Murten 11.08.2018

«Ich sehe viele entwurzelte Musiker»

Kaspar Zehnder weiss als Musiker, was es bedeutet, ständig unterwegs zu sein.
Morgen Sonntag beginnen die 30. Murten Classics mit den Apérokonzerten. Der künstlerische Leiter des Festivals, Kaspar Zehnder, spricht über das Unterwegssein als Musiker, eigene Migrationserfahrungen und Kindheitserinnerungen an die Zauberflöte.

«Unterwegs - en Chemin»: Dieses Motto haben die Organisatoren für die Jubiläumsausgabe der Murten Classics gewählt. Hintergrund des Mottos ist der Prager Frühling, der sich dieses Jahr zum 50. Mal jährt. Im August 1968 schlugen Truppen mehrerer kommunistischer Länder die Reformbemühungen in der Tschechoslowakei nieder. Über 100 000 Menschen verliessen darauf ihre Heimat, rund 12 000 wanderten in die Schweiz ein. «Da drängen sich Parallelen zu den heutigen Fluchtbewegungen auf», sagt Kaspar Zehnder, künstlerischer Leiter von Murten Classics. Ein Konzertprogramm müsse sich mit aktuellen Themen auseinandersetzen. Musik selbst könne keine Aussagen zur Tagespolitik machen. «Nur so kann sie nicht politisch in­stru­mentalisiert werden.»

Die Organisatoren hätten festgestellt, dass die Begriffe Flucht und Migration heute so negativ besetzt seien, dass sie sich nicht ohne weiteres als Festivalmotto eigneten. «Darum setzten wir den Fokus auf das Unterwegssein.» Das umfasse neben Flucht zum Beispiel auch Bildungsreisen von Komponisten aber auch innere Entwicklungsreisen.

Persönliche Bezüge

Kaspar Zehnder hat auch persönliche Bezüge zum Thema Migration. So stammt seine Frau, die Flötistin Ana Oltean, aus Rumänien. «Man kann sich kaum vorstellen, was es bedeutet, die Heimat zu verlassen und sich an einem neuen Ort einzuleben, wenn man das nicht selber erlebt hat», meint Kaspar Zehnder. Er selber war von 2005 bis 2008 Chefdirigent der Prager Philharmonie. Obwohl er seinen Hauptwohnsitz in der Schweiz beliess, war die Zeit in Prag eine einschneidende Erfahrung. Nur schon die Verständigung war eine Herausforderung. «Ich konnte genug Tschechisch, um eine Probe sauber zu leiten, aber zu wenig, um in den Pausen oder nach den Proben ein lockeres Gespräch zu führen.» Dadurch hatte er automatisch ein näheres Verhältnis zu den Musikern, die Deutsch oder Englisch sprachen, eine ungute Situation als Chef. Zehnder traf aber auch auf ganz andere Mentalitäten: «Im kommunistischen System lehrten Staatsmusiker, wie man klassische Musik richtig spielt. Das liess wenig Raum für neue Entwicklungen, etwa in der Aufführungspraxis.» Zwischen den ehemaligen Ostblockländern gebe es durchaus Nuancen in der Mentalität der Musiker. «Russische Musiker brauchen musikalisch eine straffe Führung.» Rumänische Musiker seien stärker südländisch geprägt. «Sie nehmen sich mehr Freiraum in der Interpreta­tion.» Das gelte ähnlich auch für die Slowaken, die geografisch und historisch zum Balkan ausgerichtet seien. Dies ganz im Gegensatz zu Tschechien, das vom deutschsprachigen Raum geprägt sei. «Dementsprechend spielen tschechische Musiker relativ exakt.»

Ernüchternde Erfahrung

Kaspar Zehnder erfuhr in Prag die Nachwirkungen kommunistischer Strukturen am eigenen Leib. «Ich realisierte irgendwann, dass ich von Beginn weg nur als Übergangslösung gedacht war, bis der gewünschte Nachfolger bereit war.» Das habe ihn sehr ernüchtert, sei er sich doch als Schweizer gewohnt, dass Dirigenten hauptsächlich aus künstlerischen Gründen ausgewählt würden. «Prag war eine lehrreiche Erfahrung, die ich mir aber nicht zurückwünsche.» Stattdessen übernimmt Zehnder parallel zum Sinfonieorchester Biel Solothurn künftig als Chefdirigent das philharmonische Orchester im tschechischen Hradec Králové. Das sei zwar weniger berühmt, aufgrund seiner Grösse aber für die Karriere interessanter als die Prager Philharmonie.

Karriere fordert Opfer

Unterwegs sein gehöre als Musiker fast zum Beruf. «Will man als Künstler ernst genommen werden, muss man ein Stück der Welt gesehen haben.» Das war schon früher so. Bedřich Smetana etwa musste 1856 nach Schweden emigrieren, da er sich für die tschechische Nationalbewegung engagierte, was den österreichisch-habsburgischen Behörden sauer aufstiess. In Schweden hörte er das Volkslied «Äck Värmeland», dessen Melodie später wohl die Vorlage für das berühmte Thema seiner «Moldau» bildete.

Unterwegs sein sei nicht immer einfach, räumt Zehnder ein. «Ich kenne viele Musiker, die grosse Karrieren machen und auf die ich eigentlich neidisch sein müsste. Viele sind aber recht unglücklich.» Sie seien über lange Zeit von ihren Familie getrennt und verpassten damit das Aufwachsen ihrer Kinder. «Ich sehe viele entwurzelte Musiker.» Seine Kinder bräuchten ihn im Moment. «Deshalb schätze ich es sehr, dass ich die meiste Zeit mit meiner Familie in Bern leben kann.» Letztes Jahr war Zehnder sechs Monate beruflich auf Reisen. «Das hat Kraft gekostet.» Er sei glücklich, dass dies kein Dauerzustand sei.

Zauberflöte als Höhepunkt

Gefragt nach persönlichen Höhepunkten des kommenden Festivals nennt Zehnder ohne zu zögern die Abschlussgala mit Mozarts Zauberflöte. Ihn verbindet eine lange Geschichte mit diesem Werk. Als Junge habe er dieses Werk unzählige Male angehört. «Wegen der Zauberflöte wurde ich Dirigent und Flötist.» Als Zehnjähriger habe er mehrfach die Zauberflöte dirigiert – ohne Orchester und Publikum, dafür mit Tonbandkassetten. «Irgendwann legte ich die Zauberflöte aber zur Seite.» In der Zwischenzeit habe er nahezu alle grossen Mozartopern dirigiert. «Nach rund 30 Jahren führe ich jetzt zum allerersten Mal die Zauberflöte auf.» Das werde sicher eine besondere Erfahrung. Weitere Höhepunkte seien für ihn das Eröffnungskonzert mit Smetanas Zyklus «Mein Vaterland». Und schliesslich freue er sich als experimentierfreudiger Musiker auf die Kammer­oper «Vaudeville für Leontine» von Thomas Fortmann. «Seine Musik bewegt sich zwischen den Genres Klassik, Jazz und Rock». Ganz besonders werde auch der 25. August. «An diesem Tag präsentieren 13 zeitgenössische Komponisten ihre Werke.» Viele dieser Komponisten seien emigriert oder immigriert und hätten damit das Festivalthema am eigenen Leib erfahren.

«Will man als Künstler ernst genommen werden, muss man ein Stück der Welt gesehen haben.»

Kaspar Zehnder, künstlerischer Leiter Murten Classics

Zum Programm

Thema «Unterwegs - en Chemin»

Die diesjährigen Murten Classics mit dem Thema «Unterwegs - en Chemin» finden vom 12. August bis zum 2. September in Murten und in umliegenden Dörfern statt. Rückgrat des Festivals bilden die Sinfoniekonzerte im Murtner Schlosshof. Von diesen sind das Konzert vom 16. August mit Bedřich Smetanas «Mein Vaterland», die Abschlussgala vom 2. September mit Mozarts Zauberflöte sowie die Konzerte vom 22. und 25.  August bereits ausverkauft. Die übrigen 28 Konzerte bieten ein breites Programm von Barock bis Moderne.

sos

 

 

 

«Man kann sich kaum vorstellen, was es bedeutet, seine Heimat zu verlassen, wenn man das nicht selber erlebt hat.»

Kaspar Zehnder, künstlerischer Leiter Murten Classics