Gümmenen 20.02.2020

Stahlbrücke schwebt über Saane

Der Saaneviadukt erhält im Zuge seiner Sanierung eine modernere Metallbrücke. Das 65-Meter lange Stahlfachwerk wurde am Dienstag in Stellung gebracht.
Ein Kran hat beim Saaneviadukt eine 340 Tonnen schwere Brücke in die Luft gehoben und auf einem Gerüst platziert. Ein wichtiger Zwischenschritt der Sanierung des Viadukts ist damit geschafft.

Über den Saaneviadukt in Gümmenen rattert kaum hörbar ein Zug. Auch sonst ist es aussergewöhnlich still für eine solch grosse Baustelle, wie sie der Viadukt momentan ist. Nur ein regelmässiges Piepsen, wie wenn ein Lastwagen rückwärts fährt, durchbricht die Stille. Es ist nicht das Signal eines Lastwagens, sondern das eines Krans. An ihm hängt eine ganze Stahlbrücke. Sie wiegt 340 Tonnen und wird an diesem Morgen von ihrem Bauort – gleich neben dem Viadukt – auf ein 20  Meter hohes Gerüst gehoben. Die Stille rührt vielleicht von der Konzentration her, mit der die Bauarbeiter das Stahlfachwerk bewegen. «Die Platzierung des Stahlfachwerks ist ein wichtiges Puzzleteil der Sanierung des Saaneviadukts», kommentiert Hannes Kobel, Gesamtprojektleiter der BLS, das Geschehen.

Die neue Stahlbrücke wird an diesem Tag auf vier Gerüstpfeiler gehoben, die parallel zum Viadukt vom einen zum anderen Saaneufer stehen. Damit ist die Brücke in Position, damit sie im Sommer oberhalb des Flusses zwischen die Steinpfeiler des Viadukts geschoben werden kann. Vom 4. Juli bis 10. August ist die Strecke zwischen Bern und Neuenburg unter anderem deshalb unterbrochen. Es werden Ersatzbusse zwischen Bern-Brünnen-Westside, Gümmenen und Kerzers verkehren.

Für das nächste Jahrhundert

«Das alte Fachwerk wird im Sommer hinausgehoben», erklärt Hannes Kobel. Es sei mit seinen knapp 120 Jahren an sein Lebensende gekommen, so der Gesamtprojektleiter. Für die nächsten hundert Jahre kommt das neue, statisch modernere Stahlfachwerk zum Zug – beziehungsweise unter den Zug.

Nicht nur die neue Metallbrücke, den gesamten Viadukt frischt die BLS für die nächsten hundert Jahre auf. Die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf 53 Millionen Franken, die der Bahninfrastrukturfonds des Bundes finanziert. Der 400 Meter lange Viadukt werde damit ein Neubau, der aber praktisch identisch aus­sehe wie der denkmalgeschützte Viadukt von 1901, so Hannes Kobel. Um künftig höheren Zugfrequenzen gerecht zu werden, baut die BLS eine Doppelspur. Damit diese Platz findet, wird der Damm auf der Westseite bei Gümmenen aufgeschüttet und verbreitert; auf der Ostseite wird der Einschnitt im Hang vergrössert und ein Teil des Hangs abgetragen. Das zweite Gleis wird gemäss Planung der BLS erst nach der Streckensperre im Sommer gebaut und voraussichtlich im Frühling 2021 in Betrieb genommen. «Wichtig ist, zu sagen, dass es zu keinem Fahrplanwechsel kommen wird», betont der Gesamtprojektleiter. Zudem werde der Abschnitt für Zuggeschwindigkeiten von 160 Kilometer pro Stunde ausgerichtet. Somit sollte die Strecke für alle Eventualitäten der nächsten hundert Jahre gewappnet sein.

Pfeiler besser geschützt

Die Doppelspur ist zwar eine Folge der Sanierung, nicht aber deren Grund. «Die Brückenpfeiler sind im Innern teilweise stark durchnässt.» Deshalb wird der Betontrog erneuert. Das ist die oberste Schicht der Brücke, auf der die Gleise zu liegen kommen. Insgesamt handelt es sich um 90 Betonelemente à 50 Tonnen, die im Sommer auf dem Viadukt platziert werden. Damit sei die Brücke besser gegen das Wetter und die Nässe isoliert.

Die Brückenpfeiler aus Kalksandstein erfahren ebenfalls eine Verjüngung. Von den 27  Pfeilern muss bei sechs das Fundament verstärkt werden. Komplett ersetzt wird kein Pfeiler. «Es ist fast wie beim Zahnarzt: Einzelne Steine ­werden ersetzt, und bei anderen werden Plomben angebracht», vergleicht Hannes ­Kobel die Arbeiten mit einem Schmunzeln.

Mittlerweile haben sich neben den zahlreichen Medienschaffenden auch vereinzelt Schaulustige unterhalb des Viadukts eingefunden. Das 65  Meter lange Stahlfachwerk schwebt über den Baumwipfeln und wird dann wieder behutsam etwas hinuntergelassen. Durch die Uferböschung kämpfen sich zwei Bauarbeiter, welche die Brücke fast wie an einer Leine führen: Mit einem Seil stabilisieren sie deren unteres Ende. Längs gegenüber am anderen Ende halten drei Männer ebenfalls ein Seil. Langsam dreht sich das Stahlfachwerk um 180 Grad und wird wieder angehoben. Die Blicke wandern nach oben, während der Führer des Rollkrans die Stahlbrücke vorsichtig auf die Gerüstpfeiler legt. Damit ist der wohl spektakulärste Schritt der Sanierungsarbeiten erfolgreich abgeschlossen.