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Sándor Márai bricht ein Tabu

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Autor: Aldo Fasel

«Es war keine geringe Sensation, als die Verwalter des Nachlasses von Sándor Márai nach dem einsamen Tod des Schriftstellers in San Diego das Manuskript eines Romans fanden, das niemals gedruckt worden war», schrieb «Die Welt». Der hier vorgestellte, äusserst eindrückliche Reportageroman «Befreiung» erzählt vom Heranrücken sowjetischer Truppen und von der Hölle der Eroberung Budapests.

Vom Regen in die Traufe

Zwar befreiten die Russen die Stadt vom nationalsozialistischen Terror – deutsche Besatzer, unterstützt von den ungarischen Pfeilkreuzlern -, doch auf der andern Seite wurde den Ungarn zugleich ein neues unerbittliches, kommunistisches Regime übergestülpt. Sprichwörtlich wurde die Cholera mit der Pest vertrieben! Bis zum Fall der Berliner Mauer 1990 sollten die Ungarn unter der sowjetischen Knute verharren müssen.

Márais Buch wurde nach dem Krieg nicht veröffentlicht, Diktaturen vertragen keine Wahrheiten. Dass die Vergewaltigung «feindlicher» Frauen totgeschwiegen wurde, war gerade für die Opfer eine ungeheure psychische Belastung.

Es sind diese Tabuthemen, welche Márai in seinem Buch bricht. Die Befreiung war eine Erlösung und zugleich Konfrontation mit einer Katastrophe, welche die Bevölkerung zuerst unmittelbar und später nachhaltig heimsuchen sollte.

Im Buch lesen wir über die Hauptfigur Erzsébet, auch sie Opfer einer Vergewaltigung durch einen sibirischen Soldaten: «Sie hat die Menschen erlebt, wirklich, so, wie sie sind, wenn kein Gesetz, keine Religion und keine Regel sie mehr verbindet.»

Zauberwort Befreiung

Die Handlung in Kürze: Erzsébet hat ihren von den Behörden verfolgten Vater verstecken können, wenn auch unter menschenunwürdigen Umständen. Sie ist einem Abtransport entkommen und wartet in einem Luftschutzkeller auf ihre Befreiung, eine Art Zauberwort, das sie kaum füllen kann, denn das Leben zwischen den Menschen, die hier zusammengepfercht sind, die eigentlich nur die Mangelsituation verbindet, die sonst aber nach Herkunft und Lebensgewohnheiten nicht unterschiedlicher sein könnten, ist mehr als krass. Erzsébet führt unzählige Gespräche mit Leuten von unterschiedlichster Herkunft und macht die Erfahrung, dass es ungemein wichtig ist, eigene Vorurteile zu überdenken.

Sie wünscht sich nichts mehr als die Überwindung des Hasses zwischen den Menschen. Doch, die Geschichte beweist es uns Tag für Tag, es bleibt reines Wunschdenken. Nach der Befreiung folgt die grosse Desillusion, friedliches Miteinander wird weiterhin nicht möglich sein.

Den Hass überwinden

Weshalb ist es so zu begrüssen, dass dieses Buch – nach über 60 Jahren – veröffentlicht wurde und nun auch in deutscher Sprache erschienen ist? Zum einen wird gesagt, was gesagt werden muss! Hier werden, spät, aber nicht zu spät, auch die Verbrechen der Sieger benannt und gebrandmarkt. Man erinnert sich unweigerlich an Herta Müllers «Atemschaukel» (Literaturnobelpreis 2009). Zum andern bekommen die unzähligen anonymen Opfer endlich eine Stimme.

Der Roman ist ein Stück Zeitgeschichte, er erinnert noch einmal an eine Zeit, die wohl nie ganz überwunden werden kann. Das Werk fasziniert, obwohl es mitunter drastische und traumatische Erlebnisse schildert. Nicht ausdrücklich zu empfehlen für zart besaitete und sensible Gemüter.

Márai, Sándor: Befreiung. Roman – München: Piper, 2010. – 194 S. Aus dem Ungarischen übersetzt.

Aldo Fasel ist Leiter der Volksbibliothek Plaffeien-Oberschrot-Zumholz.

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