Claudia Volles Heimo 25.03.2014

Die Lehren aus dem grossen Bienensterben

Wenn Bienen auf Bäumen und Feldern Nahrung sammeln, bekommen sie oft auch eine Dosis Pflanzenschutzmittel ab.Bild zvg
Ein Pflanzenschutzmittel hat 2008 in Süddeutschland zu einem massiven Bienensterben geführt. Claudia Volles Heimo vom Zentrum für Bienenforschung erklärt die Hintergründe dieses verheerenden Vorfalls und sagt, welche Auswirkungen er auf die Schweiz hatte.

12 174 Bienenvölker sind im Jahr 2008 im süddeutschen Rheintal verendet, nachdem für die Maisaussaat das Pflanzenschutzmittel Clothianidin in Form von gebeiztem Saatgut eingesetzt wurde. 715 Imker waren betroffen, und der wirtschaftliche Schaden belief sich auf 2,25 Millionen Euro. Dieser Fall hatte Auswirkungen auf die Schweiz, denn auch hier wurde mit Clothianidin gebeiztes Maissaatgut verwendet. Claudia Volles Heimo kennt die Hintergründe des Vorfalls von 2008. Die wissenschaftlich-technische Mitarbeiterin im Zentrum für Bienenforschung im Forschungszentrum Agroscope hält am Freitag einen Vortrag zum Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und deren Auswirkungen auf die Bienenhaltung (siehe Kasten).

Unabhängige Tests

Ziel des Anlasses ist es unter anderem, den Imkern aufzuzeigen, wie die Kontrollen für Pflanzenschutzmittel durchgeführt werden. «Bevor das Bundesamt für Landwirtschaft sie zulässt, werden sie auf unannehmbare Nebenwirkungen für Mensch, Tier und die Umwelt getestet», erklärt sie. Diese Tests werden im Labor und wenn nötig auch in geschützten Tunnels oder in der Natur durchgeführt. Claudia Volles Heimo betont, dass die Prüfmethoden international anerkannt und unabhängig sind, also nicht von den Industriebetrieben entwickelt wurden, welche die Mittel produzieren.

Auf die Schweiz anpassen

In der Schweiz wertet die Expertin des Zentrums für Bienenforschung die im Ausland gemachten Tests aus oder fordert, wenn nötig, weitere Ergebnisse an. «Die Schweiz beurteilt ein Pflanzenschutzmittel nicht strenger, aber auf hiesige Verhältnisse angepasst und deshalb manchmal unterschiedlich», erklärt Claudia Volles Heimo. Topografie, Klima, Regionen und die Flächen, auf denen das Mittel angewandt wird, seien vielleicht anders als im Ausland. «Möglich ist auch, dass das Pflanzenschutzmittel im Ausland auf Obstbäumen angewendet wird, hier aber auf Kopfsalat. Dies ergibt für die Zulassung ein anderes Ergebnis.»

Fatale Kettenreaktion

Die Bienenspezialistin hält fest, dass in Süddeutschland 2008 ein Zusammenspiel von mehreren, kaum vorhersehbaren Faktoren zum verheerenden Ergebnis geführt hat. Das dort verwendete Insektizid war eine Beize, mit der die Maissaatkörner überzogen waren. «In diesem Fall haftete die Beize schlecht. Bei der Aussaat wurde eine Maschine verwendet, die den Staub des Beizmittels, der bei der Aussaat entsteht, in die Umwelt entlässt.» Zudem windete es stark, so dass der Wirkstoff auf die benachbarten Felder weitergetragen wurde. Die Maisaussaat war in dem Jahr wetterbedingt verspätet, so dass auf den benachbarten Feldern schon die bei Bienen beliebten Löwenzahn-, Raps- und Obstbaumkulturen blühten. Vorher habe es mit diesem Insektizid wenig Probleme gegeben, sagt Claudia Volles Heimo. «Immerhin war das Mittel zuvor schon zehn Jahre auf dem Markt.»

Der Vorfall im Rheintal hatte Folgen: Für Anwendungen des Insektizids mussten in der Folge die Maschinen mit Deflektoren ausgestattet werden, die verhindern, dass der Staub des gebeizten Saatguts in die umliegenden Flächen verteilt wird. In den Folgejahren kamen zudem neue Forschungsergebnisse auf den Markt. Deshalb ordnete die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit 2012 eine Untersuchung der Wirkstoffe aus der Klasse der Neonikotinoide an.

Das wiederum hatte zur Konsequenz, dass die Anwendung einiger dieser Pflanzenschutzmittel für zwei Jahre reduziert wurde. «Diese eingeschränkte Nutzung dient dazu, dass weitere Studien durchgeführt werden müssen. Wir Experten warten nun auf neue Ergebnisse.»

Die Bienenexpertin weist darauf hin, dass zum Zeitpunkt des Bienensterbens in Süddeutschland in der Schweiz eine viel tiefere Dosis für dieses Mittel zugelassen war. Dies, weil der Schädlingsdruck nicht so hoch war wie in anderen Ländern. «Für 2013 sind uns nur zwei Vergiftungsfälle mit Bienen bekannt. Bei beiden stellte sich heraus, dass die Pflanzenschutzmittel falsch angewendet wurden.»

Vortrag:«Bienen und Pflanzenschutzmittel», Fr., 28. März, 20 Uhr, Restaurant Bahnhof Düdingen, organisiert vom Imkerverein Sense.

Claudia Volles Heimo. Bild zvg

Zahlen und Fakten

180000 Bienenvölker

In der Schweiz halten etwa 17000 Imker Bienen. Es gibt rund 180000 Bienenvölker; jedes Volk umfasst zwischen 30000 und 40000 Bienen. Das Forschungszentrum Agroscope unterhält in Liebefeld drei voneinander unabhängige Bieneninstitutionen. Sie beschäftigen sich mit der Grundlagenforschung von Bienenerkrankungen oder der Schulung von Imkern. Das Zentrum für Bienenforschung befasst sich mit praxisorientierter Forschung im Bereich Bienenparasiten, -erkrankungen, -produkten, -genetik und der Prüfung von Pflanzenschutzmitteln. Das Zentrum gibt jährlich etwa 140 Beurteilungen für Pflanzenschutzmittel ab, teils für neue Produkte, teils für neue Anwendungsbereiche. Die diplomierte Agraringenieurin Claudia Volles Heimo ist wissenschaftlich-technische Mitarbeiterin in diesem Zentrum und wohnt im Sensebezirk.im