Gastkolumne 09.12.2017

«Fribourg» muss auch «Freiburg» bleiben

Eine Fusion Grossfreiburgs ohne Einbezug der Deutschfreiburger Nachbarsgemeinden sei ein epochaler Fehler, glaubt Gastautor Stanislas Rück.

Die Stadt Freiburg und acht weitere französischsprachige Gemeinden haben ihre Fusionsversammlung gewählt und können sich auf den Weg machen. Das bewusste und gewollte Abseitsstehen der deutschsprachigen Grenzgemeinden bei den Fusionsprojekten der Kantonshauptstadt mag zwar eine mehrheitliche Meinung in den entsprechenden Gemeinden widerspiegeln und somit politisch legitim sein, dennoch ist es ein epochaler Fehler, und zwar aus allen nur denkbaren Perspektiven.

Eine Fusion des Grossraums Freiburg ohne gleichzeitige Ausdehnung des deutschsprachigen Gemeindegebietes bedeutet im Grunde nicht mehr und nicht weniger als die mittelfristige Aufgabe des Anspruchs auf eine zweisprachige Hauptstadt und einen zweisprachigen Kanton. Für Deutschfreiburg ist es ein kläglicher Rückzug in die Minderheitenrolle, mit der man sich nicht nur begnügt, in der man sich leider vielmehr auch bequemt und gefällt.

Historisch ist es ein Bruch und kulturell ein Schiffbruch, der die Identität des Kantons und seiner Hauptstadt infrage stellt. Wirtschaftlich ist es, innerhalb wie ausserhalb des Kantons, ein weiteres Schwächezeichen für den Standort Freiburg und damit ein Luxus, den wir uns eigentlich nicht leisten dürften. Raumplanerisch ist es eine vertane Chance, die umso bedenklicher ist, als mit der 211 Millionen teuren Poyabrücke nun endlich eine effiziente Verbindung über den Saanegraben bestünde. Nicht zuletzt ist es auch ein herber Rückschlag für alle einheimischen und zugewanderten Deutsch-, Französisch- und Zweisprachigen, die sich in und um Freiburg in Bildung, Wirtschaft und Kultur für eine Partnerschaft auf Augenhöhe und eine pragmatisch gelebte Zweisprachigkeit einsetzen.

Von den betroffenen Gemeinden ist nicht viel zu erwarten. Sie verfolgen mit Scheuklappen versehen ihre lokalen Zielsetzungen. Dass dieser Massstab und dieser Blickwinkel der Sache freilich nicht gerecht werden, liegt auf der Hand. In einem Artikel der NZZ von letztem Sommer zur Nutzung von Holz zur Stromgewinnung wurde von einer Anlage in der Gemeinde Düdingen bei Bern berichtet ... Man mag darüber lächeln und sich dabei vielleicht sogar schlaumeierisch die Hände reiben. Aber für den Kanton und besonders auch für den Sensebezirk steht viel mehr auf dem Spiel als ein paar kurzlebige wirtschaftliche Schnäppchen. So wie die Schweiz ihre Stärke aus der Vielfalt schöpft, so steht und fällt das Wesen unseres Kantons mit seiner Fähigkeit, aus dem Spannungsfeld zweier Kulturkreise zu schöpfen. Darin liegt sogar eine nationale Komponente des kommenden Fusionsprojektes. Dass dies nicht immer reibungslos gelang und gelingt, ist noch lange kein Grund, der Sache den Rücken zu kehren. Gerade das Senseland hat in der Vergangenheit mit klugen Köpfen und interner Migration immer wieder stark zur Entwicklung der Kantonshauptstadt beigetragen. Eben daraus hat sich das spezifisch Freiburgische entwickelt, jenes geschmeidige und selbstverständliche Mit- und Nebeneinander, welches uns auf nationaler Ebene immer wieder Tür und Tore öffnet. Ausserhalb dieser Rolle wird sich gerade die Identität Deutschfreiburgs im grauen Einheitsbrei des Mittellandes auflösen, und dem Kanton bleibt dann nur noch die Folklore des Greyerzerlandes zwischen Alpabzug und Sennentracht, um sich von seinen grossen Nachbarn abzuheben. Damit Fribourg auch Freiburg bleibt, sollte die Kantonshauptstadt unbedingt auf beiden Seiten der Saane wachsen, und die deutschsprachigen Grenzgemeinden wären gut beraten, in der kommenden Fusionsversammlung wenigstens vom vorgesehenen Beobachterstatus Gebrauch zu machen. Alles andere ist Vogelstrausspolitik, deren Preis die künftigen Generationen bezahlen werden.

«Für Deutschfreiburg ist es ein kläglicher Rückzug in die Minderheitenrolle, in der man sich gefällt.»