Freiburg 13.03.2019

Warten auf den Masterplan

Der Name Dénervaud steht für Qualität und Beratung. Nun hört der Inhaber des Schuhgeschäfts, Claude Dénervaud, auf.
Das Schuhgeschäft Dénervaud in der Romontgasse schliesst. Die Stadt Freiburg sucht derweil nach Antworten auf den Strukturwandel im Detailhandel. Ob dabei mehr als eine Tüte Buntgemischtes herauskommt, zeigt sich im Herbst.

Nach über 40 Jahren schloss bei der Kathedrale Ende September 2018 das Lebensmittelgeschäft Aeby. In unmittelbarer Nachbarschaft ging an Weihnachten nach 28  Jahren das Bergsport-Geschäft Bugaboo in Totalliquidation. Seit diesem Jahr sind an der Lausannegasse Essig, Öl, Wein und Spirituosen nicht mehr frisch im Laden Vom Fass erhältlich. Der Marcopolo-Ethno-Laden daneben stirbt derweil einen langsamen Tod. Zuvor hat schon der Herren-Globus in der Romontgasse das Zeitliche gesegnet, und dem Bijouteriegeschäft Grauwiller in der Bahnhofstrasse ging Ende Juni 2018 nach 127  Jahren der Atem aus. Mit der Schliessung des Schuhgeschäfts Dénervaud in der Romontgasse (siehe Kasten) verliert die Stadt Freiburg nun ein weiteres Traditionsgeschäft.

Schade ...

«Das ist schade», kommentiert Gemeinderat Laurent Dietrich (CVP) das Ende von Dénervaud. Als Finanzvorsteher ist er auch für die städtische Wirtschaftsförderung verantwortlich. Die Wirtschaftsdelegierte, Ale­xand­ra Stadler, sagt es so: «Wenn ein Geschäft, das schon so lange das Antlitz einer Strasse mitprägt, plötzlich verschwindet, ist das immer irgendwie ein Schock.» Aber der Geschäftsinhaber gehe eben in Rente, das sei nun mal der Lauf der Dinge.

Dass die Schliessung symptomatisch für ein unaufhaltsames Lädeli­sterben in der Freiburger Altstadt wäre, würde Dietrich so jedoch nicht unterschreiben. Es gingen auch viele neue Geschäfte auf, sagt er. «Die Wahrnehmung der Menschen ist sehr subjektiv.» Stadler erwähnt die Läden La  Filature und Yokami, welche beide bald eröffnet werden sollen, das Cabinet de Curiosités, das vietnamesische Restaurant Chez Ginette, die Brocante Porchet, das Blumengeschäft gegenüber sowie den Laden Perrosa, der das Trianon übernommen hat, und das Geschäft Tatoo.

... aber nicht zu ändern

Dietrich spricht darum lieber von einem Strukturwandel, der unter anderem durch den Onlinehandel und die Einkaufszentren am Stadtrand ausgelöst wurde. Gegen den Strukturwandel könne der Gemeinderat allerdings nichts tun. Auch nicht dagegen, dass Hausbesitzer ihre Geschäftslokale lieber an Dienstleister und Banken vermieteten, wie das an der Romontgasse derzeit zu beobachten sei. «Die Stadt ist im Kontakt mit den Hausbesitzern und versucht ihnen darzulegen, was im Interesse einer lebendigen Stadt wäre. Aber das Interesse der Stadt ist eben nicht zwingend das der Eigentümer», sagt Alexandra Stadler. «Wenn ich die Wahl hätte zwischen einer Bank, die für die kommenden zehn Jahre sichere Mieteinnahmen verspricht, und einem Geschäft, das mit unsicheren Erfolgsaussichten Dekowaren verkauft, würde ich mich vielleicht auch für die Bank entscheiden.» Im Unterschied zum Kulturbereich habe die Stadt auch nicht die Möglichkeit, die Geschäfte finanziell zu unterstützen, ergänzt Dietrich: «Da herrscht der freie Markt.» Obwohl die aktuelle Entwicklung zu vergleichen ist mit einer Kugel, die unbeirrt ihren Weg geht und nicht aus der Bahn zu bringen ist, will der Gemeinderat die Geschäfte nicht ganz ihrem Schicksal überlassen. «Nachdem die Wirtschaftsförderung an die Agglomeration delegiert worden war, haben wir gemerkt, dass das nicht reicht. Die Stadt muss in engem Kontakt zu den Unternehmen stehen, die sich auf ihrem Boden niederlassen, zumal sie hier auch Steuern bezahlen», sagt Dietrich. Darum habe Freiburg nach zehn Jahren Unterbruch den Posten der Wirtschaftsdelegierten wieder eingeführt – im Gegensatz zu vielen anderen Städten. Die Stadt Bern beispielsweise hat gemäss Stadler keine Wirtschaftsförderung. Dort verteidige ein mächtiger Gewerbeverband die Inte­ressen der Ladenbesitzer.

Herausholen, was herauszuholen ist

So wie Geschäftemachen eine diskrete Angelegenheit sei, wolle die Stadt auch ihr Engagement nicht an die grosse Glocke hängen, betont Dietrich. Konkret prüft die Stadt aber verschiedene Massnahmen, um dem Strukturwandel doch etwas abzugewinnen. Über den Inhalt schweigt sich Dietrich aber dezidiert aus. «Wir wollen keine falschen Hoffnungen wecken, bevor wir nicht sicher sind, dass unsere Ideen umsetzbar und finanzierbar sind.» Zurzeit befasse sich in jeder Direktion eine Arbeitsgruppe mit konkreten Massnahmen. Die Arbeit beruhe auf den Analysen des Beratungs- und Kompetenzzentrums in Altstadtfragen und Fragen der Zentrumsentwicklung Espace Suisse, ehemals Netzwerk Altstadt. Die endgültige Strategie soll voraussichtlich im September bekannt werden.

Detailhandel neu denken

So viel nimmt Dietrich schon vorweg: «Einkaufen in der Freiburger Altstadt wird in Zukunft eine andere Bedeutung haben. Es geht nicht mehr darum, das kaufen zu können, was man braucht. Dafür kann man mit dem Auto in die Einkaufszentren fahren. Ins Stadtzentrum wird man sich dagegen begeben, um Spass zu haben, zu flanieren, da und dort etwas Kleines zu kaufen oder zu konsumieren.» Und zwar zu Fuss.

Kollateralschaden unvermeidlich

Um ein solches Ambiente zu schaffen, braucht es gemäss Dietrich aber viel Zeit – und er sagt: «Eine Massnahme reicht nicht, es braucht ein ganzes Paket.» Viele Gewerbetreibende dürften diese Zeit aber nicht haben. Ein Geschäftsinhaber an der Lausannegasse formulierte es mal so: «Die Lausannegasse ist ein Notfallpatient. Aber anstatt Soforthilfe zu leisten, schickt der Gemeinderat den Patienten zuerst zum Spezialisten, wo er stirbt.» Dass der Weg noch ein langer ist, bestreitet Dietrich nicht, und dass dabei noch ein paar Geschäfte auf der Strecke bleiben werden, ebenso wenig: «Netzwerk Altstadt hat gesagt, dass gewisse Geschäfte keine Überlebenschance haben. Das steht schon heute fest.»

Offene Fragen

Der Gemeinderat ist also am Ball, glaubt man den Worten von Dietrich. Und obwohl er nichts verraten wollte, wirkte er im Gespräch mit den FN sehr motiviert und hoffnungsfroh, etwas bewirken zu können.

Viele Fragen bleiben bis dahin offen: Welche Menschen werden sich in der Stadt der Zukunft noch willkommen fühlen? Gibt es noch Platz für die alte, gehbehinderte Frau in einem Freiburg ohne Bäcker und Metzger? Oder werden Hipster und E-Biker das Feld übernehmen? Und kann der Verkauf von Träumen allein die Ladenmiete und die Löhne decken? Gibt es tatsächlich ein Rezept, um den topografischen Gegebenheiten und der Tatsache zu begegnen, dass Freiburg mehr oder weniger nur eine einzige lange Geschäftsachse vom Perolles über die Lausannegasse bis in die Unterstadt hat?

Laurent Dietrich sagt dazu: «Es ist besser, etwas zu tun, als nichts zu machen. Wenn es nicht funktioniert, haben wir es wenigstens versucht.»

Schliessung

«Es ist ein Desaster, die Politik hat die Leute willentlich verjagt»

Seit 1955 gibt es das Schuhgeschäft Dénervaud an der Romontgasse  17. Ende Mai ist Schluss. Inhaber Claude Dénervaud geht mit 66  Jahren in Rente. «Es ist nicht der beste Moment meines Lebens», sagt er gegenüber den FN. «Es ist immer schöner, wenn die Umsätze steigen und sich die Geschäfte entwickeln, als wenn sie zur Neige gehen.» Zwar hätte er sowieso nicht mehr weiterarbeiten wollen, er hätte das Geschäft jedoch gerne so, wie es ist, an einen Nachfolger übergeben. «Aber die Zeiten der Generalisten ist vorbei.» Geschäfte von dieser Grösse seien nicht mehr einfach zu betreiben. Sie benötigten viel Personal und ein grosses Lager. Dé­ner­vaud bietet von Kinder- über Damen- bis zu Herrenschuhen alles an. «Heute spezialisieren sich die Schuhgeschäfte auf ein Segment.» Darum hielt Dénervaud, der Eigentümer des Hauses an der Romontgasse  17 ist, nach jemandem Ausschau, der bereit war, wenigstens einen Teil der Ladenfläche zu mieten. Und er wurde fündig. «Im Herbst wird wieder ein Schuhgeschäft einziehen. Es ist jemand aus der Region, der sich auf einen bestimmten Bereich spezialisiert hat.» Mehr will Dénervaud noch nicht verraten. Das neue Geschäft wird das Unter- und das Erdgeschoss belegen. Die oberen Etagen werden umgebaut. Was genau geplant ist, will Dénervaud auch nicht sagen.

Mit der Schliessung von Dé­ner­vaud in der Stadt Freiburg geht die lange Geschichte des Familienunternehmens zu Ende. Das erste Schuhgeschäft eröffnete die Grossmutter von Claude Dénervaud 1930 in Romont. Filialen in Avry, Avenches, Bulle und Freiburg folgten. Alle wurden oder werden nun geschlossen: Jene in Bulle geht Ende April zu, jene in Freiburg eben Ende Mai. In den vergangenen Jahren seien die Geschäfte immer weniger gut gelaufen, sagt Dénervaud. Dafür gebe es verschiedene Gründe: «Für Geschäfte wie unseres ist es in Stadtzentren allgemein schwieriger geworden. Es gibt das Parkproblem, die Nulltoleranz der Polizei bei zu langem Parkieren, die besonders in der Stadt Freiburg praktiziert wird. Dann gibt es in Freiburg das Problem der Ladenöffnungszeiten, vor allem am Samstag. Unzählige Kundinnen und Kunden haben uns gesagt, dass sie am Samstag nicht mehr in die Stadt kommen.» Die fehlende Stunde zwischen 16 und 17  Uhr habe sich eindeutig auf die Einkünfte niedergeschlagen. «Negative Auswirkungen hatte aber auch der Onlinehandel.» All dies habe bewirkt, dass das Geschäft an der Romontgasse mit seiner grossen Ladenfläche die kritische Masse nicht mehr habe erreichen können. Dabei übt Dénervaud Kritik an der Politik: «Es ist ein Desaster. Die Politik hat die Leute verjagt, indem sie sie willentlich da­ran hinderte, mit dem Auto in die Stadt zu kommen. Das war für uns extrem schädlich.» Seit Jahren habe man mehr Parkplätze in Geschäftsnähe gefordert. «Aber das ist natürlich auch eine ideologische Frage. Die Städte werden immer mehr zu Fussgängerzonen.» Dénervaud glaubt dennoch, dass es für den Detailhandel in der Stadt noch eine Zukunft gibt. «Es müssen spezialisierte Läden sein mit einer guten Beratung.»

Dénervaud beschäftigt in Bulle und Freiburg derzeit zehn Angestellte. Drei Teilzeitangestellte haben noch keine neue Arbeit gefunden. Die anderen werden entweder vom neuen Schuhgeschäft übernommen, pensioniert, mit der Lehre fertig oder haben eine andere Stelle gefunden.

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«Es ist besser, etwas zu tun, als nichts zu machen. Wenn es nicht funktioniert, haben wir es wenigstens versucht.»

Laurent Dietrich

Gemeinderat Freiburg (CVP)