Granges-Paccot 13.03.2019

«Die Vernunft hat gesiegt»

Auch der Umzug mit Kühen vom Freiburger Bahnhof bis ins Forum Freiburg hat 2018 nicht mehr Leute an die Messe gelockt.
Der Freiburger Messe ergeht es wie vielen anderen Gewerbeausstellungen: Sie lockt nicht mehr genügend Besucherinnen und Besucher an. Die Organisatoren haben darum einen Schlussstrich gezogen.

Die Mustermesse Basel gibt es nicht mehr, ebenso wenig die Erlebnismesse Züspa in Zürich oder das Comptoir Suisse in Lausanne. Und nun werfen auch die Verantwortlichen der Freiburger Messe – der Cantonale, wie sie am Schluss hiess – das Handtuch. «Mit grosser Traurigkeit», wie Christian Bourqui, Präsident der Freiburger Messe, den FN sagt. Er habe selber bei 23 Ausgaben des Comptoirs mitgewirkt, und darum bedauere er es natürlich sehr, wenn die Messe nun nicht mehr stattfinde. «Aber die Vernunft hat gesiegt.»

Die Verantwortlichen hatten so einiges versucht, um die Messe attraktiv zu halten: 2016 entschieden sie, dass das Comptoir nur noch alle zwei Jahre stattfinden sollte; 2018 dann sollte der neue Name La Cantonale für Verbundenheit im ganzen Kanton sorgen. Doch das half genauso wenig wie der Umzug mit Kühen vom Freiburger Bahnhof bis zum Forum in Granges-Paccot und das ausgebaute Animationsprogramm: Erneut kamen weniger Besucherinnen und Besucher als erwartet. Nur 66 000 statt wie erhofft 80 000 Personen besuchten La Cantonale. In früheren Jahren strömten 100 000 Leute ins Forum.

Finanzspritze nötig

Einen Moment lang hatte es im letzten Herbst sogar danach ausgesehen, als könnte die Messe gar nicht eröffnet werden: Es fehlte an Geld. Nur weil der Kanton in letzter Minute 50 000 Franken einschoss, die «vier Pfeiler» der Freiburger Wirtschaft 40 000 Franken beisteuerten und lokale Unternehmen weitere 100 000 Franken spendeten, konnte die Messe am 6. Oktober öffnen.

«Dank diesem Sponsoring schliessen wir nun mit einer fast ausgeglichenen Rechnung ab», sagt Bourqui. «Wir konnten alle Unternehmen bezahlen, die für uns gearbeitet haben.» Doch ohne die Zuschüsse wäre es nicht gelungen, die budgetierten Ausgaben von 1,7 Millionen Franken zu decken. Und darum ist klar: Die Freiburger Messe gibt es künftig nicht mehr. «Es wäre suizidär, sie noch einmal durchzuführen», sagt Bourqui.

«Ein Kapitel geht zu Ende»

Gründe für das Aus gibt es aus Sicht Bourquis mehrere: Nebst dem Wandel im Detailhandel mit der Konkurrenz im Internet nennt er auch den mangelnden Zulauf aus den anderen Bezirken. Werde eine Messe im Greyerz-, im Sense- oder im Seebezirk organisiert, dann locke das zahlreiche Besucherinnen und Besucher an. «Aber die kantonale Messe im Forum besuchen die Leute nicht.» Das habe vielleicht mit der Lage des Forums in der Agglomeration zu tun, «wo alle ein wenig für sich leben». Am Konzept der Messe liege es aber nicht, dass nicht mehr Gäste gekommen seien: «Ich wüsste nicht, was wir noch hätten tun können, damit die Leute kommen.»

«Ein Kapitel geht zu Ende», sagt Olivier Curty. Der CVP-Staatsrat stellt fest: «Gewerbeausstellungen sind nicht mehr zeitgemäss und daher auch nicht überlebensfähig.» Dies vor allem, weil der Detailhandel sich im Umbruch befinde. Messen in den Bezirken funktionierten vielleicht auch deshalb besser, weil sie nur alle fünf bis zehn Jahre einmal stattfänden. «Und dann bewirkt wohl der regionale Bezug, dass die Leute hingehen.»

Er bereut die Finanzspritze des Kantons vom letzten Herbst nicht: «Das war eine sehr gute Investition.» Ohne dieses Geld hätte La Cantonale gar nicht öffnen können. «Das hätte einen Imageschaden bedeutet und den Ausstellern einen finanziellen Schaden gebracht», sagt Olivier Curty. So habe es nun noch eine letzte, würdige Ausgabe des Comptoirs gegeben.

«Wie an einer Chilbi»

Pierre Ecoffey, Präsident der Agy Expo AG – ihr gehört das Forum Freiburg –, bedauert, dass es keine Freiburger Messe mehr geben wird. «Mir scheint, eine Messe, an der man sich trifft und an der es wie an einer Chilbi zu und her geht, könnte bei den Leuten ankommen.»

«Gewerbeausstellungen sind nicht mehr zeitgemäss.»

Olivier Curty

Freiburger Staatsrat

«Ich wüsste nicht, was wir noch hätten tun können, damit die Leute kommen.»

Christian Bourqui

Präsident Freiburger Messe

Ein absehbares Ende einer langen Tradition

Die Gesellschaft verändert sich – und mit ihr liebgewonnene Traditionen. Das Freiburger Comptoir war einst, was heute das Internet ist: der Ort, wo man Preise und Angebote vergleicht. Heute brauchen die Konsumentinnen und Konsumenten dazu keine Messe mehr. Und so geht schweizweit eine Gewerbeausstellung nach der anderen zu.

Einige Messen überleben, und das sogar gut: Die BEA in Bern beispielsweise oder die Walliser Messe in Martigny. Sie bieten das, was das Internet nicht bieten kann: Kontakte. Im Kanton Bern und im Kanton Wallis gehört der Besuch des Comptoirs dazu – weil man dort Leute trifft. In Freiburg zeigt sich das, wenn beispielsweise der Sensbezirk und das Murtenbiet ihre eigenen Ausstellungen organisieren: Sie ziehen zahlreiche Besucherinnen und Besucher an, die dort an den Ständen mit alten Bekannten anstossen. In Freiburg fehlt dieses Element. Das Forum, das extra für die Messe gebaut wurde, hat den Charme eines Kühlschranks. Zudem liegt es zwar direkt an der Autobahn, aber halt auch fernab der Stadt. Darum eignet sich das Gebäude besser für Kongresse und Seminare als für gemütliche Treffen an einer Ausstellung. Die Verantwortlichen haben es nicht geschafft, die Messe zu einem unumgänglichen Treffpunkt von tout Fribourg zu machen. Daran scheiterte das Comptoir nun.

Forum Freiburg

Ein riesiges Gebäude für die Freiburger Messe

Das Forum Freiburg wurde 1999 für die Freiburger Messe gebaut. Zuvor war die Gewerbeausstellung in der Stadt Freiburg beheimatet: im Perollesquartier auf dem Gelände der alten Festhalle. Die Freiburger Messe war das Flaggschiff für den Neubau des Forums in Granges-Paccot.

Finanziert wurde der Bau mehrheitlich durch die öffentliche Hand: Der Kanton Freiburg hält gut 47 Prozent des Aktienkapitals, 34 Gemeinden und die Burgergemeinde Freiburg sind im Besitz von knapp 8  Prozent des Aktienkapitals. Die öffentliche Hand hat also die Mehrheit. Zudem sind die sogenannten «vier Pfeiler» der Freiburger Wirtschaft – Kantonalbank, Gebäudeversicherung, das Energieunternehmen Groupe E und die Verkehrsbetriebe TPF – mit gut 30  Prozent am Aktienkapital beteiligt. Der Verband der Unternehmen der Romandie und der Freiburger Arbeitgeberverband sind mit knapp 12  Prozent vertreten, und Firmen aus dem Privatsektor halten knapp 3  Prozent des Aktienkapitals. Sie alle bilden zusammen die Immobiliengesellschaft Agy Expo AG, welcher das Gebäude gehört.

Infrastruktur anpassen

Von jeher sind im Forum Freiburg zwei Gesellschaften anzutreffen: nebst der Immobiliengesellschaft auch noch die Betreibergesellschaft Expo Centre AG. Sie organisiert die Messen, Seminare, Konzerte, Bankette und Generalversammlungen, die im Forum stattfinden, und mietet dafür das Gebäude bei der Immobiliengesellschaft Agy Expo AG.

Joseph Vonlanthen, Geschäftsleiter der Betriebsgesellschaft, nennt den Entscheid, die Freiburger Messe einzustellen, denn auch «schwerwiegend». Gleichzeitig habe er damit gerechnet, und die Expo Centre AG habe sich seit einigen Jahren darauf eingestellt: indem sie kürzere, öffentliche Anlässe mit Partnern organisiere, so zuletzt die Swiss Cyber Security Days (die FN berichteten). Damit das neue Konzept aufgeht, müsste aber baulich einiges angepasst werden. «Wir müssen weg von der riesigen Halle 1 zu mehr Sälen und uns so den Marktbedürfnissen anpassen», sagt Vonlanthen.

Veränderungen wird es geben. So prüft die Immobiliengesellschaft, ob ein Schwimmbad mit einem 50-Meter-Becken realisierbar wäre. «Technisch ist das machbar, aber wir prüfen noch, ob es finanzierbar ist», sagt Pierre Ecoffey, Präsident der Agy Expo AG.

Hat denn das Forum ohne die Messe überhaupt noch seine Berechtigung? Ja, findet Staatsrat Olivier Curty (CVP): «Das Comptoir hat das Forum zuletzt ja nur alle zwei Jahre während zehn Tagen besetzt. Das Forum gehört zu Freiburg.» Vielleicht müsse das Gebäude nun angepasst werden. «Der Kanton wäre sicher bereit, etwas dazu beizutragen; die Infrastruktur hat ja auch ein gewisses Alter.» Eine Fusion der Betreiber- und der Immobiliengesellschaft – wie von den Betreibern gewünscht – stehe hingegen derzeit nicht zur Diskussion.

njb