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Die zornige Stimme des kleinen Mannes

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Sieht ein zorniger Mensch so aus? Ken Loach ist von unauffälliger Statur; wenn er Mantel und Schal ablegt, wirkt er sogar ziemlich schmal. Er trägt sein weisses Haar zwar lang aber nicht voll, und der Blick durch die dunkle Brillenfassung ist eher beobachtend denn herausfordernd.

Kaffee will er keinen, denn er habe bereits gefrühstückt, das Glas Wasser möchte er ohne Kohlensäure, «still water», ein stilles Wässerchen. Dann entschuldigt er sich, dass er die Fragen auf Englisch beantwortet. Wenn er schon in Freiburg zu Gast sei, so würde es die Höflichkeit gebieten, dass er mit den Leuten Französisch spreche, so der britische Regisseur.

«Reichtum ist so explosiv wie eine Atombombe.»

Ken Loach

Filmregisseur

 

Doch man lasse sich nicht täuschen: Wenn Ken Loach spricht, dann bröckelt die unscheinbare Fassade. «Die Schweiz sollte ihre Banken verstaatlichen», fordert er. Die harmlose Frage an den Meister des Sozialdramas hatte gelautet, ob die Schweiz für ihn nicht langweilig sei, dieses Land, in dem die Arbeiterschicht weniger sichtbar und wohl auch weniger gebeutelt ist als in Grossbritannien. «Die Schweiz ist ganz und gar nicht langweilig», sagt er. «Sind nicht zwei Drittel des globalen Vermögens auf den Konti von Schweizer Banken? Reichtum ist genauso explosiv wie eine Atombombe. Fühlen Sie keine Verantwortung, dieses Kapital zu entschärfen?»

Auf der Seite der Schwachen

Da ist sie also, die mächtige Stimme von Ken Loach. Diese Stimme, die in unzähligen Filmen seit Mitte der 1960er-Jahre die Position des kleinen Mannes einnimmt und die Mächtigen anklagt.

Beispielsweise in seinem letzten Werk «I, Daniel Blake» aus dem Jahr 2016, in dem Loach den schier aussichtslosen Kampf eines Arbeitslosen gegen den britischen Sozialstaat erzählt.

Oder in «Angels’ Share» (2012), wo perspektivenlose und straffällige Glasgower Jugendliche mit einem feinen Näschen für Whisky den gros­sen Coup planen, indem sie mit dem Diebstahl eines sündhaft teuren Tropfens zu Reichtum kommen wollen.

Schliesslich in «The Wind that Shakes the Barley» über den irischen Freiheitskampf in den 1920er-Jahren oder «Looking for Eric», wo ein fussballbegeisterter Briefzusteller in einer Lebenskrise beim Fussball-Ass Eric Cantona Unterstützung findet.

Ken Loachs Stimme ist gefürchtet. In der Thatcher-Ära wurde ihm das Arbeiten durch Zensurmassnahmen erschwert. Er hat dafür später den Ritterschlag für den Order of the British Empire abgelehnt. Auch zum heutigen Grossbritannien schlägt er keine versöhnlichen Töne an. Die Brexit-Debatte sieht er als Machtkampf an: «Die Debatte findet statt zwischen den gros­sen Unternehmen, die ihren Profit auf Kosten der Arbeitskraft machen, und jenen, die der Meinung sind, man könne die Bevölkerung ohne die EU besser ausbeuten.»

«Früher war der Kapitalist dick und der Arbeiter dünn. Heute ist es gerade umgekehrt.»

Ken Loach

Filmregisseur

 

Den Arbeitern gehe es heute noch schlechter, ist er überzeugt. «Früher konnte man von der Arbeit leben. Man hatte einen Job, ein Haus, ein Leben und etwas Sicherheit. Heute wird die Arbeitswelt dominiert von Stellenagenturen, Gelegenheitsjobs, Arbeit auf Abruf und völliger Unsicherheit.»

Es überrascht ihn deshalb nicht, dass die Lebenserwartung in Grossbritannien seit kurzem wieder sinkt. «Ich wohne in der Kleinstadt Bath, und da gibt es innerhalb einer Meile zwischen den reichen und armen Quartieren der Stadt neun Jahre Unterschied in der Lebenserwartung. Wir haben eine neue Art von Armut. Sie ist geprägt von Junk Food, Fettleibigkeit, chaotischen Tagesabläufen und zerstörten Familienleben. Früher war der Kapitalist dick und der Arbeiter dünn, heute ist es genau umgekehrt.»

In England untertitelt

Ken Loach begegnet diesen Missständen in seinen Filmen mit einfachen und liebenswürdigen Persönlichkeiten. «Es ist einfacher, Filme zu machen mit Personen, die man mag. Und es ist schwer, Reiche zu finden, die man mag.»

Die Authentizität der Leute, die untendurch müssen, ist Loachs Markenzeichen. Oft bot er dazu Laienschauspieler auf, die so sprechen dürfen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Die Dialekte aus Schottland, Irland, aus Yorkshire und Lancashire werden sogar in britischen Kinos untertitelt.

Der Engländer kennt die Arbeiterschicht seit seiner Kindheit. Sein Vater arbeitete in der Kohlenmine, er hatte zehn Geschwister, und er wuchs im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs auf. Ferien verbrachte Ken Loach in Blackpool, und da zog es ihn zur Komödie hin. «Wir fielen fast vom Stuhl vor Lachen. Das bleibt haften.» So sind seine Filme trotz der Tragik des Alltags immer von urkomischen Szenen geprägt gewesen.

Die Rich Kids von damals

Doch Loach lernte nicht nur die Arbeitschicht kennen. Als guter Schüler absolvierte er die King Edward VI Grammar School und studierte dann in Oxford Recht. «Eigentlich war ich da, um Recht zu studieren, aber ich studierte nicht wirklich, sondern spielte vor allem Theater.»

In Oxford lernte er die Oberschicht kennen. «Es waren 20-jährige Studenten mit einem Sportwagen und einer Freundin aus London. Sie sollten später die Welt regieren. Da sah ich Reichtum wie nie zuvor in meinem Leben.»

Von Geld hat Ken Loach sich nie leiten Lassen. Seine Filme fanden zwar immer wieder ihr Publikum, ohne aber eigentliche Kassenschlager zu werden. Er konnte zweimal die Goldene Palme in Cannes und einen Goldenen Bären der Berlinale entgegennehmen, doch dem Ruf Hollywoods folgte er nie.

Mit mittlerweile 81 Jahren wäre es eigentlich Zeit, ans Aufhören zu denken, ist er sich bewusst. Einen neuen Film in Angriff zu nehmen brauche enorm viel Energie. «Meine Frau spricht ständig vom Aufhören», sagt Loach. «Aber es ist schwierig. Isn’t it?»

Carte blanche

Film über einen Fahrraddieb als Inspiration

Bei der Masterclass von Ken Loach standen am Montag Fans wie Fachleute Schlange. Sie wollten vom Meister etwas über sein Erfolgsrezept erfahren. Ein Teil der Antwort findet sich in den fünf Filmen, die er dem Freiburger Festival zur Vorführung empfahl. Besonders angetan hat es ihm der italienische Film «Ladri di biciclette» von 1948. «Der Film zeigt die Verletzlichkeit eines Mannes, der sein Fahrrad braucht, um zur Arbeit zu fahren. Als es ihm gestohlen wird, fehlt ihm die Existenzgrundlage. Der Film ist einfach und wunderschön gemacht», erklärt Loach.

uh

 

Carte blanche, Ken Loach: The Loves of a Blonde (CSSR, 1965), Fr., 23.3., 12.30  Uhr, Arena 5. Trains étroitement surveillés (CSSR, 1966), Do., 22.3., 12.45 Uhr, Arena 7; Sa., 24.3., 18 Uhr, Arena 6. 

 

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