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«Wenn es mir auf Deutsch nicht einfällt, sage ich es ganz einfach auf Welsch»

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Die Unterstadt zählt nicht nur zu den romantischsten Plätzen in ganz Freiburg, sondern wohl auch zu den interessantesten in sprachlicher Hinsicht. Die Autorin Fränzi Kern-Egger erzählt von der Fusion zweier Sprachen und Kulturen, die im Bolz ihren ganz eigenen Ausdruck gefunden hat.

 

 Fränzi Kern-Egger, wie sind Sie dazu gekommen, Texte auf Bolz zu verfassen?

 Das ist dem früheren Studiendirektor des Lehrerseminars, Hugo Vonlanthen, zu verdanken. Für eine Veröffentlichung des Deutschfreiburger Heimatkundevereins war er auf der Suche nach einem Text aus der Freiburger Unterstadt. Er hat mich dazu angefragt. Ich habe zugesagt. Und das Resultat scheint Kreise gezogen zu haben – wie wenn man einen Stein ins Wasser wirft.

 

 Und Sie haben so gleichzeitig den Zugang zum Bolz für eine grössere Gruppe von Sprachinteressierten erleichtert.

 Obwohl man nicht vergessen darf, dass sich Bolz – gerade zu Beginn – ziemlich schwierig lesen lässt. Aber es hat bestimmt dazu beigetragen, Bolz über die Freiburger Grenzen hinauszutragen. Gerade Lesungen in verschiedenen Mundartvereinen spielten und spielen dabei noch immer eine grosse Rolle.

 

 Wie bringen Sie das Phänomen Bolz einer Person näher, die davon weder jemals gehört noch gelesen hat?

 Als Allererstes gebe ich immer ein «échantillon» zum Besten – etwa ein kleines Gedicht – und warte die Reaktionen ab. Häufig blicke ich dann in fragende Gesichter. Wobei das Problem für den unkundigen Hörer oder Leser häufig nicht nur die französische Komponente des Bolz ist, sondern auch die senslerdeutsche. Deshalb versuche ich immer auch zu erklären, was es heisst, an einer Sprachgrenze zu leben und wie es sich aus sprachhistorischer Sicht mit Freiburg und dem Bolz verhält.

 

 Was sind denn die sprachhistorischen Hintergründe Freiburgs?

 Früher wurde in der Stadt Freiburg noch viel mehr Deutsch gesprochen als heute. Deutsch war die offizielle Amtssprache seit 1481 – eine der «conditions», damit Freiburg überhaupt in den Eidgenössischen Bund eintreten durfte – und das bis 1798. Dann war es Napoleon, der den Freiburger Patriziern das Geschenk machte, das Französisch, welches in der Stadt bereits seit längerer Zeit überhandgenommen hatte, auch offiziell zur Hauptsprache zu ernennen.

 

 Und im 19. Jahrhundert folgte dann eine massive Einwanderung von Sensler Arbeitern in die Stadt Freiburg.

Richtig. Die Einwanderer kamen in ihrem Alltag nun mit der welschen Sprache in Kontakt, aber nur die wenigsten beherrschten sie auch. Sie halfen sich durch das Einbinden von französischen Wörtern und Halbsätzen in den eigenen «discours». Umgekehrt übernahmen auch Welsche deutsche Einsprengsel in ihre Sprache. Generell kann man sagen, dass es an Sprachgrenzen immer zu Vermischun- gen zwischen den Sprachen kommt, auch wenn dies nicht überall gleich intensiv passiert, wie es vielleicht in Freiburg mit dem Bolz der Fall ist. Auch wenn es eigentlich unzulässig ist, von dem einen Bolz zu sprechen: Gibt es doch so viele Varianten des Bolz, wie es Sprecher gibt.

 

 Wieso nennt man die Unterstadt-Dialektvariante überhaupt Bolz?

 Dazu gibt es einige Theorien–etwa, dass der Name auf einen Sprecher namens Bolz oder auf eine Holzstuhlfabrik im Galterental zurückgeht, in der die Arbeiter mit Holznägeln, sogenannten Bolzen, hantieren mussten. Ich denke, die beste Erklärung ist jene des Sprachwissenschaftlers Walter Haas. Er vermutet, dass die Bezeichnung als Patois-Wort nach Freiburg gelangte und von den Greyerzern ursprünglich als abwertender Begriff für die Stadtfreiburger verwendet wurde, weil diese eben nicht mehr reines Französisch sprachen.

Und wie konnte das Bolz bis heute überleben?

 Bon, es gibt noch immer Freiburger Familien in der Unterstadt, die zweisprachig sind; manchmal mehr deutsch, manchmal mehr welsch. Dort mischen bereits die Kleinsten wild darauf los. Aber Bolz ist natürlich schon nicht mehr so stark vertreten wie etwa noch in den 1950er-Jahren.

 

 Aber mit Bolz liessen sich bestimmt noch heute Sprachgrenzen sprengen?

Davon bin ich überzeugt. Ich denke aber auch, dass die Freiburger Politik eine Zeit lang zu sehr darauf bedacht war, dass absolute Zweisprachigkeit nur nebeneinander funktionieren kann – anstatt miteinander. So wurde leider ein Stück weit auch ein wichtiger Aspekt, ein wichtiger Vorteil der Freiburger Sprachkultur vernachlässigt. Dabei ist das doch der grosse Vorteil im Bolz: Wenn mir ein Wort auf Deutsch nicht einfällt, dann sage ich es ganz einfach auf Welsch. Und in diesem Sinne ist Bolz doch nicht nur eine Fusion der Sprachen, sondern auch der Mentalitäten? Oder?

«An Sprachgrenzen kommt es immer zu Vermischungen zwischen den Sprachen.»

Fränzi Kern-Egger

Freiburger Autorin

«Die Freiburger Politik war eine Zeit lang zu sehr darauf bedacht, dass absolute Zweisprachigkeit nur nebeneinander funktionieren kann – anstatt miteinander.»

Fränzi Kern-Egger

Freiburger Autorin

«Das Problem für unkundige Hörer oder Leser ist beim Bolz auch die senslerdeutsche Komponente.»

Fränzi Kern-Egger

Freiburger Autorin

Zur Person

Leidenschaft für Musik und Literatur

Françoise Egger wurde 1946 im Freiburger Au-Quartier geboren und wuchs in der Schmiedgasse auf. Nach dem Tod ihres Vaters zog die 17-Jährige mit ihrer Mutter in eine am Stalden gelegene Wohnung. Sie besuchte das Lehrerseminar in Freiburg und unterrichtete drei Jahre im Schulhaus Neiglen, ehe es sie für viereinhalb Jahre nach Zürich verschlug. Dort studierte sie unter anderem Germanistik und französische Literatur. Es folgten Unterrichtstätigkeiten am Lehrerseminar und am didaktischen Zentrum in Freiburg, der Auszug aus der Unterstadt sowie 1977 die Heirat mit Michel Kern. Gemeinsam mit ihrem Mann – einem blinden Physiotherapeuten – spielte Fränzi Kern-Egger in Hausmusikensembles. Sie entdeckte ihre Leidenschaft für das Singen und Schreiben. 2011 verstarb Michel Kern im Alter von 83 Jahren. Zu ihren drei wichtigsten Veröffentlichungen zählt Fränzi Kern-Egger neben den Bolz-Büchern «Üsa Faanen isch as Drapùù» (1990) und «D Sùnenenerschyy vam ‹Solei Blang›» (2012) auch die deutsche Übersetzung der Autobiografie ihres Mannes «Weiter als die Augen reichen» (2005).mz

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