Murten 25.02.2020

«Sie müssen sich zuerst überwinden»

Brot, Salat und auch Gemüse gibt es immer genug an der Abgabestelle von Tischlein deck dich in Murten.
Seit zehn Jahren gibt es in Murten eine Abgabestelle der Non-Profit-Organisation Tischlein deck dich. Einmal pro Woche verteilen freiwillige Helferinnen und Helfer vor dem Abfall gerettete Lebensmittel an armutsbetroffene Menschen.

Tischlein deck dich verteilt Lebensmittel, die sonst im Abfall landen würden, an armutsbetroffene Menschen. Seit der Eröffnung vor zehn Jahren hat die Non-Profit-Organisation in Murten 208 Tonnen Lebensmittel abgegeben. Das entspricht einem Gegenwert von 1,353 Millionen Franken, wie Tischlein deck dich in einer Medienmitteilung schreibt. In Murten seien es rund 80 Personen, die das Angebot in Anspruch nähmen. 2019 seien es rund 20,9 Tonnen Lebensmittel gewesen, die die Organisation in Murten verteilt habe. Die Abgabestelle befindet sich in den Räumlichkeiten der Freien Evangelischen Gemeinde Murten. Sie ist jeden Donnerstag während einer Stunde geöffnet.

Ein symbolischer Franken

Barbara Käch aus Wileroltigen ist seit der Eröffnung in der Murtner Abgabestelle engagiert, seit etwa sechs Jahren hat sie die Leitung inne: «Ich will einen Beitrag leisten und Dankbarkeit für mein Leben weitergeben.» Für sie ist Tischlein deck dich doppelt gut: «Einerseits ist es ein Beitrag gegen die Verschwendung von Lebensmitteln, und andererseits können wir armutsbetroffenen Menschen helfen. Es ist eine gute Sache.» Es sei immer wieder schön für sie zu sehen, «wie die Menschen mit ihren vollen Taschen zufrieden wieder nach Hause gehen».

Für die Armutsbetroffenen sei Tischlein deck dich eine willkommene Entlastung ihres knappen Haushaltsbudgets. Die Kundinnen und Kunden bezahlen pro Einkauf einen symbolischen Franken – ungeachtet der Menge an Lebensmitteln, welche sie mitnehmen.

Besonders beliebt sei Fleisch: «Doch das gibt es nur sehr selten.» Brot, Gemüse und Salat sei immer genug vorhanden, «aber sonst ist es sehr unterschiedlich, was wir anbieten können». Da die Organisation ausschliesslich gespendete Lebensmittel abgibt, kann sie nicht vorhersagen, wie viele und welche Produkte sie verteilen wird. Tischlein deck dich kauft keine Produkte ein zur Vervollständigung des Sortiments.

Nach Weihnachten und Ostern gebe es jeweils sehr viel Schokolade, erzählt Barbara Käch. Dass alles einen Abnehmer oder eine Abnehmerin finde, sei manchmal eine Kunst. «Wir versuchen jedes Mal, alle Lebensmittel weiterzugeben.» Nur in Ausnahmefällen lande doch noch etwas im Abfallkübel: «Wenn das Datum zum Beispiel bei Joghurt abgelaufen ist, können wir nicht anders. Denn Tischlein deck dich untersteht dem Lebensmittelgesetz und darf keine abgelaufenen Produkte verteilen.»

Unter den Kundinnen und Kunden gebe es solche, die seit zehn Jahren zu dieser Abgabestelle kommen. «Und es gibt auch jene, die nach einem Jahr nicht mehr kommen, weil sie vielleicht wieder eine gute Arbeit gefunden und sich gefangen haben.» Es seien alle Altersklassen vertreten, auch Menschen Anfang 20. «Gerade die Jungen kommen oft nicht so lange zu uns.» Einige würden sich zu Beginn schämen, das Angebot in Anspruch zu nehmen. «Sie müssen sich zuerst überwinden.»

Wer Anrecht auf das Angebot hat, entscheiden regionale Sozialfachstellen, die sogenannte Bezugskarten ausstellen. Diese dienen als Nachweis, dass die finanzielle Situation geprüft wurde und die Betroffenen berechtigt sind, bei der Organisation Lebensmittel zu beziehen. Die Karte muss jedes Jahr erneuert werden.

Nur ein Mann im Team

Barbara Käch leitet ein 16-köpfiges Freiwilligenteam. Für die Zukunft hat sie einen Wunsch: «Wir haben nur einen Mann im Team, und manchmal wäre es gut, wenn mehr Männer dabei wären.» Denn die Harassen mit Gemüse und die Getränke seien oft schwer, «deshalb freuen wir uns sehr, wenn sich Männer als freiwillige Helfer melden».

Zahlen und Fakten

Drei Abgabestellen im Kanton

Laut dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) landen pro Jahr in der Schweiz 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall. Derweil leben rund 660 000 Menschen am oder unter dem Existenzminimum, wie aktuelle Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen. Diese Situation sei aus ökologischer und aus sozialer Sicht bedenklich, schreibt die Non-Profit-Organisation Tischlein deck dich in ihrer Medienmitteilung. Seit 1999 rettet sie qualitativ einwandfreie Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs vor der Vernichtung. Tischlein deck dich betreibt inzwischen 132  Abgabestellen in der Schweiz und in Liechtenstein, wovon rund 20 000 armutsbetroffene Menschen profitieren. Im Kanton gibt es in Freiburg, Bulle und Murten Abgabestellen.