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Aus eins wird vier

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Gastkolumne

Aus eins wird vier

Autor: Bernard Waeber

Dobro govoriš bosanski» sagte der Taxifahrer erfreut zu mir. «Du sprichst aber gut Bosnisch.» Das geschah vor einem Jahr in Tuzla. Einem Ort, in den sich nur wenige Ausländer verirren und ganz selten solche, die sich auch in der lokalen Sprache ausdrücken können. Diese Stadt im Norden von Bosnien-Herzegowina ist in unserem Bewusstsein mit dem Balkankrieg der neunziger Jahre verbunden.

Natürlich fühlte ich mich ein wenig geschmeichelt. Aber spreche ich wirklich so gut Bosnisch? Nein, keineswegs. Ich kann mich im täglichen Leben einigermassen durchschlagen – auf Serbisch, wohlgemerkt. Oder eben doch auf Bosnisch, wie der Taxifahrer meinte. Denn Serbisch, Bosnisch sowie Kroatisch und Montenegrinisch sind eigentlich vier Varianten der gleichen Sprache: des Serbo-kroatischen. Heute ist dieses Wort mancherorts aus politischen Gründen verpönt. Eine Folge des Zerfalls von Jugoslawien. Nationalistische Strömungen bewirkten, dass das Kroatische, das Bosnische und das Montenegrinische zu eigenen Sprachen erklärt wurden. Dies wurde und wird wissenschaftlich zu belegen versucht. Es ist so, wie wenn «Deutsch» und «Österreichisch» als zwei verschiedene Sprachen betrachtet würden.

Der Taxifahrer in Tuzla freute sich ganz einfach darüber, dass er sich mit einem Ausländer etwas in seiner Sprache unterhalten konnte, egal ob diese jetzt wissenschaftlich als Bosnisch oder als Serbisch bezeichnet wird. Diese Erfahrung habe ich mehrmals und in verschiedenen Ländern auf dem Balkan gemacht, auch in Kroatien. Und sogar im Freiburgerland, unter umgekehrten Voraussetzungen. Hier sind die «Jugos», die Emigranten aus dem ehemaligen Jugoslawien, positiv überrascht, wenn sie feststellen, dass ich als Einheimischer nicht nur ihre Gegend, sondern auch ihre Sprache kenne. Zum Beispiel die seit Jahren in der Baumschule Brülhart in Mariahilf tätigen Angestellten aus Südserbien. Oder die Nachbarin und Lehrerin mit kroatischen Wurzeln. Oder der frühere Basketballstar Vladimir Karati, der Anfang der siebziger Jahre – für ein Trinkgeld – von OFK Belgrad zu Olympic stiess. Oder die drei Geschwister und Cousins aus Bosnien, die in einer Beiz im Schönberg arbeiten und die früher jahrelang im Bahnhofbüffet serviert haben. Sie stammen aus Modri ca, das nicht weit entfernt ist von Tuzla.

Eigentlich könnte ich dem neuen «wissenschaftlichen» Sachverhalt durchaus etwas Positives abgewinnen: Statt nur Serbisch spräche ich gleich vier verschiedene Sprachen. Bei der nächsten Stellenbewerbung würde ich das in meinem Lebenslauf festhalten und um die entsprechende Lohnzulage feilschen. Das wären dann die verdienten Früchte einer grossen Anstrengung. Denn zugegeben, ich habe mir am Serbischen die Zähne ausgebissen. Es ist die schwierigste Sprache, die ich je gelernt habe. Dabei erwiesen sich die am altehrwürdigen Kollegium St. Michael mühsam angeeigneten Lateinkenntnisse als durchaus nützlich, aus zwei Gründen: Das Latein hat fünf Deklinationsfälle mit verschiedenen Endungen, das Serbische deren sieben. Und zum Pauken motiviert wurden wir mit folgendem Spruch: «Non scholae, sed vitae discimus.» Für das Leben lernen, nicht für die Schule. Genau das meinte wohl der Taxifahrer von Tuzla, als er mein nicht-schulbuchmässiges Bosnisch lobte.

Bernard Waeber ist 1953 in Schmitten geboren und in der Stadt Freiburg zweisprachig aufgewachsen. Er hat Germanistik und Romanistik studiert, in Freiburg und an der Freien Universität in Berlin. Seit mehr als zwölf Jahren lebt er im Ausland. Zurzeit ist er als Lektor für deutsche Sprache an der Universität Belgrad tätig. Als Gastkolumnist macht sich Bernard Waeber in den FN regelmässig Gedanken zur Zwei- und Mehrsprachigkeit.

«Ich habe mir am Serbischen die Zähne ausgebissen. Es ist die schwierigste Sprache, die ich je gelernt habe.»

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