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Viele Freiburger Landgemeinden waren um 1800 sehr «bildungsbewusst»

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«Im Kanton Freiburg gingen in gewissen Gemeinden um 1800 alle Kinder in die Schule, auch die Mädchen. Und der Unterricht war für sie meist gratis. Das ist eine Sensation», sagt Michael Ruloff, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz und Schwyz, gegenüber den FN und räumt so mit Vorurteilen auf, wonach Freiburg und insbesondere die ländlichen katholischen Gegenden zu jener Zeit als rückständig galten und der Analphabetismus vorherrschte. 18 Freiburger Schulen hat er analysiert und sie mit Schulen in sieben andern Kantonen verglichen (siehe Kasten). Wegen der Zweisprachigkeit und weil der Kanton vorwiegend katholisch war, hat ihn der Schulbesuch in Freiburg interessiert.

Freiburg auf Rang drei

Nach seiner Analyse figuriert Freiburg hinter den Kantonen Waadt und Thurgau auf Rang drei, was den Schulbesuch betrifft. Freiburg ist somit noch vor Kantonen wie Basel-Land, Luzern, Solothurn, Glarus oder Zürich klassiert. «Erstaunlich ist auch, dass einige Lehrpersonen in Freiburg gebildet waren. Sie hatten eine theologische oder kaufmännische Ausbildung. Und sie waren nicht selten auch Organist oder übten eine andere intellektuelle Tätigkeit aus, jedenfalls keine handwerkliche. In andern Kantonen hatten die Lehrer oft nicht dieselbe Vorbildung. Darüber hinaus mussten sie neben der Lehrtätigkeit landwirtschaftlich oder handwerklich tätig sein, um über die Runden zu kommen», fügt er bei.

Der Einfluss der Kirche

Den hohen Schulbesuch führt Ruloff auf den Einfluss der Kirche zurück, welche die Schulen finanziell tatkräftig unterstützte und ihnen religiöse Bücher zur Verfügung stellte. In Châtel-St-Denis wurden die Kinder nach Geschlecht getrennt unterrichtet. Den Knaben wurde auch Latein beigebracht. Im frühen 19. Jahrhundert existierte gar eine Lateinschule, die als Vorbereitung für den Weiterbesuch des Kollegiums St. Michael in Freiburg diente, das von den Jesuiten geprägt war. Ruloff hat festgestellt, dass manchmal auch wohlhabende Bürger die Schulen finanziell unterstützt haben. Zudem weist er darauf hin, dass auch die Bauern interessiert waren, dass ihre Kinder ein gewisses Mass an Bildung genossen, da die Landwirtschaft Überschüsse produzierte und Handel getrieben wurde.

Einige Unterschiede

Michael Ruloff räumt ein, dass es im Kanton Freiburg durchaus auch Unterschiede im Schulbesuch je nach Gemeinde gab. Fasziniert hat ihn das Beispiel von Autigny (siehe Kasten). Dort unterrichtete der Lehrer gleichzeitig auch in den benachbarten Gemeinden Chénens und Cottens. So dauerte der Unterricht in jeder dieser Gemeinden täglich nur zweieinhalb Stunden. «Der Lehrer musste also nach zweieinhalb Stunden zur andern Gemeinde wandern, was er als mühsam empfand.» Unterschiede gab es aber auch, was die Winter- und Sommerzeit betraf. Nicht in allen Gemeinden wurde im Sommer unterrichtet, da die Kinder in der Landwirtschaft gebraucht wurden.

Differenzen existierten eben­falls in Bezug auf die Klassenbestände: «Bemerkenswert ist, dass in Freiburg vergleichsweise relativ kleine Schulen geführt wurden. In den untersuchten Gemeinden lag der Schnitt bei 47 Kindern im Schulzimmer, was hinter dem Kanton Waadt der niedrigste Wert der acht Kantone ist. In kleinen Weilern wurden etliche Schule gar nur mit 15 bis 20 Schülerinnen und Schülern geführt», hält Ruloff fest. Dass die Waadt besser abschneidet als Freiburg, führt er auf ihre rege Handelstätigkeit zurück, was den Kanton viel reicher machte und er deshalb bereits eine relativ gute Verwaltung und eine gut ausgebaute Infrastruktur besass.

Vier Beispiele aus ländlichen Gemeinden

Wie sahen die Schulen in Freiburg um 1800 aus?

In Autigny war im Jahre 1799 ein 30-jähriger Greyerzer als Lehrer tätig, der in Freiburg während drei Jahren Theologie studiert hatte. Er unterrichtete Lesen, Schreiben und Arithmetik. Ausserdem leitete er die Kinder im Chorgesang. Gelesen wurden verschiedene Katechismen. Der Lehrer wurde von der Pfarrei angestellt und verdiente viel mehr als die andern Lehrer in der Region. Neben der Schule hatte er aber auch als Notar und Kirchendiener zu arbeiten. Das von der Pfarrei renovierte Schulgebäude befand sich in einem guten Zustand. Das Schulgeld war wir folgt geregelt: Wer Kinder hatte, musste monatlich oder jährlich einen Beitrag leisten. Die Schule wurde vom Pfarrer inspiziert. In jedem Dorf – Auti­gny, Cottens, Chénens – wurden gut 30 Kinder unterrichtet. Die Schule fand während zehn Monaten im Jahr statt, im Sommer wurde sie etwas schlechter besucht, weil gewisse Kinder in der Landwirtschaft benötigt wurden. Der Schulbesuch war hoch, wohl auch deshalb, weil der Unterricht in jedem Dorf täglich nur zweieinhalb Stunden dauerte.

In der Schule von Burg wurden im Jahre 1799 101 Kinder von den drei Gemeinden Burg, Lurtigen und Altenfühlen sowie 16 von andern Gemeinden unterrichtet. Sie wurden gelehrt zu buchstabieren, zu lesen, auswendig zu lernen, zu schreiben und Geschriebenes zu lesen, aber auch zu beten und zu singen. Gelesen wurden der «Heidelbärgesche Catechismus», Psalmen, Festgesang, Capitel und Hübners Historien. «Im Schreiben schreibt der Schulmeister vor, dass sie selber abschreiben können», hält der damalige Lehrer fest. Die Schule wurde im Winter von Anfang Wintermonat bis Mariä Verkündigung gehalten, und zwar von acht bis halb zwölf und von ein bis vier Uhr. Im Sommer wurde an Samstagen unterrichtet. Das Schulhus war alt und ziemlich baufällig. «Für die grosse Zahl Kinder ist die Schulstube zu klein, dass nicht möglich wäre, alle Kinder zu den Tischen zu setzen», schrieb der Lehrer damals, der vom Pfarrherrn eingesetzt und vom Richter gutgeheissen worden war. Schulgeld gab es nicht. Der Lehrer wurde von den Gemeinden und von verschiedenen Legaten bezahlt.

In Domdidier unterrichtete damals ein 36-jähriger Kaplan aus Domdidier selber, der zuvor während zehn Jahren in Freiburg und zwei Jahren in Paris tätig gewesen war. Zur Pfarreischule kamen im Winter 94 Kinder, während der Erntezeit besuchten zwischen 20 und 40 Schüler die Schule. Es gab nur ein Klassenzimmer. Im Schulgebäude wohnte auch der Kaplan. Schulgeld gab es nicht, der Lehrer wurde von der Gemeinde bezahlt, wobei er ebenfalls mit Mehl und Holz versorgt wurde. Auch alle Haushalte – rund 112 – mussten ihm einen Achtelsack Roggen abtreten. Unterrichtet wurden Lesen, Schreiben, Arithmetik, für die, die wollten, sowie Religion. «Die Kleinsten lesen ein ABC-Büchlein. Dann verschiedene Bücher, auch Jugendbücher, die ebenfalls für die schlechten Schüler geeignet waren, um ihre Herzen zu öffnen. Die guten Schüler lesen Zeitungen wie die Gazette Nationale de France und Schriften», lautete damals die Antwort auf die entsprechende Frage. Der Unterricht dauerte vom Tagesanfang bis elf Uhr, und von Mittag bis zwei oder drei Uhr.

In Murten unterrichtete damals ein 50-jähriger Lehrer aus dem Amt Lörrach (Deutschland) die Knabenschule. Er war dort ausgebildet worden und war schon von 16. Altersjahr an Schulmeister. Unterrichtet wurden Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion (Bücher auswendig lernen), Grammatik und Musik zum Erlernen der Kirchengesänge. Die Schule dauerte täglich sechs Stunden, im Sommer und im Winter. «Im Sommer und Winter sollen wöchentlich während zwei Stunden alle Kinder aus den übrigen Schulen, auch die Mädchen, zum Sing-Unterricht in diese Schule kommen», ist der Umfrage zu entnehmen. Die Knaben waren in zwei oder drei Klassen eingeteilt. «Schulbücher sind nur jene, welche für die Religion gehören, eingeführt; andere Wissenschaftliche hat bis dahin der Lehrer selber hergegeben», lautete die Antwort auf die Frage nach den Schulbüchern. Bezahlt wurde der Lehrer von den Einkünften aus den Stadtgütern. Er wurde aber auch mit Getreide und Holz versehen. Schulgeld mussten «Hintersäss-Knaben» und solche, die nicht Bürger waren, bezahlen.

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Umfrage von Bildungsminister Stapfer

Erst nach rund 200 Jahren ausgewertet und analysiert

Ausgangspunkt für die Analyse des Schulbesuchs war eine Umfrage, die der damalige Schweizer Bildungsminister Philippe Albert Stapfer im Jahre 1799 in etwa 2800 Schweizer Schulen durchführen liess. Er wollte von den Lehrpersonen erfahren, wie sie ihre Schule gestalten. 2400 Antworten gingen ein, wie Michael Ruloff sagt. Ausgewertet wurden sie damals aber nicht – auch wegen den politischen Unruhen in der Helvetik. «Philipp Albert Stapfer flüchtete im Frühjahr 1799 von der damaligen Hauptstadt Luzern nach Bern und ging später nach Frankreich», hält Ruloff fest, weshalb die Antworten nicht ausgewertet wurden. An der Universität Bern hat Michael Ruloff diese Arbeit gut 200 Jahre später zusammen mit einem zehnköpfigen Team im Rahmen einer Doktorarbeit ausgeführt: «Alle Antworten mussten digitalisiert werden», umschreibt er die Riesenarbeit.

Er selber hat die Antworten aus acht Kantonen ausgewertet und seine Analyse in einem Buch festgehalten. 18 Schulen hat er im Kanton Freiburg unter die Lupe genommen. Was Deutschfreiburg betrifft, so lagen nur die Antworten von drei Gemeinden im Murtenbiet vor. Ruloff vermutet, dass die Antworten vieler Freiburger Gemeinden verloren gingen oder einem Brand zum Opfer gefallen sind, wie ihm dies bei einem Besuch des Staatsarchivs in Freiburg jedenfalls gesagt wurde.

Antworten sind abrufbar

Wer sich interessiert, was die Lehrpersonen oder die Behörde damals auf die vielen Fragen des Bildungsministers Stapfer geantwortet haben, kann dies unter http://www.stapferenquete.ch nachschauen, indem auf «Edition» geklickt wird. Dort sind nebst den 18 von Michael Ruloff untersuchten Schulen auch die Antworten von andern Freiburger Gemeinden zu finden, zum Beispiel von Murten, Muntelier oder Burg.

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Weitere Informationen zum Buch: Michael Christian Ruloff: Schule und Gesellschaft um 1800. Der Schulbesuch in der Helvetischen Republik. 241 Seiten. Erschienen beim Verlag Julius Klinkhardt (http://www.klinkhardt.de/verlagsprogramm/2181.htm). Die digitale Version des Buches ist unter (http://www.pedocs.de) kostenlos verfügbar.

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