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Aufruhr im Gerichtssaal

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Gestern Nachmittag eskalierte die Situation im Saal 6 am Strafgericht des Saa­nebezirks. Der Angeklagte, der am 29. Dezember 2014 seine Frau erdrosselt hatte, machte von seinem Recht Gebrauch zu schweigen. Trotzdem stellte ihm Gerichtspräsident Benoît Chassot Frage um Frage.

«Sprich! Sprich!»

«Warum wollte Ihre Frau sich scheiden lassen? Hofften Sie noch, dass sie wieder zu Ihnen zurückkommt?» Der Richter fragte. Der 59-jährige Angeklagte schwieg. «Wie lange haben Sie am Foulard ihrer Frau gezogen? Wie stark? Hatte sie ihre Augen geöffnet, als sie auf dem Boden lag? Erinnern Sie sich?» In diesem Moment hielt es die eine Schwester des Opfers nicht mehr aus. Sie stand auf, schrie den Mann an: «Sag es, dass du sie getötet hast! Mörder!» Sie rannte auf ihn zu, zog ihn an den Haaren, noch bevor die im Saal anwesenden Polizisten reagieren konnten. Eine Verwandte des Opfers, die im Publikum sass, schrie immer wieder auf Portugiesisch: «Sprich! Sprich!»

Chassot liess mehrere Leute aus dem Saal bringen; der Aufruhr auf dem Korridor und das Schluchzen der Schwester waren auch durch die geschlossene Türe noch hörbar. Sébas­tien Pedroli, Verteidiger des Angeklagten, verlangte einen Unterbruch: Er wolle mit seinem Mandanten sprechen.

Als die Verhandlung weiterging, war die Schwester, die auf den Täter losgegangen war, nicht in der Verfassung, um in den Gerichtssaal zurückzukehren. Der Richter fuhr mit seinem Fragenkatalog fort – und der Angeklagte schwieg weiterhin beharrlich. Der Bruder des Opfers liess dem Mann Fotos der Frau und der Familie aus glücklichen Zeiten zeigen. Verteidiger Pedroli versuchte seinen Mandanten davon zu überzeugen, die Fotos anzuschauen. «Sie wollen zu den Taten nichts sagen, das ist das eine», sagte er. «Aber sagen Sie etwas zu der Familie, sagen Sie, dass es Ihnen leid tut, was Sie getan haben.» Doch der Angeklagte schaute stur zu Boden. Er murmelte kaum verständlich, dass er sich schon einmal entschuldigt habe, «ich sage nichts mehr».

Kein neues Gutachten

Am Morgen, zu Beginn der Verhandlung, hatte Pedroli ein neues Gutachten verlangt: «Das vorliegende Gutachten ist schon fast ein Plädoyer des Staatsanwaltes.» Sein Mandant habe einen Intelligenzquotienten von 70, «an der Grenze zur Debilität». Er könne daher gar nicht der Manipulator sein, als der er im Gutachten dargestellt werde. Staatsanwalt Marc Bugnon hingegen meinte: «Das Gutachten ist keine Parteinahme, sondern zeigt, wie der Mann ist.» Dieser sei ein Psychopath im klinischen Sinne. Der Gutachter stütze sich unter anderem auf Aussagen der Kinder und Ex-Frauen des Angeklagten sowie auf medizinische Berichte. Das fünfköpfige Gericht wies den Antrag auf ein neues Gutachten ab.

Sexuelle Übergriffe

Der Portugiese steht wegen Tötung, Vergewaltigung und sexuellen Handlungen mit Kindern vor Gericht. Er war in Portugal ein erstes Mal während fünf Jahren verheiratet; aus dieser Ehe hat er zwei Kinder. Seit 1989 lebt er in der Schweiz. Ab Anfang der 1990er-Jahre lebte er während knapp zehn Jahren mit einer Frau im Konkubinat zusammen; mit ihr hatte er zwei Söhne. Beide werfen ihm vor, sie sexuell missbraucht zu haben. Sie haben ihre Anzeigen in dem Moment eingereicht, als ihr Vater wegen der Erdrosselung der dritten Ehefrau im Gefängnis sass. «Ich konnte zuvor nicht darüber sprechen», sagte der ältere Sohn, der heute 25-jährig ist, gestern vor Gericht. «Ich habe mich geschämt.» Erstmals habe ihn sein Vater missbraucht, als er acht Jahre gewesen sei; aufgehört habe dies, als sich seine Eltern drei Jahre später trennten. «Als er in Haft war, wusste ich, dass ich in Sicherheit bin – dass es der Moment ist, darüber zu sprechen.» Er sei in keiner Therapie. Er habe einmal damit begonnen, «doch ich komme nicht voran, wenn ich immer wieder über den Missbrauch und die Vergewaltigung sprechen muss».

Auch sein jüngerer Bruder will von einer Therapie nichts wissen, auch wenn er noch heute, als 19-Jähriger, unter den Erinnerungen an den Missbrauch und an die Gewalt­ausbrüche des Vaters gegenüber seiner Mutter leidet und Angstzustände hat.

Der Angeklagte war ein weiteres Mal in Brasilien verheiratet, bevor er in der Schweiz mit seinem künftigen Opfer zusammenkam. Zwei Schwestern und ein Bruder des Opfers sagten vor Gericht aus, ebenso die Tochter. Die eine Schwester lebt in Freiburg, die anderen in Portugal. Er sei zwar der Jüngste, habe seine tote Schwester aber immer als «kleine Schwester» empfunden, sagte der Bruder, «weil sie so schüchtern und leicht zu beeindrucken war». Eine Schwester bestätigte, dass sich das Opfer habe scheiden lassen wollen; ihr Mann habe sie vergewaltigt. «Die Polizei hat ihr geraten, Anzeige zu erstatten, sie aber wollte keinen Konflikt und sich ruhig von ihrem Mann trennen.»

Die ganze Familie leidet unter dem Drama; die Kinder und die Geschwister sind alle in psychologischer Behandlung. Die Mutter, früher eine fröhliche Frau, spreche kaum mehr. Die Tochter sagte: «Er hat ein Leben ausgelöscht, aber betroffen sind ganz viele Leben.»

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