Rad 27.01.2018

Ein Leben für den Radsport

Cédric Jolimont in der Garage im Haus seiner Eltern, wo er seine Rennräder aufbewahrt.
Als 18-Jähriger hat Cédric Jolidon letzte Saison seinen ersten Vertrag als Profiradfahrer unterschrieben. Nun will der Sprintspezialist aus Heitenried durchstarten – und nimmt dafür zahlreiche Entbehrungen in Kauf.

37 Schweizer sind bei Swiss-Cycling, dem nationalen Verband für Radsport, als Profifahrer registriert. Zwölf von ihnen stehen bei einem UCI World Team unter Vertrag und fahren Strassenrennen auf höchster Wettkampfstufe. Michael Albasini, Mathias Frank, Gregory Rast oder Michael Schär gehören zu den Bekanntesten unter ihnen. Drei Schweizer sind als Profis eine Stufe tiefer bei einem UCI Professional Continental Team engagiert, die übrigen 22 in der dritthöchsten Kategorie bei einem UCI Continental Team. Zu letzteren gehört auch Cédric Jolidon aus Heitenried.

Talent und Beziehungen

Der 19-Jährige ist nicht nur der erste Freiburger Profiradsportler seit vielen Jahren, er ist auch aussergewöhnlich jung für einen professionellen Strassen-Profi. Sein Karriereverlauf entspricht so gar nicht dem in der Schweiz üblichen Schema: erst die verschiedenen Juniorenstufen bis U19 durchlaufen, dann zu den Amateuren wechseln, dort fleissig Klassierungspunkte sammeln, um zur Elite wechseln zu können, und sich schliesslich dort für einen Profivertrag empfehlen. Jolidon, nahm stattdessen eine Abkürzung: Vom Junior wechselte er direkt ins Profilager.

Grosses Talent war ein Faktor, weshalb Jolidon bereits als 18-Jähriger bei der kuwaitischen Profi-Mannschaft Nice Pro Cycling Team einen Vertrag unterschreiben konnte. Begabung allein reicht im harten Radsportbusiness aber oftmals nicht aus. Man benötigt man auch Freunde in den richtigen Kreisen, um einen der seltenen Plätze in einem Profiteam zu erhalten. Dass sein Vater als Assistent Manager beim Nice Pro Cycling Team arbeitet, machte es für Cédric Jolidon einfacher, in den Profibetrieb einzusteigen.

Radfahrergene

Papa Jacques Jolidon war in den Neunzigerjahren ein erfolgreicher Radfahrer. Er hat unter anderem 1992 die Bayernrundfahrt gewonnen. Auch Cédrics Jolidons Mutter Susana war eine leidenschaftliche Radsportlerin, die vier Mal an den Schweizer Meistertitel auf der Strasse triumphiert hat.

Das Radfahren wurde dem Filius sprichwörtlich in die Wiege gelegt – mit allen Vor- und Nachteilen. «Weil meine Eltern beide Profis waren, sind wir früher oft umgezogen», erinnert sich der älteste von drei Söhnen. «Zwei Jahre lebten wir hier, dann zwei Jahre dort, mal in Italien, dann in Malaysia, je nachdem, bei welchem Team meine Eltern engagiert waren.»

Bevor die Familie vor einem knappen Jahr nach Heitenried zog, lebte sie einige Jahre in Ins. In dieser Zeit absolvierte Jolidon in Murten eine Lehre als Fahrradmechaniker, die er im vergangenen Sommer erfolgreich abschloss. «Mir war es wichtig, einen Plan B zu haben, falls es mit der geplanten Karriere nicht klappen sollte.»

28 000 Kilometer im Jahr

Als Mechaniker wird Cédric Jolidon vorerst nicht arbeiten, er konzentriert sich voll auf seinen Sport. Im letzten Jahr konnte er bereits einige Erfahrungen als Profi sammeln. Bei der Mallorca Challenge fuhr er im gleichen Feld mit, in dem auch Weltstars wie André Greipel oder Nairo Quintana unterwegs waren. Jolidon war in Marokko, China und Schweden unterwegs. Zwischenzeitlich legte er eine dreimonatige Pause ein, um sich auf seine Lehrabschlussprüfung vorzubereiten. Dieses Jahr will nun Jolidon richtig durchstarten.

Dafür investiert er viel. Radprofis müssen mit Disziplin, Willen und hartem Training täglich an ihre Grenzen gehen. Jeden Morgen – egal ob es draussen windet, regnet oder schneit – schwingt sich Jolidon auf sein Rennrad und trainiert zwei bis drei Stunden. «Die Trainings sind sehr spezifisch und werden von meinem italienischen Trainer zusammengestellt. Ich habe ein App, die mir anzeigt, wie lange ich in welchem Gang, in welcher Trittfrequenz und mit welchem Puls fahren muss. Wenn ich vom Training zurückkehre, bin ich jeweils kaputt.»

Bis zu 24 Stunden trainiert Jolidon pro Woche, rund 700 Kilometer legt zurück. Dazu gehört auch, dreimal hintereinander von Heitenried nach Guggisberg hochzufahren, obwohl er mit seinen 183 cm Körpergrösse und 75 Kilogramm Kampfgewicht ein Sprinter und kein Bergspezialist ist. «Für die Rundfahrten muss man vielfältig sein, deshalb übe ich auch regelmässig das Zeitfahren.»

28 000 Kilometer absolviert Jolidon jährlich im Sattel, Spitzenfahrer wie Chris Froome bringen es auf 35 000 Kilometer. Zum Vergleich: Ein Schweizer Automobilist fährt durchschnittlich 13 000 Kilometer im Jahr.

300 Tage unterwegs

Wegen der intensiven täglichen Trainingsprogramme bleibt nur wenig Freizeit. Jedes Wochenende in den Ausgang zu gehen, so wie es die meisten Gleichaltrigen tun, liegt für den 19-Jährigen nicht drin. «Ich gehe höchstens fünf Mal pro Jahr in den Ausgang», sagt er. «Abends gehe ich immer um halb zehn im Bett, damit ich am nächsten Tag ausgeruht bin.»

Rund 80 Rennen wird Jolidon in diesem Jahr fahren. An 300 von 365 Tagen wird er irgendwo auf der Welt unterwegs sein und in gehobenen 5-Sterne-Hotels nächtigen. Viel von der Welt zu sehen, das ist einer der Gründe, warum der Heitenrieder den Radsport so liebt. Auch dass er in der Natur unterwegs ist und sein Körper arbeitet, gefällt ihm. Doch so abenteuerlich das Leben als Radprofi auch sein mag, zuweilen ist es aber auch sehr einsam. «Wenn man so viel unterwegs ist, ist es schwierig, ein Sozialleben abseits des Radsports aufrechtzuerhalten», sagt Jolidon. Seine Freude sind denn auch alle Radfahrer wie er. «Innerhalb des Teams hat man es gut, und es entstehen auch Freundschaften. Sie halten aber meist nur so lange, wie man gemeinsam fährt.»

Hunger als ständiger Begleiter

Verzichten müssen die Radprofis während der Rennsaison auch auf feines Essen. Jeglichen unnötigen Ballast müssen sie sich abhungern, um die Muskulatur für ihren Ausdauersport zu optimieren. Etwas, dass Cédric Jolidon nicht ganz einfach fällt, wie er zugibt: «Das Essen ist ein bisschen meine Schwäche.» Jetzt nach der Winterpause müsse er noch fünf Kilos runterbringen bis zu seinem ersten Rennen im Februar. «Für den Rest des Jahres kann ich Schokoriegel und andere Süssigkeiten vergessen.»

Seinem Enthusiasmus tut dies aber keinen Abbruch. Jolidon freut sich auf sein erstes Rennen am 24. Februar bei der Coppa San Geo in Italien. Auf diese Saison hin hat sich seine Mannschaft umstrukturiert. Sie heisst neu Nice Devo Team, fährt unter schweizerisch-italienischer Flagge und legt den Fokus auf den U23-Bereich. «Mein Ziel ist es, dieses Jahr die renommierten U23-Rennen zu fahren, so wie den Piccolo Giro d’Italia oder das Paris–Roubaix-Espoirs. Und ich möchte meine ersten UCI-Punkte für die Weltrangliste gewinnen.»

Keinen Lohn

Die Kosten für Reisen und Unterkunft übernimmt das Team. Es stellt seinen Fahrern auch die komplette Ausrüstung (Velo, Trikot usw.) zur Verfügung. Einen zusätzlichen Lohn bezahlt es Jolidon aber nicht aus. Für seine Lebenskosten muss der 19-Jährige selber aufkommen. «Ohne die Unterstützung meiner Eltern wäre es mir nicht möglich, Profi zu sein. Wann sollte ich nebenher noch arbeiten?» Er versuche, Sponsoren zu finden, die ihn unterstützten. Das sei aber schwierig. «Der Radsport hat in der Schweiz nicht mehr einen so hohen Stellenwert wie vor ein paar Jahren.»

Welche Rolle Cédric Jolidon in seinem Team einnehmen wird, steht noch nicht fest und variiert von Rennen zu Rennen. Je nach Anforderungsprofil der Strecke und Formzustand der Fahrer. «Natürlich wäre ich gerne der erste Sprinter. Wenn ich aber nur als zweiter Sprinter oder als Helfer eingesetzt werde, ist das auch ok. Hauptsache es geht endlich los.» Der 19-Jährige brennt darauf zu beweisen, dass er einen Platz in einem Profiteam dank guten Leistungen verdient und nicht nur aufgrund der guten Kontakte seines Vaters.

«Während der Saison kann ich Schokoriegel und andere Süssigkeiten vergessen.»

Cédric Jolidon

Radprofi aus Heitenried

«Ich gehe nur etwa fünf Mal pro Jahr in den Ausgang. Abends bin ich um halb zehn im Bett.»

Cédric Jolidon

Radprofi aus Heitenried

«Wenn man 300 Tage im Jahr unterwegs ist, ist es schwierig, ein Sozialleben abseits des Radsports zu haben.»

Cédric Jolidon

Radprofi aus Heitenried

Zur Person

Cédric Jolidon

Geburtsdatum: 10.4.1998

Wohnort: Heitenried

Grösse: 183 cm

Gewicht: 75 kg

Profi seit: 2017

Team: Nice Cycling Team

Fahrertyp: Sprinter

Hobbys: Sport allgemein