Pierrafortscha 11.07.2018

Die Gemeinde ohne Dorf

Pierrafortscha besteht aus vier Weilern und vier Gehöften.
Pierrafortscha ist ein Kuriosum: Die Gemeinde am Stadtrand Freiburgs besteht hauptsächlich aus Bauernhäusern, hat kein Dorf und nur 152 Einwohner. Für die Zukunft dieser Winz-Kommune hat Syndic Jean-Luc Kuenlin viele Ideen – darunter ziemlich verrückte.

Weite Weizenfelder wogen im Wind, gesäumt von schmalen Strässchen und Baumalleen. Zwischen den Feldern und Weiden stehen Herrenhäuser inmitten von grosszügigen Gärten und sorgfältig getrimmten Hecken. Nein, wir befinden uns nicht in einem englischen Liebesfilm. Dieses ländliche Idyll liegt nur wenige Kilometer von Freiburgs Stadtzentrum – es ist die Gemeinde Pierrafortscha.

Refugium für Städter

«Es lebt sich gut hier», sagt Gemeindepräsident Jean-Luc Kuen­lin und lächelt. Er glaubt, dass Pierrafortscha auch in Zukunft ein Refugium für naturverliebte, ruhesuchende Städter sein wird. Die Gemeinde im Saanebezirk besteht aus vier Weilern und vier Gehöften – ein eigentliches Dorf, ein Zentrum, fehlt. Hauptsächlich historische Gebäude stehen verstreut zwischen den Feldern. In den vergangenen zwanzig Jahren wurde kaum gebaut, wie Kuenlin sagt. Der Grossteil ist Landwirtschaftszone, und mit dem neuen Raumplanungsgesetz wird es praktisch unmöglich, in Pierrafortscha neue Häuser zu bauen.

Die Einwohnerzahl ist seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger stabil geblieben. Momentan wohnen 152  Menschen auf den rund 500 Hektaren Pierrafortschas. Finden sich da noch Freiwillige für die Gemeindeämter? «Bisher hat es immer geklappt», sagt Kuenlin. Unter den Einwohnern herrsche ein gutes Klima; die Leute seien bereit, sich zu engagieren. Trotzdem: Er glaubt nicht, dass es die Gemeinde Pierrafortscha in fünfzig Jahren noch gibt.

«Ich glaube, ich hoffe, dass sich in Zukunft auch Pierrafortscha verändern wird.» Das Wort Fusion geistert auch im Idyll über Freiburg herum. Pierrafortscha nimmt als Beobachtergemeinde am Prozess für eine Fusion Grossfreiburgs teil. Ganz dabei ist sie trotz der Nähe zur Stadt und zu deren möglichem Fusionspartner Marly nicht. «Wir als ländliche Gemeinde haben ganz andere Interessen und Probleme als der urbane Raum Grossfreiburg», erklärt Kuenlin. Er schliesst aber nicht aus, dass sich das in den nächsten Jahrzehnten ändert und Pierrafortscha vielleicht doch irgendwann zu Freiburg gehört. «Wir beobachten die Fusionspläne und diskutieren an den Gemeindeversammlungen darüber.»

Offenbleiben

Der Tenor sei klar: Pierrafortscha müsse offenbleiben für sämtliche Optionen. Diese könnten etwa die Fusion mit einer anderen Nachbargemeinde sein – Pierrafortscha grenzt neben Freiburg und Marly an die ebenfalls sehr kleine Gemeinde Villarsel-sur-Marly sowie die Sensler Orte Tentlingen und St. Ursen. Denkbar wäre auch eine Aufsplittung der Gemeinde: So könnten sich die einzelnen Weiler und Gehöfte der jeweils nächsten Gemeinde anschliessen. «Das ist die verrückteste Idee», sagt Kuenlin und lacht. Er wisse von keiner anderen Gemeinde, die das versucht habe, und sei nicht einmal sicher, ob das rechtlich möglich ist. Aber: «Was jetzt nicht geht, ist vielleicht in ein paar Jahren möglich.»

Bis dahin schlägt sich Pierrafortscha mit den Herausforderungen seiner Topografie herum. Themen in der Gemeinde sind etwa Trinkwasserleitungen oder die Infrastruktur für Abwasser. «Weil die Gemeinde aus Weilern und einzelnen Höfen besteht, müssen wir viele Kilometer Leitungen für verhältnismässig wenige Einwohner verlegen», erklärt Kuenlin. Das sei teuer. Das Gleiche gilt für das relativ lange Netz an Strassen und Strässchen, das es zu unterhalten gilt.

Diskret und still

Pierrafortscha tut das diskret und in aller Stille. Die Gemeinde taucht kaum in den Medien auf. «Darüber beklagen wir uns nicht», sagt Kuenlin und grinst dabei. «Man muss nicht über Pierrafortscha reden, man muss es sehen», sagt er. Die Strässchen, die Alleen, die Felder – «das kann man nicht gut beschreiben, man kann es nur fühlen».

Zahlen und Fakten

Alles begann mit dem Findling

Pierrafortscha ist nach dem Findling benannt, der in der Mitte der Gemeinde zwischen den Feldern liegt. Er hat zwei Spitzen und heisst deshalb auf französisch «la pierre fourchue», der «gegabelte Stein». Im Freiburger Patois wird das mit Pierrafortscha übersetzt. Ursprünglich hatte der Findling sogar drei Spitzen – doch ein Teil wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts herausgehauen und als Baumaterial gebraucht. Der Stein wurde in der Eiszeit vom Rhonegletscher ins Freiburgerland transportiert, wie es auf der Homepage der Gemeinde heisst. Laut dem historischen Lexikon der Schweiz gehörte Pierrafortscha im 13. Jahrhundert den Familien Hattenberg und Zirkels, nach und nach ging das Gebiet aber in den Besitz des Klosters Magerau über und blieb es bis ins 19. Jahrhundert. 1832 schliesslich schlossen sich die Weiler Villars-sur-Marly, Pierrafortscha, Granges-sur-Marly und La Schürra sowie die vier Gehöfte Fahl, Helmetingen, Rothaus und Pfaffenwil zur Gemeinde zusammen. Auf dem Gemeindegebiet befinden sich mehrere alte Herrenhäuser und ehemalige Sommerresidenzen von Freiburger Patrizierfamilien. Mehrere Gebäude sind geschützt. Die Patrizierfamilien besitzen heute noch Land in Pierrafortscha und verpachten es an Bauern, wie Gemeindepräsident Jean-Luc Kuenlin sagt. Heute leben in Pierrafortscha 152 Personen, rund ein Viertel davon ist deutschsprachig. Der deutsche Name «Perfetschied» ist aber kaum mehr gebräuchlich. Die Gemeinde gehört zur Pfarrei Marly. Die rund zehn Schulkinder gehen nach Marly zur Schule oder in die Freie Öffentliche Schule Freiburg, wenn sie Deutsch sprechen.

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«Wir als ländliche Gemeinde haben ganz andere Probleme als der urbane Raum Grossfreiburg.»

Jean-Luc Kuenlin

Gemeindepräsident