Freiburg 21.04.2018

«Zum Glück habe ich die Musik»

Kommende Woche spielt Endo Anaconda mit Stiller Has im Fri-Son in Freiburg. Die FN haben mit dem Berner über seine Musik und seine neue Band gesprochen, über seine Krise und seine Neuerfindung, über das Alter und über die Liebe.

Er ist eine Erscheinung, als er zum Interview-Termin im Freiburger Perollesquartier auftaucht: Endo Anaconda in Jackett und Nadelstreifen-Gilet, um den Hals ein feiner Schal, Ray-Ban-Brille auf der Nase, rahmengenähte Budapester Schuhe an den Füssen und auf dem Kopf sein massgefertigter Stetson. Der Gründer und Frontmann der Berner Mundart-Truppe Stiller Has ist überpünktlich und bewundert erst einmal den imposanten Bau der früheren Schokoladenfabrik Villars, nur ein paar Schritte entfernt vom Fri-Son, wo er am kommenden Freitag mit Stiller Has auftreten wird. Im Interview mit den FN spricht Endo Anaconda über das bevorstehende Konzert in Freiburg und über seine neue Band, sinniert über den Zustand der Welt und über die menschliche Vergänglichkeit und erzählt von vergangenen Krisen und von einer Zukunft als Kaninchen.

 

«I bi der Endosaurusrex, der erscht u letscht vo myre Art»: So beginnt der Titelsong Ihres aktuellen Albums «Endosaurusrex». Muss man Mitleid haben mit dem aus der Zeit gefallenen Endosaurusrex?

Nein, natürlich nicht! Ich bin 63  Jahre alt, und dank der Erdanziehungskraft stehe ich immer noch aufrecht auf diesem Planeten. Aber in meinen Texten geht es immer um meine Befindlichkeit und um die Befindlichkeit der Welt. Und wenn so vieles schiefläuft, kann ich nicht dasitzen und Katzenbildchen anschauen und über die schönen Gletscher jodeln. In der Schweiz läuft ja im Moment so eine Heimwehwelle. Wir tun, als wären wir der Nabel der Welt, und merken nicht, dass die Welt viel mehr Einfluss auf uns hat als wir auf die Welt. Als Kosmo­polit finde ich, wir sollten lieber Weltweh haben als Heimweh.

… obwohl Sie ja auch mit der Befindlichkeit der Welt durchaus kritisch ins Gericht gehen …

Viel zu viele Leute sind viel zu wenig kritisch! Die kommen mit ihren Food-Pornos und Katzenbildli und beschwören eine Idylle, die es so gar nicht gibt. Der jüngste Facebook-Datenskandal hat mich überhaupt nicht überrascht. Schockierend ist höchstens, dass man im Netz ist, ob man es will oder nicht. Und dass Facebook einfach weitermachen darf, obwohl die mitverantwortlich sind, wenn ein Wahnsinniger in Syrien einen Krieg anzettelt. Dabei weiss niemand, was da genau passiert ist, was wahr ist und was nur von den Medien verbreitete Kriegspropaganda.

Besingen Sie darum in Ihrem Lied über den Italowesternhelden Lee Van Cleef die Sehnsucht nach einem Helden, der mit einfachen Rezepten Ordnung schafft?

Wenn sich zwei Idioten mit einem Peacemaker duellieren, ist dies zumindest eine ehrliche Art, einen Konflikt zu lösen. Aber in der Realität sind die Waffen immer dazu da, um die Zivilbevölkerung zu unterdrücken. Am Ende ist es immer die Zivilbevölkerung, die leidet – wie auch jetzt wieder in Syrien. Eigentlich müsste man alle Regierungen auf eine friedliche Weise entmachten, aber dazu müssten wahrscheinlich die Aliens kommen. Oder ein neuer Messias. Vielleicht brauchen wir eine neue, atheistische Religion. Wer weiss, wenn die Französische Revolution das durchgesetzt hätte, wäre die Welt heute vielleicht eine andere.

In vielen Ihrer neuen Songs geht es nicht nur um den Zustand der Welt, sondern auch um die menschliche Vergänglichkeit. Ist das eine Alterserscheinung?

Natürlich sind das Gedanken, die man mit dreissig, vierzig Jahren noch nicht hat. Aber in meinem Alter spürt man die Vergänglichkeit. In der letzten Zeit sind mehrere Freunde von mir wie Polo Hofer oder Hanery Amman gestorben. Das macht einem bewusst, dass man irgendwann selber dran ist. Aber das macht mich nicht traurig. Ich kann Musik machen und reisen. Und ich habe ein Werk hinterlassen – ein Werk, das noch nicht fertig ist. Eigentlich ist es verrückt, nach dreissig Jahren immer noch ein Publikum zu haben und Platten zu verkaufen. Das hat mit dem Alter nichts zu tun! Das Wichtigste ist, dass man wahrhaftig ist und sein Ding macht. Meine Texte kommen immer mitten aus dem Leben. Sie erzählen von der Wahrheit und von Gefühlen. Das ist nicht einfach. Gefühle nicht, und die Liebe schon gar nicht.

Apropos Liebe: Sie haben drei Kinder von drei Frauen und sind dreimal geschieden …

Es stimmt, ich war nie besonders treu, aber ich bin ein guter Ex-Mann. Ich bin mit meinen Ex-Frauen gemeinsam für die Kinder da, ich bin solidarisch und fürsorglich und grosszügig. Man sollte unbedingt grosszügig sein, so lange man es sich leisten kann. Der Künstler Endo mag ein Rebell sein, aber privat bin ich ein Füdlibürger, der Steuern und Alimente zahlt und für den seine Kinder das Wichtigste sind.

Ihre Kinder sind 26, 18 und 10 Jahre alt. Machen sie Ihnen Hoffnung für die Zukunft der Welt?

Ja, ich habe Freude an meinen Kindern, und ich habe Freude an vielen jungen Menschen. Die Libero-Bewegung zum Beispiel macht mir Hoffnung, auch wenn sie über die Neuen Medien funktioniert und damit ganz und gar nicht meine Welt ist.

Endo Anaconda und die Neuen Medien: Das ist keine Liebesgeschichte …

Was das angeht, bin ich wirklich ein Saurier: Um meine E-Mails kümmert sich mein Manager, und ich habe selber nur so ein Seniorenhandy. Wenn ich da aus Versehen auf den falschen Knopf drücke, steht der kardiologische Notfalldienst vor der Tür! Ich halte die sozialen Netzwerke für eine Blase, aber das heisst nicht, dass ich die Technologie verteufle. Man kann Gutes damit anstellen, aber man kann auch eine digitale Diktatur daraus machen.

Die «ewige Zwangskommunikation», wie Sie es einmal in einem Interview nannten, thematisieren Sie auch im Lied «Spoken Word». «Z’vil Text uf z’Mal cha töte, u we’d nid stirbsch, bisch am Verblöde», heisst es da. Sind Sie darum aus der Stadt Bern ins abgelegene Emmental geflüchtet?

Das auch, ja. Aber vor allem war es meine Rettung vor meinem Drogenkonsum. Ich hatte eine schwierige Zeit und sehr schlechte Angewohnheiten, machte Entzugstherapien, hatte Rückfälle und Depressionen. Aber seit zwei Jahren bin ich das alles los, und ich bin sicher, dass es nicht zurückkommt. Darum kann ich jetzt auch darüber reden. Und darüber singen: Der Song «Zwärg» bezieht sich auf diese Zeit. Kokain ist eine Seuche – und die WOZ will das Zeug legalisieren, die spinnen doch! Man soll die Sucht nicht kriminalisieren, aber Kokain zu legalisieren, halte ich für einen grossen Fehler. Man müsste die Geldflüsse in dem Geschäft stoppen, statt Sozialdetektive herumzujagen, die mehr Kompetenzen haben als der Geheimdienst. Koks ist wie Facebook: Es macht krank!

Teil Ihrer Krise war das Ende Ihrer alten Band. Inzwischen sind Sie mit einer neuen Band unterwegs, mit der Sie 2017 das Album «Endosaurusrex» veröffentlicht haben. War die Musik Teil Ihrer Rettung?

Ja, zum Glück habe ich die Musik und diese Superband! Als damals die alte Band auseinanderfiel, reiste ich nach Ungarn. Ich bin ja teilweise in Österreich aufgewachsen und hatte immer diese Affinität zu Ungarn. Die unglaubliche Csárdás-Musik, die ich dort jeden Abend hörte, wurde zum Soundtrack der Texte, die ich für das neue Album schrieb. Mario Batkovic, einer der beiden Produzenten, mit denen ich für «Endosaurusrex» zusammenarbeitete, hat kroatische Wurzeln und teilt diesen Balkaneinfluss. Mit ihm funktioniere ich sehr symbiotisch.

 

Der andere Produzent ist Roman Wyss.

Er ist ein Alleskönner, von der Klassik über das Musical und die Kleinkunst bis zur Big Band. Die Arbeit mit ihm ist unkompliziert und effizient.

Sie scheinen sich rundum wohlzufühlen mit Ihren Produzenten und Ihrer neuen Band …

Ja, es sind alles tolle Musiker, die auch in anderen Projekten aktiv sind. Das entlastet mich, weil Stiller Has nicht mehr die ganze Band ernähren muss. Das Beste aber ist, dass ich inzwischen der Älteste bin. Das ist ein grosses Glück, denn ich muss jetzt keine Verstärker mehr tragen.

Sie sind seit gut einem Jahr mit «Endosaurusrex» auf Tour und kommen jetzt endlich auch nach Freiburg …

Ja, und ich freue mich darauf! Es ist schön, hier zu spielen und diesen blöden Mythos des Röstigrabens zu überwinden. Ich habe ja die ersten Jahre meines Lebens in Biel verbracht, bis ich nach dem Tod meines Vaters nach Österreich kam. Aber Biel ist für mich ein Sehnsuchtsort geblieben, und auf meiner nächsten Tour will ich mehr in der Romandie spielen, mit Textübersetzungen per Video.

Und wie geht es sonst mit Stiller Has weiter?

Zunächst stehen noch einige Konzerte mit der Band an, ab Mai dann Auftritte im Duo mit Roman Wyss. Danach brauche ich erst einmal eine Pause. Ich schreibe aber bereits an neuen Songs für ein neues Album. Danach wird der «stille Has» sterben und nur noch der «Has» sein. Und ich gehe mit 65 in den Untergrund. Und werde zum Kaninchen.

Konzert: Fri-Son, Giessereistrasse 13, Freiburg. Fr., 27. April, 20 Uhr.

Die Freiburger Nachrichten AG verlost 2 x 2  Eintritte für das Konzert von Stiller Has im Fri-Son. Senden Sie ein SMS (CHF 1.00/SMS) mit dem Kennwort FNEVENT und Ihrem Namen, Vornamen, Strasse, PLZ und Ort an die Nummer 939.

Zur Person

Zwischen der Schweiz und Österreich

Endo Anaconda wurde 1955 als Andreas Flückiger als Sohn eines Schweizers und einer Österreicherin in Burgdorf geboren und verbrachte die ersten fünf Jahre seines Lebens in Biel. Nach dem Unfalltod seines Vaters, eines Polizisten, kam er nach Österreich. Mit zwölf Jahren wurde er in ein Internat nach Klagenfurt geschickt; danach absolvierte er in Wien eine Lehre als Siebdrucker. Seine Sommerferien verbrachte er jeweils bei den Grosseltern im Emmental. Anfang der Achtzigerjahre kehrte er in die Schweiz zurück und wurde Sänger und Texter der Band «Die Alpinisten». 1989 gründete er mit Balts Nill Stiller Has. Das Album «Moudi» brachte 1996 den Durchbruch. «Endosaurusrex» ist im Februar 2017 erschienen; es ist das elfte Studioalbum von Stiller Has.

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