Leichtathletik 02.10.2019

Zuerst die Stabilität, dann der Wandel

Beim Murtenlauf werden am Wochenende rund 13 000 Läuferinnen und Läufer an den Start gehen.
Am Sonntag findet der Murtenlauf erstmals unter der Direktion von Olivier Gloor statt. Der 39-Jährige setzt dabei auf Bewährtes. Doch Gloor hat auch Ideen für die Zukunft – und bald einen neuen Präsidenten an seiner Seite.

Als die Organisatoren gestern zur traditionellen Medienorientierung vor dem Murtenlauf luden, war ein wichtiges Detail anders: Durch den Morgen führte nicht wie in den letzten 18 Jahren Laurent Meuwly, sondern Olivier Gloor. Keine leichte Aufgabe für den Mann aus Corcelles-près-­Payerne, der in seiner beruflichen Karriere unter anderem als Antidoping-Koordinator von Swiss Olympic tätig und acht Jahre lang Generalkoordinator der Athletissima in Lausanne war. Laurent Meuwly trug in den letzten Jahren den Übernamen Mister Murtenlauf, bei der Wahl zum Freiburger Sportler des Jahres wurde er für seinen Einsatz für den Event sogar mit dem Verdienstpreis ausgezeichnet. «Laurent Meuwly hat den Lauf geprägt. In diesem Jahr ist es mein oberstes Ziel, erst einmal Stabilität reinzubringen. Grosse Innovationen gibt es nicht», so Gloor.

«Viele Ideen im Hinterkopf»

Das heisst allerdings nicht, dass der 39-Jährige dem Murtenlauf nicht ebenfalls seine eigene Handschrift verleihen will. «Ich habe sehr viele Ideen im Hinterkopf. Aber die Neuerungen sparen wir uns für die nächsten Jahre auf.» Zum Beispiel könne es eine Idee sein, dem Vakuum entgegenzuwirken, in das junge Läuferinnen und Läufer geraten, wenn sie mit 16 nicht mehr in den Kinderkategorien starten können. «Oft melden sich diese in den darauffolgenden Jahren noch nicht für die Hauptkategorie an. Aber Freiburg ist eine Universitätsstadt. Warum nicht irgend­etwas für die Studenten auf die Beine stellen?»

Auch in Sachen Finanzierung müssten neue Ideen und Einnahmequellen gesucht werden. «Nicht, um irgendwelche Topcracks zu verpflichten, sondern um das Produkt für alle Läufer noch schöner und angenehmer zu machen.» Und überhaupt, um die Finanzierung weiter zu sichern. Denn man dürfe nicht vergessen, dass der Murtenlauf ein teurer Lauf sei. «Das Ziel ist nicht am gleichen Ort wie der Start. Die Strecke ist aufgrund der Tradition vorgegeben. Das alles ist wunderbar – bringt aber viele logistische Probleme mit sich.»

Die Logistik sei denn auch eine der grössten Herausforderungen, wie er in seinen ersten Monaten als Direktor gemerkt habe. «Als 1933 der erste Murtenlauf stattfand, gab es vielleicht 1200 immatrikulierte Autos im Kanton Freiburg. Und Züge waren definitiv kein Thema.» Das ist heute anders. Weil seit letztem Jahr die Züge in Murten regelmässiger fahren, müssen die Startzeiten noch mehr mit den Fahrplänen koordiniert werden, damit die Läufer nicht plötzlich kurz nach dem Start vor geschlossenen Barrieren stehen.

Weniger Erwachsene, mehr Kinder

Am Wochenende wird Gloor erstmals dafür verantwortlich sein, dass die Theorie auch in der Praxis funktioniert. «Ich freue mich – und habe Angst», sagt er offen und lacht. Bei seiner Premiere dürften nicht ganz so viele Läuferinnen und Läufer am Start sein wie letztes Jahr. «Wir gehen von knapp 13 000 Anmeldungen aus. Das ist ein leichter Rückgang im Vergleich zum letzten Jahr.» Den Startschuss wird Julien Sprunger geben. Zur 86.  Ausgabe des Laufs gönnen sich die Veranstalter den Gag mit der Nummer 86 von Freiburg-Gottéron.

Einen Rekord erwarten die Veranstalter hingegen beim Mini-Murtenlauf vom Samstag. Erstmals werden wohl über 3000 Kinder teilnehmen. «Er wird immer mehr zu einem Lauf im Lauf», sagt Gloor. Entsprechend wird dem Wettkampf immer mehr Priorität beigemessen. So wird dieses Jahr der Grossbildschirm auf dem Georges-Python-Platz erstmals bereits schon beim Mini-Murtenlauf in Betrieb sein. «Damit wollen wir den Event noch spektakulärer und dynamischer machen.» Gleichzeitig werden die Kinder in sämtlichen Kategorien eine Runde weniger absolvieren. «Damit auch wirklich alle mitmachen können, der Spass im Vordergrund steht und nicht zu viele überrundet werden.»

Die Premiere von Direktor Olivier Gloor wird am Wochenende übrigens gleichzeitig die Derniere von Daniel Lehmann als Präsident des Murtenlaufs sein. «Es wird meine 20. Ausgabe sein. Ich habe mich dazu entschieden, dass es gleichzeitig meine letzte ist.» Sein Nachfolger wird Frédéric Dumas, der den Lauf bereits bestens kennt und sich seit Jahren um das Elite-Feld kümmert.

Elite

Der 86. Murtenlauf ist keine gute Ausgabe für das Elite-Feld

Bevor er sein Amt als Elite-Verantwortlicher abgibt und Präsident des Murtenlaufs wird, wurde Frédéric Dumas noch einmal richtig gefordert. «Dieses Jahr hatte ich wirklich einen ganz schweren Stand. Die Konstellation ist äusserst ungünstig.» Gleich drei Veranstaltungen haben ihm das Leben schwer gemacht: Die derzeit stattfindende WM im Katar, die Berglauf-WM von Mitte November in Patagonien und der Berlin-Marathon vom letzten Sonntag. Vorjahressieger Tadesse Abraham etwa ist in Katar beim Marathon im Einsatz, er fehlt deshalb ebenso wie Titelverteidigerin Maude Mathys, die sich auf die Berglauf-WM vorbereitet. Mit Martina Strähl fehlt ein weiterer grosser Name – sie startete am Wochenende in Berlin. «Marathons werden zu Events. Gerade Berlin wird stets beliebter und wird deshalb immer mehr zur Konkurrenz für uns. Das war vor ein paar Jahren noch nicht so», sagt Dumas.

Ohne Kempf und Zahno

Allzu klingende Namen konnte Dumas, der für das Elite-Feld über ein Budget von rund 12000 Franken verfügt, gestern deshalb nicht präsentieren. Bei den Männern gehen unter anderen zwei Äthiopier als Favoriten an den Start: Der Vorjahreszweite Daba Bulesa Teshome und der Sieger des diesjährigen Greifenseelaufs Neda Gurara Muleta. In Sachen Schweizer zählen Jeremy Hunt, Julien Fleury oder Triathlon-Profi Thomas Huwiler zu den Top-Läufern. Eine bittere Last-Minute-Absage erhielt Dumas von Lokalmatador Andreas Kempf. Der Sensler, letztes Jahr auf Rang 13 klassiert, war zuletzt am Kränkeln und fühlt sich nach einer verletzungstechnisch schwierigen Saison körperlich nicht bereit. So gehören Jari Piller (TSV Düdingen) und Jérémy Schouwey (CS Hauteville) zu den heissesten Anwärtern auf den inoffiziellen Titel des schnellsten Freiburgers.

Bei den Frauen ist das Vanessa Pittet (CARC Romont). Zu ihren wichtigsten Herausforderinnen gehört Inge Jenny (TSV Düdingen). Schweizerin mit dem klingendsten Namen ist die Vorjahreszweite Laura Hrebec. Den Sieg unter sich ausmachen dürften jedoch zwei Äthiopierinnen: Meseret Gezahegn Merine, die im Mai den Grand Prix von Bern gewann, und die Siegerin des letzten Halbmarathons in Lausanne, Israel Silass Geletu. Wie bei den Männern fehlt mit Regula Zahno auch bei den Frauen eine der bekanntesten Freiburger Läuferinnen aus gesundheitlichen Gründen.