Archiv 03.06.2000

Begegnung auf der Sprachgrenze

Die Sprachgrenze ist Bestandteil des Freiburger Alltags. Während meist eine Sprachgrenzzone Deutsch und Französisch trennt, sind die Achtklässler von Kerzers und Estavayer im Grossen Moos auf eine richtige Grenzlinie gestossen.

Sprach- und Kultur-Austausch zwischen OS-Schülern aus Kerzers und Estavayer

Autor: Von CHRISTIANSCHMUTZ

Schüleraustausche zwischen deutschen und französischsprachigen Schülerinnen und Schülern sind mittlerweile im Kanton Freiburg fest institutionalisiert. «Es gibt zwei Austausch-Möglichkeiten», erklärt Ursula Vaucher, Sekundarlehrerin in Kerzers. «Entweder man besucht sich klassenweise und lernt die anderen in ihrer Umgebung kennen oder jeweils zweiSchüler einer Klasse bleiben eine ganze Woche lang in der anderen Sprachregion.» Damit lässt sich nicht nur die Partnersprache im Alltagsgespräch erlernen, auch das Verständnis der anderen Kultur wird gefördert.

Berührungsängste überwinden

Am Anfang braucht es meist etwas Zeit, um Berührungsängste zu überwinden. Das Überspringen der Sprachgrenze brauchte schon etwas Mut. «Aber beim Rückbesuch einige Wochen später ist das Eis meist schnell gebrochen», weiss Ursula Vaucher. Sie führt zum zweiten Mal mit einer Klasse einen Schüleraustausch durch. Ihr Gegenüber Colette Juriens, Sekundarlehrerin in Estavayer, ist da schon routinierter. Sie ist seit rund 15 Jahren jedes Jahr mit anderen Schulen Deutschfreiburgs beim Sprach- und Kulturaustausch anzutreffen. Ihr Ehemann Jean-Marcel Juriens hat übrigens vor 23 Jahren mit einer Klasse den allerersten Freiburger Schüleraustausch mitgestaltet. Auch damals waren Kerzers und Estavayer Orte des Geschehens. Lehrer in Kerzers war ein gewisser Martin Johner, heute kantonaler Koordinator der Schüleraustausche.

Eine richtige Grenzlinie erradelt

Der Besuch einer Klasse in der anderen Sprachregion verlangt die Überquerung der Sprachgrenze. Diese Sprachgrenze ist nicht sichtbar und meist auch nicht genau zu definieren. In dicht besiedeltem Gebiet ist zwischen den Sprachregionen eine Sprachgrenzzone, in der mehr oder weniger Zweisprachigkeit herrscht. Anders im Grossen Moos: Zwischen Sugiez beziehungsweise der Strafanstalt Bellechasse sowie Kerzers kann man die Sprachgrenze genau verfolgen. Martin Johner hat sie aufgestöbert:«Auf der Karte kann man genau sehen, dass die Gebiete östlich dieser Linie deutsche Orts- und Flurnamen haben, westlich davon aber französische.»

Die beiden achten Klassen aus Kerzers und Estavayer sind zu dieser Sprachgrenz-Linie geradelt und sich dort zwischen Deutsch und Französisch begegnet. Martin Johner hat sie mit einem gelben Band sichtbar gemacht und das konkrete Überschreiten als Anfang des symbolischen Überschreitens genommen. Diese erste Kontaktnahme ermöglichte relativ schnell die Schülerinnen und Schüler der beiden Klassen zu vermischen. Zum Mittagessen wurden die Romands dann zu den Eltern der Kerzerser Schüler eingeladen, um auch den Deutschschweizer Alltag kennen zu lernen. Deckungsgleich wird es beim Rückbesuch gehandhabt.

Grosses Interesse am zehnten Schuljahr

Das Interesse von Freiburger Schülerinnen und Schülern steigt, ein zehntes Schuljahr in der anderen Sprache zu machen. Von 193 Anmeldungen haben sich mittlerweile 29 zurückgezogen. 158 Plätze hat die Koordinationsstelle für Schüleraustausche bisher vermittelt. Im Raum Murten fehlt noch eine Pensions-Möglichkeit. Es gibt drei Varianten des Austausches: Rund zwei Fünftel fahren jeweils abends wieder nach Hause, rund ein Fünftel lebt von Montag bis Freitag bei Pensionseltern und die restlichen zwei Fünftel tauschen werktags die Familie, meist weit über die Kantonsgrenzen hinaus. «Der Kanton Freiburg ist dank seiner Zweisprachigkeit und seiner Lage ein Vorreiter für jegliche Art von Schüleraustausch», erklärt Martin Johner, Koordinator der Schüleraustausche.