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«Leider ist Chancengleichheit ein Mythos»

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«Leider ist Chancengleichheit ein Mythos»

Reto Furter, Vorsteher des Amts für deutschsprachigen Unterricht, zu aktuellen Schulfragen

Mit dem Übertritt von der Primar- in die Orientierungsschule werden wichtige Weichen im Leben eines jungen Menschen gestellt. Wie erfüllt die Schule die vielfältigen Anforderungen, die heute an sie gestellt werden? Reto Furter nimmt Stellung zu dieser und andern aktuellen Schulfragen.

Mit RETO FURTER
sprach ANTON JUNGO

Am Dienstag haben die Übertrittsprüfungen in die Orientierungsschule stattgefunden. Ist jeweils schon zum Vornherein festgelegt, welcher Prozentsatz an Schülerinnen und Schülern den einzelnen Leistungsstufen (Progymnasium, Sekundarschule, Realschule) zugewiesen werden?

Nein, es ist nichts zum Vorneherein festgelegt. Aus Erfahrung wissen wir aber, wie sich die verschiedenen Abteilungen grob zusammensetzen. Diese Zahlen sind kein Geheimnis. Sie finden sich beispielsweise in der Informationsbroschüre für die Eltern zum Übertrittsverfahren. 15 bis 20 Prozent schaffen es ins Progymnasium, 45 bis 55 Prozent in die allgemeinen Sekundarklassen und 30 bis 35 Prozent in die Real- oder Werkklassen.

Kommt die Selektion für 12-Jährige nicht zu früh?

Die Frage der Selektion ist ganz zentral und muss uns beschäftigen. Auf Grund neuer Schulforschung wissen wir nämlich, dass es aus verschiedenen Gründen sinnvoll ist, die Selektion möglichst lange hinauszuzögern. Wir versuchen diesem Umstand im Moment so gerecht zu werden, indem wir die Durchlässigkeit zu den Leistungsabteilungen möglichst gut garantieren.

Wird diese Möglichkeit auch genützt?

Sie wird durchaus genützt. Und mit den Bestimmungen zum neuen Zeugnis wollten wir sie sogar noch besser ermöglichen. Mit dem Ziel, die Durchlässigkeit nach oben, das heisst in eine leistungsstärkere Abteilung, noch zu verbessern. Dies allerdings auf Grund ganz klar definierter Leistungskriterien.

Es lässt sich jedoch auch feststellen, dass sich viele Schüler mit der einmal gegebenen Situation abfinden.

Ist das heutige Selektionsmodell auf ewig festgelegt?

Wir werden unser Strukturmodell auf der Orientierungsstufe – ein separatives Modell mit Durchlässigkeit zwischen den Abteilungen – sorgfältig unter die Lupe nehmen müssen. Wir wissen heute, dass Förderung und Selektion/Separation im Widerspruch zueinander stehen. Wenn man jedem Kind gerecht werden, es persönlich fördern will, verlangt dies eine grosse Flexibilität des Schulsystems. Bei einem Selektionsmodell stösst man rasch an Grenzen.

Es ist bekannt, dass Länder, die bei der Pisa-Studie gut abschneiden, sehr spät selektionieren. Sie arbeiten mit leistungsgleichen Lerngruppen. Diese können von Fach zu Fach unterschiedlich zusammengesetzt sein.

Wir wissen, dass es leider viele Kinder gibt, die verglichen mit ihrem Leistungspotenzial von der Schule viel zu wenig profitieren können.

Gibt es die viel beschworene Chancengleichheit in der Orientierungsstufe oder ist es nicht weiter so, dass die Familienverhältnisse doch eine entscheidende Rolle spielen bei der Frage, wer ins Progymnasium kommt und wer in die Sekundarschule?

Leider ist es so, dass die Chancengleichheit ein Mythos ist. Dies ist aber nicht nur ein Problem Deutschfreiburgs. Dieses Zeugnis hat die Pisa-Studie der ganzen Schweiz ausgestellt. Das heisst, es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft eines Kindes und seinem Schulerfolg.

Konkret bedeutet dies: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus dem so genannten Bildungsmilieu (Mittel- und Oberschicht) ins Gymnasium geht, ist sehr hoch. Hingegen ist es für ein Kind aus einem bildungsfernen Milieu viel, viel schwieriger ins Gymnasium zu kommen. Dies wohlgemerkt bei absolut gleicher Intelligenz und Leistungsfähigkeit. Ein solcher Mechanismus ist natürlich inakzeptabel. Hier besteht also ein Handlungsbedarf für die Schule.

Gemäss einer kürzlichen Aussage der Erziehungsdirektorin im Kantonsparlament gibt es einen markanten Unterschied zwischen der Anzahl deutsch- und französischsprachiger Schüler, die das Progymnasium besuchen.

Wenn man das Ziel betrachtet, den Übertritt ins Gymnasium, dann ist die Situation in den beiden Sprachgruppen fast ausgeglichen. Dies zeigen die Zahlen vom Sommer 2004. Damals haben 918 Deutschsprachige und 2200 Welsche die Orientierungsschule verlassen. Davon sind 235 Deutsche (25 Prozent) und 635 Welsche (29 Prozent) ins Gymnasium übergetreten.

Es ist so, dass in der Orientierungsschule der Prozentsatz der französischsprachigen Schüler, die das Progymnasium besuchen, höher ist als jener der deutschsprachigen. Andererseits schaffen mehr Deutschsprachige den Weg von den allgemeinen Sekundarklassen ins Gymnasium.

Wie sieht es mit dem Lehrkörper für das nächste Schuljahr aus? Gibt es genügend Lehrpersonen, die über eine Ausbildung verfügen, die der jeweiligen Stufe entspricht?

Ich gehe davon aus, dass wir alle neuen Stellen mit entsprechend qualifiziertem Personal besetzen können. Lehrpersonen in Werkklassen haben ein spezielles Profil nötig. In Zusammenarbeit mit dem Heilpädagogischen Institut der Universität wurde ein besonderer Ausbildungsgang ermöglicht. Verschiedene Lehrpersonen besuchen diese Zusatzausbildung.

Vor ein paar Tagen hat die Schweizerische Volkspartei (SVP) in einem Positionspapier betont, sie lehne jede staatliche Intervention zur Schaffung von mehr Lehr- und Arbeitsstellen für Junge ab. Die wahre Ursache der Jugendarbeitslosigkeit sei eine verfehlte Bildungs- und Migrationspolitik. Geht auch die Freiburger Schule in eine falsche Richtung?

Eine solche Aussage ist grundsätzlich problematisch, weil sie von einem Ursache-Wirkungs-Gesetz ausgeht. Die Schule schneidet dabei immer schlecht ab. Das Muster ist bekannt und zu einfach. Andererseits ist es tatsächlich so, dass die Migrationspolitik für die Schule eine sehr wichtige Frage ist.

Hat die Freiburger Schule ein Konzept entwickelt für die Integration von Ausländerkindern?

Wir sind im Moment daran, ein Konzept zu erarbeiten, wie fremdsprachige Schüler noch besser integriert werden können. Auf unserem Amt gibt es eine Person mit einer 40-Prozent-Anstellung, die für diese Fragen verantwortlich ist. In Flamatt gibt es seit Jahren Integrations- und Förderklassen für Fremdsprachige. Und die Primarschule Schönberg arbeitet bei einem interkantonalen Projekt mit, bei welchem es um die Migrationsproblematik geht.

Früher sei der Unterricht auf den Leistungswillen, die Belastbarkeit und Zuverlässigkeit ausgerichtet gewesen, betont die SVP. Heute scheine nur noch die Sozialkompetenz zu zählen. Was sagen Sie zu solchen Pauschalisierungen?

Es ist nicht so, dass nur noch die Sozialkompetenz zählt. Wir aber gehen von einem neuen, ganzheitlichen Leistungsbegriff aus. Wir sprechen von Sach-, Sozial- und Selbstkompetenz. Diese Kompetenzen wurden auch im neuen Zeugnis integriert. Selbstverständlich bleibt die Sachkompetenz der wichtigste Bereich. Wir wollen die Schüler aber auch in der Sozial- und Selbstkompetenz beurteilen und vor allem darin fördern.

Im Zeugnis

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