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Forscher gehen den sprechenden Zahnplomben auf den Grund

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Der Kurzwellensender Schwarzenburg strahlte bis 1998 Sendungen des Schweizer Radios in alle Welt hinaus – mit teils irritierenden Nebeneffekten. Eine Forschergruppe befragt jetzt Zeitzeugen, wie sie die starke Strahlung erlebt haben.

Es ist 14 Uhr auf dem Monatsmarkt in Schwarzenburg. Eine ältere Frau steigt aus einem olivgrünen Wohnwagen und schüttelt einem Mann zum Abschied die Hand. Eben hat die Dame über ihre Erfahrungen mit dem Kurzwellensender Schwarzenburg Auskunft gegeben. Der Kurzwellensender der Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe (PTT) sendete von 1939 bis 1998 für Schweizer Radio International weltweit aus.

Angesichts der Sendestärke würden heute bei den Gegnern der 5G-Mobilfunkantennen sämtliche Haare steil in die Höhe steigen. Über den Sender und seine Strahlung kursieren denn auch die wildesten Geschichten. Das Museum für Kommunikation in Bern und das Regionalmuseum Gantrisch wollen nun Genaueres wissen und befragen Zeitzeugen auf dem Markt. Die Zeugnisse, die sie von Zeitzeugen im Gespräch erfahren, nehmen sie als Tondokument auf. Das Museum für Kommunikation stellte den FN einige Aufnahmen anonymisiert zur Verfügung. Eine Anwohnerin erzählte: 

Was wir viel gehabt haben, sind Störungen. Zum Beispiel habe ich mal Musik gehabt aus der Waschmaschine. Tatsächlich! Aus der Trommel heraus kam Musik – das hat einfach geleitet.

Die Dame gab zu Protokoll:

Die Nachbarsleute hatten zwei Mädchen. Die hatten wahnsinnige Probleme, als sie klein waren. Also die haben nie geschlafen. Es hat sich herausgestellt: Wenn sie mit ihnen zum Schlafen an einem anderen Ort waren, konnten sie schlafen. Daheim ist es einfach nicht gegangen.

Simon Schweizer organisiert die Ausstellungen im Regionalmuseum Gantrisch in Schwarzenburg. Er verdeutlicht das Ziel der Befragungsaktion: «Wir sammeln Erinnerungen an den Sender. Es ist ein partizipativer Vorgang.» Die Museen wollen von Leuten vor Ort erfahren, was sie damals erlebten: «Wir sammeln Infos aus erster Hand.» Das aufgenommene Tonmaterial wird vom Museum für Kommunikation in Bern archiviert und transkribiert. 

Die Regentage

Die Strahlung des Senders löste besonders bei nassem Wetter oder bei Nebel Merkwürdigkeiten aus. Simon Schweizer nennt Beispiele: Ferngesteuerte Spielzeugautos setzten sich von selbst in Gang, Dachkännel, die wie Empfänger wirkten, spielten Musik. Ein Anwohner gab im olivfarbenen Campingwagen folgende Geschichte zu Protokoll:

Ich habe einmal abends bei einem Umbau noch etwas gearbeitet. Nachher zog ich den Stecker der Neonlampe aus. Als ich zurückblickte, leuchtete die Lampe immer noch. Ich schaute, ob ich das Ausziehen vergessen hatte – aber der Stecker war ausgezogen.

Das Signet des Senders wurde in Chassis von Postautos gehört. Auch die metallischen Viehhüter wirkten als Tonüberträger. Radioempfang gab es offenbar auch über Zahnplomben, die nicht sauber verarbeitet waren, erzählen die Mitglieder der Crew, die mit dem olivgrünen Campingwagen unterwegs ist. Rund zwanzig Zeitzeugen gaben während der beiden Auftritte der Forscher auf dem Monatsmarkt Auskunft über ihre Erfahrungen. 

Blick auf die Sendeanlage in Schwarzenburg
zVg

Hellhörig, wenn es um den Sender geht, ist auch das Museum für Kommunikation in Bern. Juri Jaquemet ist dort Sammlungskurator für Informations- und Kommunikationstechnologie. In den ehemaligen Räumen des Senders in Schwarzenburg befindet sich das Depot des Museums mit historischen Objekten, die seit 150 Jahren gesammelt werden. Aufbewahrt werden neben dreissig Postautos unter anderem 3000 Telefone und 500 Radios. Jaquemet bemerkt zum Standort:

Wir haben gemerkt, dass der Ort Schwarzenburg klingend ist und polarisiert.

Vor Ort haben die elektromagnetischen Felder des Senders für Furore gesorgt. Die Geschichten seien aber nicht fassbar. «Ich bin Historiker. Wenn ich etwas sagen will, muss ich es zitieren.» Darum sind die Tonaufnahmen wichtig. «Wir sammeln Geschichten, wir nehmen auf, auch den Namen, und lassen die Leute unterschreiben. So haben wir Dokumente aus erster Hand.»

Keine geschönten Aussagen

Juri Jaquemet freut sich über die direkten Kontakte in Schwarzenburg: «Auf dem Markt gewinnen wir Perspektiven von Leuten, die hier leben. Das sind andere Sichtweisen, als wenn wir einen ehemaligen PTT-Generaldirektor befragen und so seine offizielle Einschätzung erhalten.»

Kontrollraum des Kurzwellensenders Schwarzenburg
zVg

Jene Leute, die noch etwas sagen können, sind heute über 70 Jahre alt. «Darum müssen wir jetzt an sie gelangen, damit wir das Spektrum dieses Orts als Lebenszentrum und auch als Ort der Strahlenangst festhalten können.» 

Der Spezialist für partizipatives Schaffen ist Jonas Bürgi. Im Berner Museum hat er eine Stelle mit der Bezeichnung Partizipation Fotosammlung inne. Bürgi erläutert: «Meine Aufgabe ist es, Sammlungen im Austausch mit verschiedenen Menschengruppen und Communitys zu verwirklichen.» So können neue Zugänge und Perspektiven zur Geschichte geöffnet werden.

Am späteren Nachmittag machen die Forscher in der Ferne einen Rollstuhl aus. Zwei Frauen begleiten einen betagten Mann. Sofort heisst es beim Wohnwagen: «Da naht unser nächster Kandidat.»

Die Strahlung

Der Kurzwellensender Schwarzenburg erreichte ab 1970 seine maximale Sendeleistung. Es kam damals zu Protesten. Bis in die 1970er-Jahre hinein herrschte im Umgang mit der schädlichen Radioaktivität (ionisierende Strahlung) ein eher sorgloser Umgang, schreibt der Historiker Juri Jaquemet in einem Beitrag für das Schweizerische Nationalmuseum.

Die «Freiburger Nachrichten» berichteten 1986 von ausser Kontrolle geratenen Melkmaschinen, Lüftungen und gestörten Heizungssteuerungen. Im November 1986 diskutierte die gleiche Zeitung erstmals Klagen der Anwohner in Bezug auf die Gesundheit.

 

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