FREIBURG 01.03.2018

Leidenschaft für Franz von Assisi

Adrian Holderegger erinnert sich an seinen Freund, Mitbruder und Weggefährten Anton Rotzetter.
Der emeritierte Freiburger Moraltheologe Adrian Holderegger hat ein Lesebuch mit Texten des vor zwei Jahren verstorbenen Kapuziners und Tierschützers Anton Rotzetter herausgegeben. Das Buch dreht sich ganz um den Gründer des Franziskanerordens.

Der 72-jährige emeritierte Freiburger Moraltheologe und Ethiker Adrian Holder­egger war während Jahrzehnten ein Mitbruder und Weg­gefährte von Anton Rotzetter. Nun hat er dem 2016 im Alter von 77 Jahren verstorbenen Kapuziner, Autor, Dozent und Tierschützer einen letzten «Freundschaftsdienst» erwiesen, indem er rund 50 Texte von ihm in einem Lesebuch kompiliert hat. Dieses erscheint dieser Tage unter dem Titel «Leidenschaft für Franz von Assisi». Dem Titel gemäss drehen sich die Texte ganz um den heiligen Franziskus, den Gründer des Franziskanerordens. «Ich bin überzeugt davon, dass Rotzetter gerade im Hinblick auf die christliche und insbesondere die franziskanische Spiritualität Bleibendes gesagt hat», erzählt Holder­egger. «Während vier Jahrzehnten hat er sich immer wieder zu Franziskus geäussert, als einer der fruchtbarsten Schriftsteller überhaupt, den unser Orden im deutschsprachigen Raum in jüngerer Vergangenheit hervorgebracht hat.» So würden von Rotzetter über 720 Titel bleiben, darunter rund 90  Bücher, 70 Zeitschriftenartikel sowie viel christliche Poesie, die auch in Deutschland und Österreich einen beachtlichen Bekanntheitsgrad erreicht hätten – dies nicht zuletzt dank Rotzetters Tätigkeit als Dozent in Münster. Sein Gebetbuch «Gott, der mich atmen lässt» sei beispielsweise in 17  Auflagen erschienen.

«In Vorträgen aufgelebt»

Die Texte, die im neuen Lesebuch zusammengestellt sind, sind alle schon einmal erschienen, wurden aber für diese Publikation thematisch zusammengestellt. Sie umfassen laut Holderegger etwa 30 Jahre des Schreibens. Ein erstes von fünf Oberkapiteln führt grundsätzlich an Franziskus und dessen Umgang mit der Bibel heran. Danach stehen die Fragen im Zentrum, wie sich Franziskus zu Tieren, der Armut und auch dem Islam geäussert hatte. Die Idee zu diesem Buch hatte Holderegger erst nach dem Tod seines Freundes, als ihn der Orden gebeten habe, dessen literarisches Erbe zu verwalten und zu sichten. Die Arbeit an der nun vorliegenden Publikation dauerte dann rund ein Jahr. «So richtig aufgelebt ist Rotzetter jeweils in seinen Vorträgen», erinnert sich Holder­egger. Im Gespräch mit dem Publikum sei seine Leidenschaft für Franziskus voll zum Tragen gekommen, und viele seiner Schriften seien aus dieser Vortragstätigkeit und dem dabei geführten Dialog heraus entstanden und überarbeitet worden.

«Eine Zeit des Aufbruchs»

Holderegger hat unzählige Erinnerungen an seinen Freund. «Ich kannte ihn schon vom Studium her, er war sechs Jahre älter als ich», sagt er. «Es war damals eine Zeit des Aufbruchs, einerseits in der Umsetzung der Ideen, die im Zweiten Vatikanischen Konzil entstanden; andererseits waren wir natürlich auch von der 1968er-Bewegung beeinflusst.» In theologischer Hinsicht habe das Zweite Vatikanum vor allem eine Hinwendung zu den Quellen gefordert. Man habe Franz von Assisi damals fast nur noch aus der Sekundärliteratur gekannt, dies habe sich danach geändert. Rotzet­ter habe entscheidend mitgeholfen, «Franziskus in seiner ursprünglichen Strahlkraft wieder freizusetzen». Er sei aber nicht nur Historiker gewesen, sondern habe sich stets darum bemüht, die Theologie auch in die Sprache der heutigen Zeit zu übersetzen, in ihrer Bedeutung für den Orden, die Kirche und die ganze Gesellschaft. Persönlich erinnert sich Holderegger an Rotzet­ter als einen «sehr begabten Schriftsteller, der stets sehr sensibel für die Probleme der Gegenwart war». Ausserdem sei er ein «unheimlich passionierter Mensch» gewesen. Er habe «sehr intensiv gelebt und ist immer sehr engagiert für seine Sache eingestanden». Er sei insofern kein typischer Kapuziner gewesen, als er immer viel unterwegs gewesen sei. «Aber dort, wo er war, war er völlig integriert und in der Gemeinschaft engagiert», so Holderegger.

Einsatz für Tiere

Der Verstorbene sei aber auch ein sehr feinfühliger Mensch gewesen, der bestimmte Zustände, die er als ungerecht erlebt habe, sehr ernst genommen habe. So habe er sich seit den 1990er-Jahren stark für den Tierschutz engagiert. Nachdem in den 1980er-Jahren der von der Befreiungstheologie inspirierte Einsatz für die Armen im Vordergrund gestanden habe, habe er auch die «Tiere und Pflanzen als wesentlichen Bestandteil der Schöpfungsmystik entdeckt». Ihn habe dies­bezüglich der Ansatz des Franziskus begeistert, der die Geschwisterlichkeit zwischen dem Menschen und der übrigen Schöpfung betont habe. Als Konsequenz daraus habe Rotzetter vegetarisch gelebt und sich auch an entsprechenden Aktionen von Tierschützern beteiligt – selbst auf der Strasse. «Die christliche Nächstenliebe gilt auch den Tieren gegenüber; dies fasst seinen Standpunkt zusammen», so Holderegger.

Anton Rotzetter. Leidenschaft für Franz von Assisi. Hg.: Adrian Holderegger. Münster (Aschendorff Verlag): 2018. 458 Seiten.

Zu den Personen

Der Autor und sein Herausgeber

Der Kapuziner Anton Rotzetter ist am 1. März 2016 in seinem Heimatkloster in Freiburg 77-jährig an einem Herzversagen gestorben. Er setzte sich aus einer christlichen Haltung heraus für einen respektvollen Umgang mit Tieren ein. So war er auch Präsident der Aktion Kirche und Tier. Mit Franz von Assisi setzte er sich wissenschaftlich seit den 1960er-Jahren auseinander. Der 72-jährige Adrian Holderegger hat Theologie, Philosophie und Psychologie in Freiburg, Basel und Tübingen studiert. Er ist ebenfalls Mitglied des Kapuzinerordens. Von 1981 bis 2012 wirkte er als Professor für theologische Ethik an der Universität Freiburg und absolvierte verschiedene Forschungsaufenthalte mit Lehraufträgen, unter anderem in Berkeley, Paris und Mont­­real.

jcg