Belfaux 12.06.2019

«Die Freiburger Wälder waren nach dem Sturm Lothar nicht mehr die gleichen»

1999 verwüstete der Sturm Lothar ganze Wälder und verursachte grossen Schaden. 20 Jahre später erinnert das Waldamt mit verschiedenen Veranstaltungen an dieses Ereignis. Sie sollen vor allem auf­zeigen, wie sich der Wald seither entwickelt hat.

Ein Waldstück oberhalb des Vita-Parcours in Belfaux: Eine Eiche wächst schnurgerade in den Himmel, um den etwa 15 Meter hohen Baum herum stehen mehrere Buchen. Nichts deutet heute darauf hin, dass dieses Waldstück vor 20 Jahren, am 26. Dezember 1999, dem Erdboden gleichgemacht worden war. Das kantonale Amt für Wald und Natur hat dieses Gebiet für eine Medienkonferenz ausgewählt, um exemplarisch zu zeigen, was sich in den zwei Jahrzehnten nach dem Sturm Lothar in den Freiburger Wäldern getan hat. Die Verantwortlichen tun dies ein halbes Jahr vor dem eigentlichen Jahrestag, weil es im Sommer einfacher ist, die Veränderungen in der Natur aufzuzeigen.

Wie Zündhölzer

Wie viele andere Wälder des Kantons Freiburg bestand der Wald in Belfaux vor dem Sturm Lothar vor allem aus alten Fichten. Als der Orkan mit bis zu 194 Stundenkilometern über das Mittelland fegte, brachen die Stämme wie Zündhölzer. Im Kanton Freiburg fielen damals innerhalb von wenigen Stunden 1,4 Millionen Kubikmeter Holz – siebenmal mehr, als normalerweise in einem ganzen Jahr gefällt werden. Zehn Prozent der gesamten Waldfläche wurden total zerstört.

Bewirtschaftung änderte sich

Aber nicht nur diese Waldflächen sind von den Auswirkungen des Sturms betroffen, sondern der gesamte Waldbestand im Kanton Freiburg. «Denn nach dem Sturm Lothar waren die Wälder nicht mehr die gleichen wie vor dem Sturm», sagte Dominique Schaller, Vorsteher des Amts für Wald und Natur, an der gestrigen Medienorientierung. Man habe die Lehren aus Lothar gezogen und bewirtschafte den Wald heute ganz anders. «Ziel ist es, die Wälder resistenter zu machen», sagte auch Staatsrat Didier Castella, Direktor der Institutionen und der Land- und Forstwirtschaft. So würden weniger Monokulturen angelegt und der Bestand viel mehr diversifiziert. Im Flachland ersetzen Laubbäume die früheren Nadelhölzer.

Wie im Wald von Belfaux ist damals vielerorts aufgeforstet worden: Auf einer Fläche von rund 20 Quadratmetern sind jeweils sieben Eichen gepflanzt worden, die von einem schützenden Kranz von Lindenbäumen umgeben wurden, wie Förster Bertrand Zamofing ausführte. In Belfaux waren es am Ende 875 Eichen und 1500 Linden. Diese Massnahmen seien heute auch im Kampf gegen die Auswirkungen der Klimaerwärmung wirksam, sagt Didier Castella. Denn der stufenweise verjüngte Wald mit Bäumen verschiedenen Alters vermöge nicht nur Stürmen, sondern auch der Trockenheit besser standzuhalten.

«Wald hat Zukunft»

Der Sturm bedeutete damals eine wirtschaftliche Katastrophe und hat Kosten von 47 Millionen Franken für die Aufräumarbeiten verursacht. Der Markt wurde überflutet mit Sturmholz, die Preise waren über Jahre im Keller, und der Absatz harzte.

Trotz dem grossen Aufwand und den hohen Beträgen, die in den letzten Jahren in den Wiederaufbau investiert worden sind, bekräftigte Didier Castella gestern die Bedeutung des Holzes als eines nachhaltigen Baustoffs und Energielieferanten, dessen Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft sei. «Der Wald wird immer eine Zukunft haben», sagt er. 325 000 Kubikmeter nutzbares Holz wächst pro Jahr nach, 250 000 Kubikmeter davon werden bisher verwertet.

Für die Natur sei der Sturm eine Chance und keine ökologische Katastrophe gewesen, sagte Frederic Schneider, Leiter des ersten Forstkreises. Die Biodiversität wurde verbessert. Einige verwüstete Wälder, wie etwa im Plasselbschlund, wo eine Fläche von rund 30 Hektaren betroffen war, wurden nach Lothar nicht mehr vollständig bewirtschaftet. In der Grand Plaine entstand ein elf Hektaren grosses Waldreservat, in welchem dem natürlichen Zerfallsprozess des Holzes freien Lauf gelassen wurde.

Ein Wald sei nichts Kurzfristiges, sagte Förster Betrand Zamofing. Deshalb sei es wichtig, dass alle Unterhaltsarbeiten gut dokumentiert würden. «Was wir in den letzten 20 Jahren gemacht haben und in den nächsten Jahren tun werden, hat Auswirkungen auf die nächsten Generationen.»

Anlässe und Ausstellung

In den nächsten Wochen und Monaten wird das Amt für Wald und Natur verschiedene Anlässe organisieren. In jedem Bezirk werden Plakate in Form einer Wanderausstellung gezeigt, um die Ereignisse vom 26. Dezember 1999 in Erinnerung zu rufen. Das Waldamt ist an Dorffesten mit Ständen präsent und lädt zu Exkursionen ein – am 26. Juni etwa den Grossen Rat. Die FN werden im Sommer rund um den Sturm Lothar eine Artikelserie publizieren (siehe blauer Kasten).

Aufruf

Wie haben Sie den Lothar-Tag erlebt?

Im Rahmen einer Sommerserie begibt sich die FN-Redaktion auf die Spuren des Sturms Lothar: Was geschah am 26.  Dezember 1999 im Kanton Freiburg, wie sahen die Sofortmassnahmen aus, und wie haben sich die betroffenen Wälder seither entwickelt? Vielen Menschen ist dieser Sonntag vor 20 Jahren noch sehr präsent, sie wissen ganz genau, wie sie den Sturm erlebt haben. Wie ist es mit Ihnen? Schildern Sie uns in zwei oder drei Sätzen, wie sie den Sturm Lothar erlebt haben, als Privatperson oder in beruflichem Auftrag. Ihre Erinnerungen publizieren wir im Laufe des Sommers in den FN. Einsendungen bitte per Mail: redaktion@freiburger-nachrichten.ch mit dem Betreff «Lothar-­Erinnerungen».

im/Bild ce/a