Richard. Auch gebe es Probleme, die in der Mathematik bekannt und gelöst seien, aber noch nicht auf die Biologie übertragen wurden. Das Spezialgebiet des 29-Jährigen ist die Angewandte Mathematik: «Ich mag es, wenn die Zahlen etwas Reales repräsentieren. Ich hätte niemals ein Doktorat in einem rein theoretischen Bereich gemacht.»

In seiner Welt sind Zahlen allerdings häufiger Buchstaben als wirklich Zahlen. Er stellt allgemeine Formeln auf, in die die Biologen dann bestimmte Werte einsetzen können. «Danach überprüfen sie die Resultate mit einem Experiment», erklärt er. Manchmal arbeite er bis spät in der Nacht, um diese Algorithmen zu entwickeln. «Ich muss mich manchmal zwingen, das Büro auch mal zu verlassen. Man darf sich nicht zu sehr auf ein mathematisches Problem fixieren, sonst wird man verrückt.» Schmunzelnd fügt er hinzu: «Aber ich kenne definitiv ein paar solche Leute, die einfach nicht lockerlassen können.» Als Ausgleich engagiert er sich im sozialen Bereich und macht viel Freiwilligenarbeit, zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe, für die Vereinigung «La Red».

Zahlen umgeben uns

«Wir begegnen überall verschiedenen Zahlen, auch im Alltag», sagt Richard. Als Beispiele zählt er auf: Die Zahl, die eine Waage anzeigt, Nahrungsmittel, die versprechen, eine gewisse Prozentzahl weniger Fett zu enthalten, oder etwa, wie viele Likes ein Bild auf Facebook oder Instagram hat. «Die Zahlen existieren nicht von sich aus», fügt er hinzu. «Es kommt darauf an, wie die Leute sie interpretieren.» In unserer Gesellschaft seien die Leute sehr interessiert an Zahlen und Statistiken. «Es gibt im Sport häufig Berichte über die Anzahl Gelber oder Roter Karten im Fussball oder über den Ballbesitz einer Mannschaft», sagt der Mathematiker. Diese zu interpretieren bleibe aber uns selbst überlassen. «Wir kommen zum Beispiel zum Schluss, dass eine Mannschaft weniger fair war oder eigentlich nicht verdient hat zu gewinnen, weil sie weniger Ballbesitz hatte.»

Häufig weisen die Menschen zudem Zahlen einem Phänomen zu, über das es keine anderen Informationen gebe. Das treffe auch in der Biologie zu. «Niemand weiss, wieso sich die Zellen in einer bestimmten Geschwindigkeit teilen. Aber man kann verschiedene Faktoren miteinbeziehen und schauen, wie sich das Wachstum verändert.» Diese Woche gehe er an einen Kongress über das Wachstum von Tumoren. Er freut sich sehr darauf, hofft aber, dass er die biologischen Aspekte des Ganzen verstehen wird.

Die dunkle Seite der Zahlen

«Hier in Europa sind wir sehr auf Zahlen fixiert: Pünktlichkeit, Schulnoten und so weiter», findet Richard, der eigentlich aus dem Wallis stammt. In anderen Gesellschaften haben die Leute einen anderen Bezug zu Zahlen. «Ich hasse Zahlen, wenn sie anfangen, das Individuum zu ersetzen. Leider gibt es diese Tendenz in Europa.»

Auch müsse man aufpassen, dass Zahlen ehrlich verwendet werden. «In der Werbung und in der politischen Propaganda werden häufig Statistiken aufgeführt, weil die Leute sich damit nicht auskennen und das vielleicht nicht hinterfragen.» Ein Beispiel dazu kommt ihm sofort in den Sinn: Eine politische Werbekampagne, in der die Zahl der Ausländer in der Schweiz und in Frankreich verglichen wurden. Die Zahlen seien absolut korrekt gewesen, jedoch seien nicht alle Faktoren hinter diesen Zahlen in Betracht gezogen worden. «Wenn ich so einen Vergleich in einem Artikel veröffentlichen würde, wäre meine wissenschaftliche Karriere wohl zu Ende», sagt er. Aber wer nie Statistik studiert habe, dem falle so etwas nicht auf.

Er selbst würde über sich nicht sagen, dass er Zahlen liebe, auch wenn das für sein Umfeld so erscheinen mag. Aber dieses könne oft nicht viel mit Mathematik anfangen. «Zahlen sind für mich ein Arbeitswerkzeug. Ich bin nicht so unglaublich fasziniert von ihnen wie jemand, der abstrakte Mathematik, wie etwa hyperbolische Geometrie macht.» Deshalb will er auch keine Lieblingszahl nennen: «Ich arbeite den ganzen Tag mit Zahlen, ich will nicht, dass die anderen eifersüchtig werden, wenn ich eine bevorzuge», sagt er mit einem Lachen.

Sommerserie

Zahlenspielerei mit vielfältigen Themen

Wie alt ist der Sensebezirk, wie viele Punkte hat es auf dem Rücken eines Marienkäfers, wie viele Zellen hat das menschliche Gehirn? Zahlen begegnen uns in vielen Situationen. Im Rahmen einer Sommerserie betreiben die FN Zahlenspielerei: Eine Zahl bildet den Ausgangspunkt einer Geschichte.

cm