Freiburg 11.09.2019

«Wir wollen den dritten Sitz holen»

Wegen des Klimawandels wird in der ganzen Schweiz mit Sitzgewinnen der Grünen gerechnet. Auch in Freiburg seien die Chancen intakt, erstmals ins eidgenössische Parlament einzuziehen, sagt Julien Vuilleumier vom Wahlkampfteam der Grünen.

Bei den Wahlen am 20. Oktober treten sechs der sieben bisherigen Freiburger Nationalräte wieder an. Einzig der Sitz des nicht mehr kandidierenden Dominique de Buman (CVP) wird neu zu vergeben sein. Die Linke sieht darin die Chance, den vor vier Jahren an die SVP verlorenen Sitz wieder zurückzuholen. Chancen rechnen sich nicht zuletzt die Grünen aus.

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Ziel: 8,3 Prozent

Die Hoffnungen scheinen berechtigt. Dank der Debatte rund um den Klimawandel könnte die Partei mehr Wählerinnen und Wähler mobilisieren als je zuvor. Obwohl die Grünen im Kanton Freiburg bisher eine untergeordnete Rolle spielen – die erste grüne Staatsrätin wurde erst 2011 gewählt – zeichnete sich eine mögliche Wende bereits bei den Grossratswahlen 2016 ab, als die Grünen ihre Sitzzahl auf sechs Mandate verdoppelten. Das entspricht einem Wähleranteil von 5,43 Prozent. Für den Einzug in den Nationalrat müssen sie allerdings nochmals kräftig zulegen. Um einen Nationalratssitz zu gewinnen, ist nämlich ein Wähleranteil von rund 14 Prozent nötig. Bei den Nationalratswahlen von 2015 kamen die Grünen auf 5,3 Prozent. «Wir peilen drei zusätzliche Prozentpunkte an», sagt Julien Vuilleumier vom Wahlkampfteam der Grünen. In der Listenverbindung mit der SP und der Mitte links – CSP könnte es dann knapp reichen, vorausgesetzt, die SP erzielt ihrerseits 25 Prozent (+1) und die CSP 3 Prozent (+2). Für die Linke würde so ein Wähleranteil von 36 Prozent resultieren. «Je nach Listenverbindungen und Restmandaten reichen für einen Sitz auch 12 Prozent. Aber klar, 36 Prozent sind für drei Sitze das Minimum.»

Klappt es, wäre es das erste Mal, dass die Freiburger Grünen einen Vertreter oder eine Vertreterin nach Bundesbern entsenden könnten. «Die Themen, die die Grünen seit dreissig Jahren bearbeiten – Umweltschutz, Biodiversität und Klimaschutz – sind jetzt auch in der Politik angekommen. Die Grünen haben in all den Jahren ein enormes Know-how entwickelt. Es ist an der Zeit, dass unsere Lösungen umgesetzt werden.» Dass sich andere Parteien nun auch ein grünes Mäntelchen umgeworfen haben, stört Vuilleumier nicht. «Dass Umweltthemen bei den anderen Parteien an Relevanz gewonnen haben, ist grundsätzlich eine gute Neuigkeit. Aber wir bleiben das Original.» Bei den Grünen liege der Ausgangspunkt der politischen Überlegungen in der Ökologie, bei anderen Parteien in der Sozial- oder der Wirtschaftspolitik. Der Unterschied zur SP, mit der die Grünen eine Allianz eingegangen sind, liege in der historisch unterschiedlich begründeten DNA der Parteien und in der Art und Weise des Politisierens: «Die Grünen politisieren sehr pragmatisch und konkret.»

Junge Liste

Die Nationalratsliste der Grünen zählt sieben Kandidatinnen und Kandidaten (siehe Kästen). Mit vier Frauen wird sie der Forderung nach Gleichberechtigung gerecht, mit einem Durchschnittsalter von etwas über 36  Jahren präsentiert sie die jüngste Liste im Kanton. «Unsere Liste ist Ausdruck der gesellschaftlichen Teilhabe. Alle sollen mitbestimmen können.» Mit Gerhard Andrey haben die Grünen auch einen Vertreter aus der Wirtschaft. Der Unternehmer kandidiert zudem nicht nur für den Nationalrat, sondern auch für den Ständerat und ist somit das eigentliche Zugpferd auf der Liste der Grünen. «Mit ihm streben wir eine politische Vielfalt in der kleinen Kammer an, und natürlich erhöht seine Doppelkandidatur die mediale Aufmerksamkeit. Das gibt ihm eine grosse Präsenz und den Grünen mehr Stimmen.»

CO2-Abgabe bis Lohngleichheit

Zusammengefasst wollen die Grünen sich für folgende Themen in den eidgenössischen Räten stark machen, wie Julien Vuilleumier erklärt: für eine Wirtschaft im Dienste der Menschen, welche auch für die Kosten zulasten der Umwelt aufkommt, und für eine sofortige Reduktion des CO2-Ausstosses mithilfe von ökologischen Anreizen wie der CO2-Abgabe. Aber nicht nur der Klimawandel sei ein grosses Problem, sondern auch der dramatische Rückgang der Biodiversität. Hier brauche es ebenfalls starke Massnahmen. «Wir sind die erste und die letzte Generation, die die existenziellen Bedrohungen noch abwenden kann.» In der Sozialpolitik setzen sich die Grünen für die Gleichbehandlung von Mann und Frau ein und für einen Vaterschaftsurlaub oder eine Elternzeit.

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Gerhard Andrey

Der gebürtige Sensler Gerhard Andrey kandidiert nicht nur für den Ständerat, sondern auch für den Nationalrat. Der 43-Jährige ist Mitbegründer der Webagentur Liip mit 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Firma steht für vieles, was Andrey ein Anliegen ist: partizipative Entscheidungsstrukturen – Liip gehört den Mitarbeitenden; Gleichberechtigung mit vierwöchigem Vaterschaftsurlaub; Teilzeitarbeit. Der Unternehmer sagt zudem: «Erst eine intakte Umwelt ermöglicht eine überlebensfähige Wirtschaft. Und nur eine prosperierende Wirtschaft finanziert unsere soziale Wohlfahrt.» Er plädiert darum für die Abkehr von der fossilen Einwegwirtschaft hin zu einer ökologischen Kreislaufwirtschaft. Andrey ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Granges-Paccot. Er ist Vi­ze­- präsident der Grünen Sc­hweiz und Verwaltungsrat der Alternativen Bank.

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Liliane Galley