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«Sprache ist Lebensqualität»

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Eine Frau erleidet einen Schlaganfall. In ihrem Gehirn ist jener Bereich geschädigt, der für die Sprachverarbeitung zuständig ist. Sie hat Mühe, sich auszudrücken, findet die passenden Worte nicht, sagt zum Beispiel «Kaltofen», weil ihr der Begriff «Kühlschrank» gerade nicht mehr einfällt, und kann keine richtigen Sätze mehr bilden. Sie kommuniziert, wenn überhaupt, nur noch im Telegrammstil mit ihrer Umwelt – und isoliert sich so immer mehr von ihrem Umfeld. Dieses Beispiel einer Patientin mit einer zentralen Sprachstörung, einer sogenannten Aphasie, zeigt, wo Logopädie zum Einsatz kommt. «Die Sprache ist nicht weg, nur der Zugang zur Sprache ist nicht mehr da», erklärt Irène Baeriswyl. Wie ihre Berufskollegin Anne Hurni ist sie freischaffende Logopädin mit eigener Praxis in Freiburg. Die beiden Frauen erklären zum Tag der Logopädie von heute Mittwoch, warum die Arbeit von Erwachsenen-Logopädinnen in den letzten Jahren immer wichtiger geworden ist.

«Kommunikation ist extrem wichtig in unserer Gesellschaft. Wenn die Betroffenen sich nicht mehr sprachlich ausdrücken können, ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben eingeschränkt», sagt Irène Baeriswyl. Dann spiele es keine Rolle mehr, ob man Uni-Professor oder Bauarbeiter sei. «Sprache ist auch Lebensqualität», ergänzt Anne Hurni. Deshalb gewinne ein Patient, der nach und nach seine Sprachfähigkeit teilweise oder auch ganz wieder erlangt, auch mehr Lebensqualität zurück. Dies gelte nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für deren Umfeld. «Für die Partner oder die Kinder ist es nicht einfach, wenn plötzlich die Kommunikation nicht mehr funktioniert, dadurch ändern sich die Beziehungen, bei allen entsteht ein Leidensdruck.»

Jeder Fall ist anders

Das Einsatzgebiet der freischaffenden Erwachsenen-Logopädinnen ist sehr breit. Sie betreuen zum Beispiel Menschen, die nach der operativen Entfernung eines Gehirntumors unter Wortfindungsstörungen leiden oder bei denen wegen Kehlkopf-Krebs oder einer Schilddrüsen-Operation die Funktion der Stimmbänder beeinträchtigt oder gar ein Stimmband gelähmt ist. Sie zeigen Parkinson-­Patienten, wie sie ihre Stimmkraft einsetzen und ihre Artikulationsfähigkeit verbessern können. Anderen geben sie Ratschläge, wie sie mit gewissen Nebenwirkungen auf Sprache, Stimme und Schluckablauf umgehen können.

«Jeder Fall ist anders, und jeder Patient braucht ein eigenes Therapiekonzept», sagt Anne Hurni. «Und es kommen nicht nur ältere Leute zu uns, sondern auch junge Leute, die etwa nach einem Autounfall oder einer Hirnblutung an Sprachstörungen leiden.» Die Patienten werden nach einer logopädischen Erstbetreuung in einem Spital an sie überwiesen. «Die Leute werden heute vom Spital immer früher nach Hause geschickt. Oft dauert es zu Hause eine Weile, bis klar wird, dass die auftretenden Sprachstörungen schwerwiegend sind und den Alltag stark beeinträchtigen», sagt Anne Hurni. «Viele Patienten versuchen dies eine Weile zu überdecken, indem sie ausweichen und auf Fragen nur mit Ja oder Nein oder Floskeln antworten.»

Doppelte Sprachprobleme im HFR

Damit die Kosten für die logopädische Therapie gedeckt sind, braucht es immer eine Überweisung durch einen Arzt (siehe Kasten). Die Zusammenarbeit mit den Ärzten sei generell sehr gut. Doch sei im Freiburger Spital HFR die logopädische Versorgung der Patienten in deutscher Sprache nicht gewährleistet. Patienten mit einer Aphasie sind darauf angewiesen, dass die Therapie sofort und intensiv in ihrer Muttersprache einsetzt. Dies ist ein Problem, weil im Kantonsspital nur eine französischsprachige Logopädin beschäftigt ist und sie zudem nur in einem 60-Prozent-Pensum arbeitet. «Je länger man bei einer Störung mit der Therapie wartet, desto schwieriger wird es», so Anne Hurni.

Apropos Fremdsprache: Irène Baeriswyl erzählt, dass sich eine Sprachstörung bei zweisprachigen Menschen stärker auf die Zweitsprache auswirkt. «Die Muttersprache bleibt häufig besser erhalten, während die zweite Sprache fast völlig weg ist.» Das habe damit zu tun, dass die Muttersprache und später erlernte Sprachen an verschiedenen Orten abgespeichert würden.

Die Frage nach den Heilungschancen werde ihnen oft gestellt, könne aber nie absolut beantwortet werden, sagt Irène Baeriswyl. «Es hängt von zu vielen Faktoren ab, zum Beispiel davon, wie stark die Schädigung ist und wie schnell der Betroffene medizinisch und logopädisch behandelt wird.» Nicht zuletzt spiele auch die Motivation des Patienten eine grosse Rolle. Sie erzählt von einem Patienten, der an einer totalen Aphasie litt, aber grossen Einsatz zeigte und zu Hause jeden Tag eisern die Übungen am Computer machte und nie aufgab. «Heute spricht er wieder recht gut.» Das sei für sie das Schönste, sagen die beiden Fachfrauen übereinstimmend: «Wir staunen manchmal selber, wie frappant die Fortschritte auch bei schweren Fällen sind», sagt Anne Hurni. Oft sei es auch eine ­Frage der Zeit. «Es braucht eine Weile, bis die Therapie Wirkung zeigt.» Da kommen die Logopädinnen und ihre Klienten ab und zu in einen Clinch mit den Krankenkassen, welche die Kosten nur für eine beschränkte ­Dauer übernehmen wollen (siehe auch Kasten).

Störung baut sich über Jahre auf

Neben all den Patienten mit krankheits- oder unfallbedingten Ursachen für eine Sprachstörung kommen auch Menschen zu ihnen in die Praxis, die berufsbedingt Probleme mit der Stimme bekommen: Sänger, Manager, Verkäufer und vermehrt auch Lehrpersonen. «In der Ausbildung zum Lehrberuf wäre es wichtig, Stimmpflege zum Thema zu machen», sagt Irène Baeriswyl. Für Lehrerinnen und Lehrer ist die Stimme ein wichtiges Instrument, das durch Stress beeinträchtigt werden kann. «Es kann zu Entzündungen oder sogar zu Knötchen auf den Stimmbändern kommen.» Oft dauere es eine Weile, bis Beschwerden als Störung erkannt würden. «Das kann sich über Jahre aufbauen – so lange, bis eine Schädigung da ist, was die Therapie verlängert.»

Die beiden haben auch Burnout-Patienten, bei denen unter anderem die Stimmfunktion beeinträchtigt ist, obwohl keine physische Ursache zu finden ist. Die Behandlung von Stimmstörungen erfordert eine Zusammenarbeit mit anderen Fachleuten, beispielsweise mit Psychologen oder Psychiatern, sagt Anne Hurni. In diesen Fällen ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit unerlässlich.

Zu den Personen

Freischaffende Logopädinnen

Anne Hurni hat nach einer Ausbil­dung zur Lehrerin an der Uni Freiburg Logopädie studiert. Sie war im ambulanten Schuldienst tätig und ist seit 25 Jahren freischaffende Logopädin. Zehn Jahre war sie Teilzeit beim Amt für Sonderpädagogik tätig. Anne Hurni ist 65 Jahre alt und wohnt in St. Ursen. Irène Baeriswyl hat zehn Jahre als Lehrerin gearbeitet und dann Logopädie studiert. Sie hat im Inselspital und im logo­pädischen Dienst des Heilpädagogischen Ins­tituts gearbeitet. Nach einem Aufenthalt in den USA hat sie an der Uni Freiburg ein Lizenziat in Heil­pädagogik und Psychologie erworben, baute dann im Kanton Freiburg die Informationsstelle für Autismusfragen am Heilpädagogischen Institut auf und leitete den Frühberatungsdienst und die Therapiestelle der Stiftung Les Buissonnets. Seit 20 Jahren hat Irène Baeriswyl eine eigene Praxis in Freiburg. Sie ist 70 Jahre alt und wohnt in Freiburg.

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Weg in die Selbstständigkeit

Hohe Hürde, um anerkannt zu werden

Im Kanton Freiburg sind über 200 Logopädinnen und wenige Logopäden meist in Teilzeit (67 Vollzeitstellen) in Schuldiensten und Ins­titutionen angestellt. Die meisten von ihnen arbeiten im schullogopädischen Dienst, wo sie Primar- und Sekundarschüler betreuen. Einige sind in Spitälern angestellt. Nur 13 Logopädinnen und ein Logopäde arbeiten mit Erwachsenen, ihre Tätigkeit entspricht 5,5 Vollzeitstellen. Von diesen 14 Fachpersonen arbeiten 10 freischaffend (3,5 Vollzeitstellen) und 4 in Kliniken und Rehabilitationseinrichtungen. «Das ist viel zu wenig angesichts der grossen Nachfrage», sagen Anne Hurni und Irène Baeriswyl übereinstimmend.

Den Grund dafür sehen sie nicht zuletzt darin, dass die Schwelle für Berufskolleginnen und -kollegen, von den Krankenkassen anerkannt zu werden, derzeit sehr hoch sei. Die Verordnung zum Krankenversicherungsgesetz sieht vor, dass Logopädinnen zwei Jahre in einer Klinik gearbeitet haben müssen, bevor sie sich selbstständig machen dürfen und eine Krankenkassennummer erhalten. «Es gibt aber sehr wenig solcher Ausbildungsplätze», sagt Anne Hurni. Neuerdings gibt es eine Übergangsregelung, die aber ebenso schwer zu erfüllen ist. Die Logopädinnen müssen eine gewisse Zeit in einer Klinik und eine gewisse Zeit in einer Praxis gearbeitet haben, wo sie ihre Tätigkeit unter der Supervision einer anerkannten Logopädin, die mindestens 80  Prozent mit Erwachsenen arbeitet, ausüben. «Das ist nicht realistisch, weil kaum eine Logopädin Vollzeit mit Erwachsenen arbeitet», sagt Anne Hurni.

Dazu komme, dass mit der Ausbildung vor allem eine allgemeine theoretische wie auch praktische Basis für die Arbeit mit Erwachsenen gelegt ist. «Die spezifischen Methoden, wie man mit den einzelnen Sprachstörungen umgeht, muss jede Logopädin mithilfe von Weiterbildungskursen erwerben. Als Freischaffende bezahlen wir diese teuren Kurse aus der eigenen Tasche», sagt Irène Baeriswyl. «Wir sind ständig gefordert, weil jede Störung einen anderen therapeutischen Ansatz braucht.» Das mache die Arbeit spannend, aber auch herausfordernd.

So kommt es, dass immer weniger Logopädinnen den Weg wählen, selbstständig und mit Erwachsenen zu arbeiten. «Von unserer Generation gehen aber immer mehr in Pension», sagt Irène Baeriswyl. Sie selbst will sich mit ihren 70 Jahren auch zurückziehen. «Nur wenig neue Logopäden sind dazugekommen. Gleichzeitig nimmt die Nachfrage nach unseren Diensten stetig zu. Man kann, ohne zu übertreiben, sagen, dass es im Kanton Freiburg einen Logopädie-Notstand gibt», sagt Anne Hurni. Die beiden Frauen hoffen, dass der schweizerische Berufsverband die Verhandlung mit dem Bund wieder aufnimmt und bessere Anerkennungsbedingungen aushandeln kann. «Sonst befürchten wir, dass viele Menschen mit Sprachstörungen auf der Strecke bleiben.»

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Kommentar (1)

  • 17.07.2021-Stefan Lehner

    Erstaunlich, dass Sprach- und Stimmstörungen so wenig Aufmerksamkeit bekommen, ist doch die Sprache das wichtigste Mittel der Kommunikation, die Stimme das Mittel der emotionalen Verbindung.

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