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Gastkolumne

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Gastkolumne

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen?

Autor: Barbara Colpi

Was haben Sie in diesem Moment gedacht?» – eine Frage, die Sportlern von Journalisten immer wieder gestellt wird. Man möchte erfahren, was genau im Kopf des Sportlers vorging, bevor er den entscheidenden Treffer erzielte, bevor er zum entscheidenden Penalty antrat oder bevor er den entscheidenden Angriff lancierte. Die Antworten sind erfahrungsgemäss fast immer nichtssagend. Meist sind es Floskeln im Stil, dass die Sportler sehr konzentriert waren, sich auf das Wesentliche fokussierten und möglichst gar nichts dachten.

Ich persönlich hatte mir eigentlich vorgenommen, diese Frage nach den Gedanken eines Sportlers vor oder während eines entscheidenden Momentes gar nicht mehr zu stellen, da die Antworten so ernüchternd sind. Doch dann ist es doch passiert während eines Live-Interviews mit Etienne Froidevaux. Der Eishockey-Spieler beim SC Bern hatte soeben zwei Tore beigesteuert zum Sieg seines Teams im dritten Playoff-Final-Match gegen die ZSC Lions. Beide Tore erzielte er praktisch auf dieselbe Art und Weise mit einem «Buebetrickli». Er fuhr mit der Scheibe um das gegnerische Tor herum und spedierte den Puck aus der Drehung in einem engen Radius am Pfosten vorbei ins Tor.

Noch während ich die Frage formulierte, ging es mir durch den Kopf – ja, ich kann mich ganz genau erinnern, woran ich dachte! – wie blöd ich doch sei, diese Frage zu stellen. Doch es gab kein Zurück mehr. Entgegen all meiner bisherigen Erfahrungen kamen von Froidevaux dann aber keine Floskeln als Antwort, sondern er erzählte ganz ehrlich, wie er sich tatsächlich schon vor der Partie vorgenommen hatte, auf diese Art und Weise ein Tor zu erzielen, da ihm aufgefallen sei, dass zwischen dem Torhüter und dem Pfosten oft ein relativ grosses Loch offen blieb. Es war also keine zufällige Aktion und daher war die Antwort umso spannender. Vielleicht ist eben die Frage, was einem denn so durch den Kopf geht, gar nicht so blöd und vielleicht hätten ja auch viele andere Sportler eine interessante Antwort darauf, wollen aber ihre Gedanken einfach nicht preisgeben.

Auf jeden Fall finde ich plötzlich diese Frage nicht einfach dumm, auch wenn ich sie in einem Live-Interview nach wie vor nicht riskieren möchte. Bei allen allerdings zu vermuten, sie wollten schlicht ihre Gedanken nicht preisgeben, wenn sie nur mit Floskeln antworten, wäre auch falsch. Denn es gibt sie wohl tatsächlich die Momente, an deren Gedanken man sich nicht mehr erinnern kann. Dies wurde mir unlängst bewusst, als mir ein Radfahrer eine interessante Gegenfrage stellte. Ich konnte fast nicht glauben, dass er sich an nichts Konkretes mehr erinnern konnte, was ihm während einer fünfstündigen Etappe, die im Feld nicht besonders intensiv war, durch den Kopf ging. Er fragte mich, was ich denn antworten würde, wenn ich nach einem fünfstündigen Flug aus dem Flugzeug steigend mit der Frage konfrontiert würde, was mir während dieser langen Zeit durch den Kopf gegangen ist. «Vieles», würde ich antworten. (Eine Floskel!) Aber ich hätte wohl auch Mühe, mich an ganz Konkretes zu erinnern, obwohl ich ja wirklich genügend Zeit gehabt hätte, Gedanken nachzuhängen. Und vielleicht würde ich auch einfach nicht mehr verraten wollen.

Barbara Colpi (37) ist Ethnologin und arbeitet als Sportredaktorin bei Radio DRS. Zuvor war die gebürtige Oltnerin Sportchefin bei Radio Freiburg.

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