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Die ausgewechselte Landschaft

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Ich wurde vor kurzem vom Museum Murten eingeladen, um einen Vortrag über die ausgestorbenen und bedrohten Pflanzen im Grossen Moos zu halten. Das Museum hat nämlich die sehr schöne, aber gleichzeitig zum Nachdenken anregende Ausstellung «Seeland» des bekannten Fotografen Tomas Wüthrich gezeigt. Als Vorbereitung habe ich diesen Sommer mehrere Wanderungen zwischen dem Murten-, Neuenburger- und Bielersee unternommen, dabei viel fotografiert… und gestaunt. Leider nicht immer aus Bewunderung.

Für zahlreiche Personen, die sich beruflich mit dem Naturschutz und der Biodiversität beschäftigen, aber auch für viele Laien sowie Naturlandschaftsbewundererinnen und -bewunderer, ist dies kein Geheimnis und auch nichts Neues mehr: Das Grosse Moos ist nicht mehr das, was es mal war. Und dabei meine ich nicht die letzten Jahre oder Jahrzehnte, sondern spreche von einer viel längeren Zeitspanne. Bei dieser sommerlichen Erkundung der sehr monotonen und geradlinig angeordneten Gemüsefelder und begradigten Wasserkanälen habe ich mich an ein Buch erinnert. Das Buch wurde 2009 von Klaus C. Ewald, einem ETH-Professor, und von Gregor Klaus, einem Wissenschaftsjournalisten, geschrieben. Der Titel des Buches lautet: «Die ausgewechselte Landschaft. Vom Umgang der Schweiz mit ihrer wichtigsten natürlichen Ressource».

Ich staune bis heute, wie wenig Einfluss das Buch auf unsere Gesellschaft und die politischen Entscheidungen hatte und wie wenig bekannt es heute immer noch ist. Dies, obwohl die Autoren mit wunderschönen und sorgfältig ausgesuchten alten und neueren Fotos, uralten und modernen Karten und solide durchgeführten Analysen beeindruckend zeigen, wie schonungslos wir mit der Landschaft und unserer Umwelt umgehen. Vielleicht ist die Grösse des Werkes – im wahrsten Sinne des Wortes – das Problem: Mit zwei Kilogramm schweren Bänden, Hunderten Seiten und zahlreichen Karten ist das Buch einfach zu gross und zu komplex, um es «verdaulich» und damit bekannter beim breiten Publikum zu machen.

Viele Freiburger und Freiburgerinnen werden sagen, dass es im Grossen Moos doch nicht so schlimm ist. Es war schon immer so, seit man sich erinnern kann. Unsere moderne und schnelllebige Gesellschaft ist wie bald überall auf der Welt sehr vergesslich. Die Fachliteratur bezeichnet dieses Phänomen als Generationen-Amnesie oder Artenvielfaltamnesie. Oder noch fachlicher ausgedrückt als sich verändernde Bezugslinien (aus dem Englischen «shifting baseline syndrom»). Was wir heute als intakte oder schöne Natur wahrnehmen, entspricht keineswegs dem, was die früheren Generationen so wahrgenommen haben. Für viele jüngere Menschen ist bereits eine Wiese mit Margeriten und Löwenzahn sehr artenreich oder wenigstens «normal».

Die Juragewässerkorrektur im Seeland wurde vor mehr als 150 Jahren realisiert. Da erinnert sich absolut niemand, wie es früher war. Um es etwas dramatischer auszudrücken: Grossflächige und artenreiche Feuchtgebiete wurden in einen enormen Gemüsegarten «ausgewechselt». Unzählige Organismen, die vor Hunderten Jahren im Grossen Moos weit verbreitet und landschaftsbildend waren, sind heute in dieser Region ausgestorben oder so selten, dass man ihre Individuen fast einzeln zählen kann. Zu den besten Beispielen gehören viele «verschwundene» Sumpf- und Wasserpflanzen, wie der Grosse Merk, der Grosse Wasserfenchel, das Gnadenkraut oder der Igelschlauch. Wer kennt diese Arten heute noch? Und wer hat sie überhaupt schon einmal gesehen?

Arten sterben zweimal aus. Das eine Mal, wenn das letzte Individuum stirbt. Das zweite Mal, wenn die kollektive Erinnerung an die Art verschwindet. Das ist alles andere als trivial. Diese Artenvielfaltamnesie untergräbt das Verständnis von uns Menschen und unsere Unterstützung für die Erhaltung der Natur.

Ich bin eigentlich privilegiert. Als Biologe kann ich wenigstens in den alten Sammlungen und Herbarien diese Zeugen des verlorenen Paradieses bewundern. Ich musste jedoch ins Ausland reisen, um diese Arten lebendig zu sehen und sie in voller Pracht und in grosser Zahl zu bewundern – nach Irland und Frankreich für den Igelschlauch und das Gnadenkraut und nach Deutschland oder Polen für den Grossen Merk und Wasserfenchel. An die alte Pracht und die Grösse des Grossen Mooses erinnert nur noch sein Name.

Grosser Merk fotografiert in Polen.
zvg

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